Interview mit Willem van Agtmael
: „Wir setzen Generationswechsel um“

Breuninger-Chef Willem van Agtmael verkündet die Zäsur: Er scheidet aus. Mit dem familienfremden Manager Willy Oergel sorgt der Handelskonzern für Kontinuität.
Von
Michael Heller, Philipp Scheffbuch
Stuttgart
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Nach 28 Jahren im Unternehmen gehört Willy Oergel fast zur Familie.

Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Breuninger-Chef Willem van Agtmael, der im September 65 Jahre alt wird, gibt die Führung ab. Das kündigt er im StZ-Interview an. Künftig sind Management und Eigentümerfunktion bei dem Handelskonzern getrennt; die Familien konzentrieren sich auf den Beirat. Van Agtmael erläutert den Umbau.


Herr van Agtmael, die Menschen in Deutschland haben den Konsum wiederentdeckt, weil die Wirtschaft gut läuft und das Sparen angesichts minimaler Zinsen unattraktiv ist. Spürt Breuninger diesen Aufschwung?
Diesen Aufschwung haben wir schon seit vielen Jahren. Schon 2002/2003 haben wir erkannt, dass das mittlere Segment, in dem wir zum Teil drin waren, total unter Druck geraten würde. Das wäre wie beim Hamburger gewesen; da wird man rausgedrückt. Unsere Stärke liegt im gehobeneren Teil, was etwas anderes ist als das Luxussegment. Die Folge war, dass wir Abteilungen, die sehr gut gingen, aus dem Sortiment genommen haben, zum Beispiel Damenspezialgrößen. Das hat einfach nicht zum Konzept eines Fashion-Lifestyle-Unternehmens gepasst. Wir sind nach oben gegangen, und das war die richtige Entscheidung. Andere, nicht ganz unbekannte Konzerne haben diese Entscheidung damals nicht getroffen und die Quittung bekommen.

Aber ohne konjunkturellen Rückenwind geht es nicht.
Natürlich, aber die Positionierung war wichtiger, denn das hat uns die richtigen Kunden gebracht. Darauf haben wir auch unser Vertriebsnetz ausgerichtet, kleine Häuser rausgenommen und auf größere gesetzt. Wir haben zum Beispiel in einem schwierigen Markt Leipzig aufgemacht, Karlsruhe verändert, Freiburg vergrößert und erneuert. Schon seit einigen Jahren liegen wir besser als der Markttrend.

Wie schlägt sich das in Zahlen nieder?
Wenn ich die ersten vier Monate zusammennehme, dann liegen wir bei knapp sieben Prozent Wachstum. Schon die Zahlen des vorigen Jahres waren mit einem Plus von sechs Prozent sehr gut; da haben wir netto 510 Millionen Euro Umsatz gemacht.

Wie hat sich die Ertragslage entwickelt?
Sie hat sich proportional entwickelt. Wir brauchen den Gewinn, um unser umfangreiches Investitionsprogramm bewältigen zu können. Gegenwärtig bauen wir in Düsseldorf, wo mit 15 000 Quadratmetern unser zweitgrößtes Haus entsteht. Und in Stuttgart haben wir für das Projekt „Da Vinci“ beziehungsweise „Dorotheen-Quartier“ schon einen zweistelligen Millionenbetrag ausgegeben.

Ist die bundesweite Expansion mit dem Vorhaben in Düsseldorf beendet?
Aber nein, schauen Sie nur auf die Landkarte. Da fehlen uns unter anderem München, Frankfurt und Hamburg. Wir suchen da unverändert weiter.

Beim Dorotheen-Quartier will Breuninger ja keine eigenen Flächen belegen. Schielen Sie auf das S-21-Areal, nachdem ja nun klar ist, dass das Vorhaben verwirklicht wird?
Gute Frage, was denken Sie? Sollen wir das machen?

Die Grundfrage ist ja, wie Sie mit der Abriegelung am Bahnhof umgehen, wo ganz Ludwigsburg und Esslingen abgefangen und daran gehindert wird, Richtung Innenstadt zu Breuninger zu laufen.
Richtig, und deshalb müssen wir uns in den nächsten Monaten mit der Frage eines Investments beschäftigen, unabhängig davon, ob wir ein Handelszentrum auf dem Areal jetzt für richtig oder falsch halten.

Im Herbst 2010 haben Sie uns im Interview gesagt, dass die nachfolgende Generation bei Breuninger gerade auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet werde. Für den Zeitpunkt Ihres Abschieds gebe es aber noch keine konkreten Pläne. Nun werden Sie im September 65 Jahre alt. Wie geht es weiter?
Ich bin 1973 zu Breuninger gekommen. Als Heinz Breuninger 1980 starb und ich sein Nachfolger war, habe ich in jenem Jahr die Verträge für die Zukunft gemacht. Ich habe damals einen Vertrag auf den September 2012 hin gemacht, weil ich gesagt habe, mit 65 Jahren möchte ich mich anderen Dingen widmen. So sieht mein Vertrag aus, und ich werde den Vertrag erfüllen.

Und wer kommt nach Ihnen?
Darüber haben wir im Kreise der Gesellschafter lange diskutiert und nun entschieden, dass Willy Oergel Vorsitzender der Unternehmensleitung wird. Ich bezeichne ihn als meinen Weggefährten, denn er ist seit 28 Jahren im Unternehmen. Er ist ein ausgezeichneter Manager, ein Handelsexperte und auch ein Vertrauter der Familien, so dass Kontinuität gewährleistet ist.

Wie wird die Unternehmensleitung künftig aussehen?
Die bisherige Dreierleitung wird auf fünf erweitert. Neben Willy Oergel ist auch unser Finanzchef, Marcus Weller, schon länger in der Unternehmensleitung. Hinzu kommen werden Holger Blecker, der für den Einkauf zuständig ist, Uwe Hildebrand mit der Verantwortung für Verkauf und Logistik sowie Daniel Ohr als Leiter Marketing.

Wurde auch über eine externe Lösung an der Spitze diskutiert?
Natürlich, aber wir haben uns für die interne Lösung entschieden, weil das aus unserem Familiendenken heraus Kontinuität gewährleistet. Mit 28 Jahren im Unternehmen gehört Willy Oergel fast schon zur Familie.

Welche Änderungen auf der Aufsichts- und Kontrollebene zieht der Wechsel nach sich?
Ich werde im September in unser Aufsichtsgremium, den Beirat gehen. Aber wir haben auch hier einen Generationswechsel vollzogen. Mein Sohn Jeroen van Agtmael und Harald Meilicke, der Sohn meines Mitgesellschafters Wienand Meilicke, die beide Ende 30 sind, werden den Beiratsvorsitz gemeinsam übernehmen. Wienand Meilicke wird dann den Beiratsvorsitz abgeben und ebenso wie ich dem Beirat als Mitglied angehören. Wir haben hier konsequente Entscheidungen getroffen und setzen den Generationswechsel um – anders als in vielen anderen Unternehmen, wo der bisherige Chef nach seinem Ausscheiden Aufsichtsratsvorsitzender wird. Für uns als Familienunternehmen ist es wichtig, dass die nächste Generation in ihre neue Aufgabe hineinwächst. Zwei weitere Mandate übernimmt die Familie Bretschneider/Seidel, die ja mit etwa 20 Prozent beteiligt ist: Walter Bretschneider und auch hier als Vertreter der nächsten Generation Michael Seidel.

Warum nehmen Sie keine externen Vertreter in den Beirat auf?
Im Moment ist das ein komplett familienbesetztes Gremium, aber wir wollen es in den nächsten fünf bis sieben Jahren um externe Mitglieder erweitern. Dann werden wir die Familienpräsenz vielleicht sogar ein wenig reduzieren.

Werden Management und Eigentum dauerhaft getrennt?
Wir haben diese Entscheidung für die Zukunft so getroffen, da sind die Pläne klar. Aber ich finde, man darf niemals nie sagen; alles im Leben ist reversibel.

In der Vergangenheit konnte der Eindruck entstehen, das Familienunternehmen Breuninger werde zum Familienunternehmen van Agtmael. Ihre Kinder und ihr Schwiegersohn waren im Management tätig. Warum folgt Ihnen niemand aus der Familie nach?
Für die Kinder ist es eine sehr gute Ausbildungszeit im Unternehmen gewesen. Sie haben dann selbst ihre Entscheidungen für die Zukunft getroffen; das waren keine Entscheidungen, die getroffen wurden. Natürlich gibt es in Diskussionen mit Mitgesellschaftern, bei denen es um Themen der Corporate Governance geht, auch Meinungsverschiedenheiten. Aber das wurde alles lange und ausführlich behandelt und ausgeräumt. Die Lösungen, die gefunden wurden, sind sehr gut, alle Beteiligten stehen dahinter. Ich bin entspannt und zufrieden.

Gibt es Vereinbarungen der drei Eignergruppen für die Lösung etwaiger Konflikte?
Nein, wir haben alle eine gemeinsame Verantwortung für mehr als 5000 Mitarbeiter. Die Beschäftigten lagen mir immer besonders am Herzen – von Motivation und Ausbildung über Mentoring und Coaching. Und wir haben die Verantwortung für unsere vielen Kunden. Darum geht es doch primär. Ich erinnere daran, dass wir in den vergangenen 30 Jahren im Beirat keine Entscheidung getroffen haben, bei der eine Abstimmung nötig war. So soll es auch in Zukunft sein. Heinz Breuninger hat mir damals die Chance gegeben, sehr jung Verantwortung zu übernehmen. Und in dieser Weise ist jetzt bei uns die nächste Generation dran, die das Unternehmen übrigens in einem sehr guten Zustand übernimmt.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Wahrscheinlich sagen das alle, aber ich freue mich wirklich darauf, mehr Zeit zu haben. Ich habe verschiedene Beiratsmandate und Ehrenämter, um die ich mich intensiver kümmern will: Ich bin unter anderem Stiftungsrat der deutschen Rettungsflugwacht, in der Bürger-Stiftung, Stiftungsrat der Charlottenklinik und Vorsitzender des Kuratoriums der Merz-Akademie. Dann habe ich das niederländische Honorarkonsulat, was ich in den nächsten Jahren weiterführen werde. Und dann bin ich seit 30 Jahren Hobbypilot; dafür mehr Zeit zu haben, darauf freue ich mich.

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