Junger Boa-Chef bleibt gelassen
: Sicher feiern? Stuttgarts älteste Disco trotzt der Angstdebatte

Während ältere Partygänger über ein mulmiges Gefühl in der City klagen, erlebt die Boa, Stuttgarts Dino des Nachtlebens, einen Boom. Der 25-jährige Chef sieht die Aufregung gelassen.
Von
Uwe Bogen
Stuttgart
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Der 25-jährige Henrik Biegger leitet nach dem Tod des langjährigen Betreibers Rainer die Boa, Stuttgarts älteste Disco.

Andreas Engelhard

Die Diskussion um die Sicherheit in der Stuttgarter Innenstadt beschäftigt seit Monaten besonders ältere Partygänger. Viele von ihnen fühlen sich – zumindest subjektiv – nicht mehr wohl im Zentrum. Objektiv gebe es dafür keinen Grund, sagt Henrik Biegger, der 25-jährige Chef der Boa, der ältesten Disco von Stuttgart und versichert: „In den vergangenen zwei Jahren, in denen ich dabei bin, gab es keinerlei Beschwerden wegen unsicherer Lage – im Gegenteil. Taxi und Bahn sind nur wenige Minuten entfernt, alles ist entspannt.“

Und während an vielen Orten die Verunsicherung dominiert, Clubs über Umsatzrückgänge klagen, vermeldet Stuttgarts älteste Disco ein Ausrufezeichen: Die legendäre Heiligabend-Party ist seit August ausverkauft!

Seit über vier Jahrzehnten beginnt die Feier am 24. Dezember um 22 Uhr – ein Ritual, das Generationen verbindet. „Es kommen ganze Familien, Eltern und Großeltern, die schon früher in der Boa waren“, sagt Biegger. Die Weihnachtsdekoration sei eine „11 von 10“. Einst war der Abend für viele Jugendliche die große Flucht aus dem Elternhaus nach der Bescherung – heute bringen manche Gäste sogar ihre Eltern mit.

Für Aufsehen sorgte die Rückkehr der 80er-Kultparty La Boum in den Perkins Park, die zuletzt in der Boa beheimatet war. Der Veranstalter Steffen Eifert erklärte, ältere Gäste hätten sich in der Innenstadt nicht mehr sicher gefühlt. Biegger kann diese Wahrnehmung nicht nachvollziehen. Die sozialen Medien zeichneten ein verzerrtes Bild, sagt er. „Da wird selten zwischen stark frequentierten Orten wie dem Schlossplatz und anderen Bereichen unterschieden.“ Auf der Tübinger Straße bei der Boa habe es keinerlei Beschwerden gegeben, versichert Biegger.

Die Boa hat es immer wieder geschafft, junge Leut anzulocken.

Foto: Boa

Ein junger Chef führt eine Legende weiter

Die Boa ist ein Stück Stadtgeschichte: 1977 gegründet, aus einer Zeit, in der man noch „Disco“ sagte. Während alle anderen Tanzlokale aus dieser Ära längst verschwunden sind – selbst der zeitgleich gegründete Kings Club ist seit langem geschlossen– zieht die Boa weiterhin jede Generation aufs Neue an. Besonders beliebt sind Partys mit Hits der 1990er und 2000er. „Es läuft sehr gut in der Boa“, sagt der junge Chef. 2027 feiert die „Schlange“ den 50. Geburtstag.

Dass heute ausgerechnet ein 25-Jähriger das traditionsreiche Haus führt, ist fast schicksalhaft. Biegger lernte den langjährigen Boa-Chef Rainer Frankfurth zufällig auf der Tübinger Straße kennen. Die beiden verstanden sich sofort. Der damals 60-Jährige begann, ihn als Nachfolger aufzubauen.

„Der Henrik war für Rainer der Sohn, den er nie hatte“, erinnert sich ein Boa-Stammgast. Biegger selbst sagt: „Ich hab von Rainer gelernt.“ Nach Frankfurths Tod im August 2024 war für ihn klar, dass er die Disco im Sinne seines Mentors weiterführt.

Ein Ort voller Geschichten – und voller Leben

Wenn Biegger Bekannten seiner Eltern erzählt, dass er Chef der Boa ist, reagieren viele überrascht – und sofort nostalgisch. „Was, die Boa gibt’s noch?“, fragen sie. Die Antwort löst regelmäßig eine Flut alter Geschichten aus: Anekdoten über wilde Nächte, legendäre Begegnungen und kleine Mythen des Stuttgarter Nachtlebens.

Eine besonders beliebte Story erzählt, wie der heutige Oberbürgermeister Frank Nopper als Schüler einst vom Boa-Türsteher abgewiesen wurde – und erst später, in Begleitung des schönsten Mädchens seiner Klasse, hineinkam.

Während viele Clubs seit Corona mit sinkenden Besucherzahlen kämpfen, ist die Boa meist voll. Generationen tanzen hier weiter Seite an Seite – an Weihnachten ohnehin alle zusammen. Die Boa zeigt: Manche Klassiker werden nicht alt. Sie werden zeitlos.

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