Jubiläum Hedwig-Dohm-Schule in Stuttgart
: Meilenstein für die Ausbildung der Frauen

Kinder, Küche, Kirche? Die Berliner Frauenrechtlerin Hedwig Dohm hielt von den berüchtigten drei K überhaupt nichts. Sie setzte bei der Emanzipation von Mädchen und junger Frauen auf die Bildung. 150 Jahre nach ihrer Gründung füllt die Hedwig-Dohm-Schule in Stuttgart dieses Ideal weiterhin mit Leben.
Von
Heidemarie A. Hechtel
Stuttgart
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Die Leitung der Hedwig-Dohm-Schule – Andreas Peretz (links), Daniela Bode-Jarsumbeck und Sven Brockmeier – ist zum 150-jährigen Jubiläum ihrer Schule stilecht in die Garderobe der damaligen Zeit geschlüpft.

Lichtgut/Max Kovalenko

Sie könnten einer historischen Fotografie entstiegen sein: Die Dame in blauer Samtrobe mit Federhut und die zwei Herren im Morning Suit mit Stresemann, Cutaway und Zylinder, die in der Hedwig-Dohm-Schule im Stuttgarter Norden bei den Wagenhallen willkommen heißen. Um stilecht das 150-jährige Bestehen der Beruflichen Schule für Ernährungswissenschaft, Hauswirtschaft und Sozialwesen zu feiern, haben sich Sven Brockmeier, Andreas Peretz und Daniela Bode-Jarsumbeck, der Schulleiter, sein Stellvertreter und die Abteilungsleiterin, vom Kostümverleih Wagner nach der Mode des 19. Jahrhunderts ausstaffieren lassen. Denn die Wurzeln der Schule gehen zurück auf das Jahr 1874, in dem der Schwäbische Frauenverein die „Frauenarbeitsschule“ gegründet und bereits im ersten Domizil in der Marienstraße 3 mit zwei Lehrerinnen und 23 Schülerinnen den Unterricht aufgenommen hat. Was nach häuslichen Beschäftigungen wie Kochen und Handarbeiten klingt, war jedoch ein Meilenstein auf dem Weg der Frauenbildung und damit der Emanzipation, weil junge Mädchen hier nicht nur Handarbeitstechniken für den Broterwerb lernten, sondern auch Industrie-, Arbeits- und Fachlehrerinnen ausgebildet und obendrein Arbeitsstellen vermittelt wurden.

1000 Schülerinnen und Schüler

Dieser Tradition, über die Jahrzehnte weiter entwickelt nach den gesellschaftspolitischen Anforderungen, ist man bis heute in dieser Schule verpflichtet. Seit 1916 unter städtischer Regie, erwählte sie sich 1986 eine Namenspatronin, wie sie keine bessere hätte finden können: Hedwig Dohm. Die Berliner Schriftstellerin und Frauenrechtlerin (1831-1919) kämpfte für die Gleichberechtigung der Frauen in Politik und Bildung, forderte den Zugang zu allen Schulen und Berufen und setzte sich für das Wahlrecht ein, dessen Einführung sie 1918 noch erlebte.

Die Frauenarbeitsschule musste schon zwei Jahre nach der Gründung umziehen in die Reinsburgstraße, der große Andrang bildungshungriger junger Frauen hatte sie aus allen Nähten platzen lassen. Räumliche Enge und die Verteilung auf Standorte in der ganzen Stadt bei 1400 Schülerinnen in 22 Klassen anno 1954 begleiteten die Schule, bis sie 2013 von ihrem letzten Domizil in der Ludwigstraße in den Neubau mit der passenden Adresse Hedwig-Dohm-Straße 3 umziehen und alle Bildungsgänge unter einem Dach vereinigen konnte. Mit tausend Schülerinnen und Schülern, die Mädchen mit 80 Prozent in der Mehrzahl, in mehr als 50 Klassen und einem Kollegium von rund hundert Lehrerinnen und Lehrern.

„Keiner wird zurückgelassen“

Das Bild der Namenspatronin Hedwig Dohm begegnet einem nicht nur im Foyer der Schule, sondern auch im Büro des Schulleiters. „Ihr Motto hieß ,Schaffe Möglichkeiten!’, und genau das tun wir hier und decken die ganze Bandbreite an Bildungsgängen ab, denn wir bieten 18 Schularten an“, erklärt Schulleiter Brockmeier. Junge Menschen hätten die Wahl: Ob es eine hauswirtschaftliche und ernährungswissenschaftliche oder eine sozialpädagogische Ausbildung sein soll, welche Schulart und welche Abschlüsse sie anstreben, die vom Hauptschulabschluss über die Mittlere Reife bis zu Fachhochschulreife und Abitur reichen. „Keiner wird zurückgelassen, kein Abschluss ohne Anschluss“, erinnert Andreas Peretz an das Prinzip, das Chancengleichheit gewährleisten soll.

Das gilt auch für die Ausbildungsgänge für Flüchtlinge und Asylbewerber ohne Deutschkenntnisse und zur Nachqualifizierung für Erzieherinnen und Erzieher aus dem Ausland. „Die Schule ist ein Abbild aller gesellschaftlichen Entwicklungen“, betont Brockmeier. Die beruflichen Aussichten seien für Absolventen im hauswirtschaftlichen und ernährungswissenschaftlichen wie auch sozialpädagogischen Bereich glänzend, die Personalnot in entsprechenden Einrichtungen, von Altenheimen bis Kitas, ist hinreichend bekannt.

Gesellschaftspolitische Bildung als Pfeiler

„Genauso wichtig“, versichert Brockmeier, „sind uns die gesellschaftspolitische Bildung und das Rollenbild der jungen Leute.“ Die Schule ist seit dem Jahr 2017 Partnerschule der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. Der Verpflichtung zu regelmäßigen Aktionen in Demokratiebildung und Erinnerungskultur kommen die Schüler beim Putzen von Stolpersteinen, Besuchen in der Synagoge oder im Hotel Silber nach. Hedwig Dohm hätte nicht nur daran hier ihre helle Freude.

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