Jüdische Studierende
: „Für uns ist es ratsam, am 31. Oktober die Stuttgarter Innenstadt zu meiden“

InterviewMark Rubinstein, 22, ist Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Württemberg. Im Interview drückt er seine Sorge über die Gen-Z-Demos aus, spricht über schwindendes Sicherheitsgefühl und Antisemitismus an der Uni.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Jahresbericht antisemitische Vorfälle.: 13.07.2026, Baden-Württemberg, Stuttgart: Eine Kippa, eine traditionelle Kopfbedeckung für Juden, liegt in der Synagoge im Gemeindezentrum der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (gestellte Szene).  Jüdinnen und Juden in Baden-Württemberg werden nach Einschätzung der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) in ihrem Alltag regelmäßig angefeindet. Das geht aus dem ersten Jahresbericht der Meldestelle zu antisemitischen Vorfällen im vergangenen Jahr hervor. (zu dpa: «Bericht zeigt: Das erleben Juden im Südwesten im Alltag») Foto: Bernd Weißbrod/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Blick in die Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs im Hospitalviertel

Bernd Weißbrod/dpa

In bundesweit mehr als 20 Städten finden an diesem Samstag Demos der Gruppierung  „Gen Z regelt“ statt. Auch in Stuttgart gehen junge Leute für ein ganzes Bündel von Forderungen auf die Straße. Welchen Charakter werden diese Demos haben? Mark Rubinstein, Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Württemberg, teilt die Besorgnis des Zentralrats der Juden, der angesichts der Rhetorik in sozialen Medien alarmiert ist.

Herr Rubinstein, wie blicken Sie auf die Gen-Z-Demos an diesem Wochenende? Sie gehören selbst zu der Generation, die so bezeichnet wird.

Ich bin besorgt wegen der gewaltbereiten Rhetorik, mit der die Demos angekündigt werden, und ich bin zugleich sehr gespannt, wie das in echt aussehen wird und ob sich die Bilder aus Frankreich in Deutschland widerspiegeln werden.

Welche  Rhetorik meinen Sie?

Wenn man sich die G-Z-Seiten auf Instagram anschaut, dem nachrichtlichen Hauptumschlagplatz der jungen Generation, dann findet man da Posts wie „Das wird am 31. Oktober los sein“, unterlegt mit Bildern von brennenden Autos in Frankreich. Es gibt da eine  „Denen-zeigen-wir's-jetzt“-Rhetorik. Es gibt auch etliche Aufrufe, dass die Leute aus den umliegenden Städten nach Stuttgart kommen sollen. Interessant wird sein, wie groß die Demos ausfallen und werden und wie gewaltbereit bestimmte Teilnehmer auftreten werden.

Teilen Sie inhaltlich Anliegen dieser Protestbewegung?

Zum Teil ja. Auch unsere Mitglieder diskutieren das Thema Wehrpflicht. Die finanzielle Situation bereitet allen in der jungen Generation Sorgen. Armut im Studium, marode Schulen und Unis das betrifft viele. Dennoch ist es besorgniserregend, mit welcher Rhetorik da gearbeitet wird.

Die Veranstalter erklären, friedlich demonstrieren zu wollen. Extremistische Gruppen, verfassungsfeindliche Symbole, Rassismus und Hetze hätten dort keinen Platz. Demnach sollte dort auch kein Platz für Antisemitismus sein. Wie sehen Sie das?

Theoretisch ja. Nach dem eigenen Selbstverständnis ist niemand böse. Da sind alle Menschen friedlich und kämpfen für das Gute oder das, was sie dafür halten. Deshalb finde ich es schwierig, sich daran zu orientieren. In der politischen Kommunikation kann man sich insgesamt nur auf wenige Aussagen verlassen. Und das hier ist eine Facette davon.

Mark Rubinstein

„Man ist daran gewöhnt, in einer teils feindlichen Atmosphäre zu leben“:: Mark Rubinstein

Fran Friedrich,

Der Zentralrat der Juden sieht am Wochenende eine „erhöhte Gefährdungslage“. Er warnt davor, dass die Demos von extremistischen Gruppen unterwandert werden und die Stimmung in antisemitisch motivierte Gewalt umschlagen könnte. Ist es das, was auch Sie umtreibt?

Ja, das ist eine der zentralen Sorgen, die ich und viele von uns teilen. Wenn man die Instagram-Clips anschaut, sieht man viele Palästina-Flaggen und antisemitische Parolen. Es geht darum, alles Mögliche „zu befreien“. Der Slogan „Free Palestine“ ist eine zentrale Ader dieser Bewegung geworden. Deshalb haben wir auch eine ausdrückliche Warnung von unserer Gemeinde bekommen.

Der 31.Oktober fällt auf einen Schabbat. Der Zentralrat rät, Juden sollten sich im öffentlichen Raum besonders aufmerksam verhalten und größere Menschenansammlungen meiden. Wie gehen Sie damit um?

Dass es eine Warnung sowohl vom Zentralrat als auch von unserer Gemeinde gibt, ist bisher kaum vorgekommen. Dementsprechend nehmen wir das Demo-Geschehen sehr ernst. Wir werden an diesem Wochenende deshalb keine Veranstaltungen machen. Es ist für uns ratsam, Menschenansammlungen und auch die Stuttgarter Innenstadt insgesamt zu meiden.

Immer wieder gibt es zu Demos, bei denen antisemitische oder antiisraelische Stimmen laut werden. Was macht das mit Ihrem Sicherheitsbedürfnis oder ist das etwas, woran man sich gewöhnt?

Es ist ambivalent. Einerseits ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Man ist daran gewöhnt, in einer teils feindlichen Atmosphäre zu leben und damit konfrontiert zu sein, dass größere Teile unserer Generation sich für die Sicherheit von jüdischen Menschen nicht wirklich interessieren. Dieses Desinteresse der Jüngeren stellen wir auch in der Erinnerungsarbeit fest. Man kann sich aber nicht an alles gewöhnen. Das Sicherheitsbedürfnis ist bei uns immer ein großes Thema und das Gefühl von Sicherheit ist in der jüdischen Community heute deutlich schwächer ausgeprägt als es mal war. Und wenn man sich die Zustimmungswerte für Rechtsextremisten und diffuse linke Gruppierungen anschaut, dann macht einem das keine große Hoffnung .Es gibt den Begriff der politischen Obdachlosigkeit. Das beschreibt den Zustand, in dem sich viele jüdische Menschen heute sehen.

Sie sind Student an der Uni Tübingen. Begegnen Ihnen dort antisemitische Ressentiments?

Bei Antisemitismus lautet die Frage nicht ob, sondern wie viel. Manchmal ist es wenig, dann ist es gut. Manchmal ist es mehr, dann ist es schlecht. Manchmal artet es komplett aus, dann ist es sehr sehr schlecht. Tübingen ist in unserer Region das härteste Pflaster. Mir als jüdischer Person begegnet oftmals eine Atmosphäre des Nicht-willkommen-Seins. Seit einiger Zeit trage ich einen Bart. Da gibt es dann Aussagen wie: „Mit Bart siehst du ja voll jüdisch aus.“ Oder: „Zum Glück bist du einer von den Guten, sonst wär's komisch zwischen uns.“ Meine Eltern haben mir eingeschärft, niemandem zu  erzählen, dass ich Jude bin. Das ist immer noch ein solider Hinweis. Man muss ständig auf der Hut sein.

Mark Rubinstein

Zur Person Mark Rubinstein, Jahrgang 2004, studiert an der Universität Tübingen. Er ist Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Württemberg (JSUW). Sie versteht sich als Interessenvertretung von Jüdinnen und Juden zwischen 18 und 35 Jahren und vertritt rund 100 jüdische Auszubildende, Studierende und Young Professionals in Württemberg.

Veranstaltung Die Friedrich-Naumann-Stiftung lädt für diesen Mittwoch, 28.10., um 19 Uhr zu einer Diskussion ein. Thema: Wie Islamisten und Linksradikale den Diskurs an Universitäten prägen. Es diskutieren die Journalistin und Buchautorin Franziska Sittig („Die intellektuelle Selbstzerstörung“), der ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrich Lechte und Mark Rubinstein, Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Württemberg. Ort: UrbanHub in der Lange Straße 41 in Stuttgart. Der Eintritt ist frei, eine digitale Anmeldung erforderlich. red