Joachim Ringelnatz und Stuttgart
: „ ... und vergaß auch nicht, sehr laut zu grüßen“

Vor 90 Jahren, am 17. November 1934, starb der Dichter, Kabarettist und Maler Joachim Ringelnatz in Berlin. Zu den vielen Orten, die er bedichtet hat, zählt auch Stuttgart. Neben den eigenen Befindlichkeiten beschrieb er treffsicher lokale Eigenheiten.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Joachim Ringelnatz (1883-1934)

dpa

Hans Böttcher, der sich Joachim Ringelnatz nannte, am 7. August 1883 im sächsischen Wurzen geboren wurde, ein bewegtes Leben zu Lande und zur See führte und, nachdem ihm die Nazis Auftrittsverbote erteilt hatten, am 17. November 1934 in Berlin fast mittellos an Tuberkulose starb, stand einst auch in Stuttgart auf der Kabarettbühne. Was er hier erlebte und empfand, hat er in vier Gedichten aufgeschrieben. Das wohl bekannteste lautet schlicht „Stuttgart“ und ist in seinem 1927 erschienen „Reisebuch eines Artisten“ enthalten. Es handelt von lokalen Vorzügen und Eigenheiten und beginnt mit den Zeilen:

Ich kam von Düsseldorf, dort sah ich Radschläger.

Ich kam nach Stuttgart, dort trank ich Steinhäger

Denn mit dem schwäbischen Wein

Scheint mir nicht allzu viel los zu sein,

Wenigstens nicht mit dem billigen.

Doch ich wohnte in dem Olgabau,

Einem Schlosse einer hohen Frau,

Die mir auch die besten Sorten tat bewilligen.

Ach, ich schwirrte von Vergnügen zu Vergnügen.

Schien auch dem Publikum zu genügen.

Durfte über ein Auto verfügen,

Fuhr mit diesem herrschaftlichen Benz

Wie eine quietschfidele Eminenz

Nach Marbach an dem Hause vor,

Wo Kodweiß Schillern einst gebor (...)

Und einige Zeilen weiter:

Kehren wir nach Stuttgart nun zurück. —

Und wer will, der mag dort bleiben. —

Ich persönlich schwamm dort wie ein Schwamm im Glück,

Heißt: Ich soff mich voll und ließ mich treiben.

Nach der Wettermeldung war es kalt.

Ich besuchte eine Irrenanstalt.

Eine Schizophrenin sprach so wunderwirr.

Ach, was ich noch alles schaute!

Und wie fürstlich wohnte, wie gesagt, ich hier!

Daß ich niemals mich aufs Nachtgeschirr

Und auch sonst mir vieles nicht getraute.

„Dennoch ließen Blicke mich leicht büßen, dass ich kein Stuttgarter bin“.

Stuttgarter Flair und Eigenart schwingt auch in seinem Gedicht über „Stuttgarts Wein- und Bäckerstübchen“ mit:

Vor dem heißen Ofen balgen

Katzen sich. Wie dumme Jungen.

Auf dem Tisch an kleinem Galgen

Hängen Brezel, schön geschwungen.

Würdebärte schlürfen kräftig

Wichtig diskutierte Weine. –

Links im Laden bückt die kleine

Bäckerstochter sich geschäftig.

Zinn blitzt von der Holz-Fassade.

Zeichnungen an allen Wänden,

(Stumm, mit mehlbestaubten Händen

Rückt der Wirt die schiefen gerade.)

Setzte mich so ganz bescheiden hin

Und vergaß auch nicht, sehr laut zu grüßen.

Dennoch ließen Blicke mich leicht büßen,

Daß ich kein Stuttgarter bin.

Von Ringelnatz, der lange in München wohnte und legendäre Auftritte im Schwabinger „Simpel von Kathi Kobus hatte, stammt auch der bekannte Satz: „Ja Stuttgart ist schön, gegen dieses Scheißmünchen ein Paris.“ Gewürdigt wurde Ringelnatz in Stuttgart durch das 1989 erschienene, leider vergriffene Buch „Dichter sehen eine Stadt“, in dem Jürgen Holwein und Horst Brandstätter Dichter versammelten, die Stuttgart im Laufe der Zeit besungen haben. Immer wieder mal wird der gleichermaßen gedankenleichte und -schwere Poet, der Ameisen auf ihrem Weg nach Australien in Altona umdrehen ließ, und zugleich das drohende politische Unheil seiner Zeit kommen sah, auch auf Stuttgarter Theaterbühnen zitiert.

Einen dauerhaften Platz im Herzen der Stadt hat Ringelnatz aber nicht so recht gefunden. Dabei könnte sie seinen Schalk so gut gebrauchen. Am Rande von Sillenbuch in der Nähe des Waldheims Clara-Zetkin-Haus ist ein Weg nach dem Dichter benannt. Wie er in seinem Gedicht „Ehrgeiz“ verriet, „pfiff er durchaus nicht auf Ehre“ und wünschte sich halb im Ernst, „dass man nach meinem Tod (grano salis) ein Gässchen nach mir benennt“. Dort würde er „spuken“. Es darf bezweifelt werden, dass das in Sillenbuch der Fall ist. Ringelnatz stand der Sinn eher nach der Altstadt.

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