Kaufhof-Filiale Eberhardstraße: Verwaltung statt Kultur? Freie Szene ist irritiert über neue Pläne

Weckt unterschiedliche Begehrlichkeiten: die Kaufhof-Filiale in der Eberhardstraße
Lichtgut/Leif PiechowskiEines kann man den Künstlerinnen und Künstlern der freien Szene garantiert nicht vorwerfen: mangelnde Flexibilität. Sie proben an Orten, die andere, Kirchen und Post zum Beispiel, nicht mehr brauchen. Und auch für ihre Auftritte finden sie immer neue Bühnen in der Stadt. Tanz zum Beispiel kann man auch an ungewöhnlichen Orten erleben, auf der Straße, im Museum oder in einem Architekturbüro.
Auf Dauer ist dieses Nomadentum aber auch kräftezehrend. Und so verspricht sich die Freie Tanz- und Theaterszene Stuttgart (FTTS) von einem eigenen Haus mit Proben- und Auftrittsmöglichkeit neben der Lösung aller Raumnot einen Schub in Sachen Sichtbarkeit und Vernetzung.
Die eigene Bühne schien schon wiederholt in greifbarer Nähe: Erst im Anbau fürs Theaterhaus, dann in der ehemaligen Diskothek Penthouse; doch die Planungen erwiesen sich entweder als nicht flexibel genug für die 50 ganz unterschiedlichen Ensembles oder als zu teuer. Zuletzt zeichnete sich auch auf politischer Ebene eine Mehrheit dafür ab, die ehemalige Kaufhof-Filiale in der Eberhardstraße zum Kulturhaus umzubauen und dort neben FTTS auch das Haus der Kulturen (HdK) unterzubringen.
Die Stadt muss sparen
Wer diese Vorgeschichte kennt, kann die Irritation der Betroffenen verstehen, für die die jüngste Nachrichtenlage sorgt: Weil die Stadt sparen muss, favorisiere die Rathausspitze nun die Kaufhof-Filiale als Standort für ein geplantes Verwaltungszentrum; so war es jüngst in dieser Zeitung zu lesen. Zu teuer und zu weit in der Zukunft liege die Realisierung dieses Office Hubs am bisher geplanten Ort bei der alten Bahndirektion. Noch vor der Sommerpause soll der Gemeinderat über das weitere Vorgehen entscheiden.
FTTS und HdK sehen sich vor diesem Hintergrund zu einer klaren Positionierung genötigt. „Wir brauchen Planungssicherheit – jetzt!“, ist ihr Appell in Richtung Stadträte überschrieben. „Nach Jahren der Standortsuche und einem klaren Beschluss des Stuttgarter Gemeinderats vom Mai 2024 für ein verbindendes Kulturprojekt im ehemaligen Galeria-Kaufhof-Gebäude fordern beide Organisationen, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen: Das Kaufhaus muss Kulturhaus werden!“, heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung von FTTS und HdK.
Kaufhof-Filiale erwies sich nach Prüfung als beste Lösung
Die Stadt habe mehr als zehn Standorte geprüft, die Kaufhof-Filiale in der Eberhardstraße 28 habe sich dabei als beste Lösung erwiesen. Beide Institutionen hatten sich dieses Mal auf die Verlässlichkeit der Zusage verlassen und arbeiten derzeit mit einem Architekturbüro an drei möglichen Varianten der Raumplanung für ein Kulturkaufhaus. In Auftrag gegeben hat die Raumstudie das Amt für Stadtplanung und Wohnen, finanziert wird sie aus Bundesmitteln.
„Wir warten seit vielen Jahren auf dauerhafte und angemessene Räumlichkeiten“, erklären nun die Sprecherinnen und Sprecher von FTTS und HdK. „Die Verunsicherung in unseren Reihen wächst.“ Und: „Alle Seiten müssen jetzt zu dem Beschluss vom Mai 2024 stehen.“

Teilen sich seit 1. Juli die FTTS-Geschäftsführung: Philipp Wolpert und Tobias Frühauf
Foto: Igor TurinBei FTTS und HdK fällt die erneute Verunsicherung bei der Suche nach einer eigenen Spielstätte in Umbruchphasen. Das Forum der Kulturen muss als Dachverband der Stuttgarter Migrantenvereine bis zum 1. September die Nachfolge für den scheidenden Geschäftsführer Rolf Graser klären.
In der FTTS, wo Thomas Guggi sein Amt zum 30. Juni niederlegt, ist das bereits passiert: Am 1. Juli haben Tobias Frühauf und Philipp Wolpert die Leitung der FTTS als Tandem übernommen. Die beiden betreiben bereits ein Theaterlabel und leiten das Theaterschiff Heilbronn; Motivation für den Zusatzjob in Stuttgart war auch die Aussicht auf die Erweiterung der Proben- und Auftrittsmöglichkeiten.
Die neuen FTTS-Geschäftsführer zeigen sich zum Antritt entsprechend kämpferisch – und auch zuversichtlich, wenn sie ankündigen: „Die Perspektive, dass die Freie Tanz- und Theaterszene einen Ort betreibt, an dem künstlerische Produktion und Präsentation unter einem Dach möglich sind, werden wir ins öffentliche Bewusstsein rufen – denn Stuttgart wird diesen Ort nicht nur brauchen, sondern sich in diesen auch verlieben.“
Info
FTTS
Thomas Guggi, von 2020 bis 2025 Geschäftsführer der Freien Tanz- und Theaterszene (FTTS), scheidet zum 30. Juni aus dem Amt. Seine Nachfolger sind Tobias Frühauf und Philipp Wolpert, die als Tandem antreten. Die beiden arbeiten seit fast zehn Jahren im Team an der Schnittstelle von freier Szene, öffentlichen