Kiffen in Stuttgart
: Cannabis-Konsum seit Legalisierung gestiegen – mit welchen Folgen?

Seit gut einem Jahr ist der Anbau, Besitz und Konsum von Cannabis teilweise legalisiert – mit Auswirkungen. So wird in Stuttgart öfter gekifft, wie Messungen des Abwassers nun ergeben haben. Was Experten zu dieser Zunahme sagen.
Von
Bettina Hartmann
Stuttgart

Außenansicht an der Rauchbombe, Stuttgarts erstem Laden, in dem sich alles um die Hanfpflanze dreht.

Lichtgut/Leif Piechowski

Der Cannabis-Konsum ist in Stuttgart seit der Teillegalisierung am 1. April 2024 um 13 Prozent gestiegen. Das geht aus aktuellen Abwasseranalysen hervor, wie die Stadt nun mitgeteilt hat. Doch welche Auswirkungen hat das? Und wie schätzen Experten die Lage ein?

Kritiker hatten vor der Einführung des Gesetzes befürchtet, dass es beim Kiffen zu einer explosionsartigen Zunahme kommen könnte. Laut Mitteilung der Stadt haben Daten aus dem Bereich Suchthilfe und Gesundheitswesen sowie Angaben der Polizei bisher allerdings nicht bestätigt, dass die Legalisierung zu einem sprunghaften Anstieg geführt hat.

Die im Abwasser gemessenen Werte entsprechen auch den Erfahrungen der Polizei: „Wir sehen in der Öffentlichkeit keine deutliche Zunahme des Cannabis-Konsums“, sagt Hendrik Weiss, der Leiter des Rauschgiftdezernats Stuttgart. Der Umgang mit Cannabis in der Öffentlichkeit sei aber offener als früher geworden.

Till Heinsohn, Abteilungsleiter für Wirtschaft und Befragung im Statistischen Amt, sagt zu den aktuellen Ergebnissen: „Die Daten zeigen einen leichten Anstieg des Cannabis-Konsums in der Landeshauptstadt.“ Der mittlere Messwert habe nach der Legalisierung um 13 Prozent über den Werten vor der Freigabe gelegen. „Darüber hinaus zeigt sich ein gleichbleibendes Konsummuster.“ Ob vor oder nach der Einführung des Gesetzes: An allen Wochentagen gebe es vergleichbare Werte im Abwasser.

Experte: Betroffene gehen früher in die Klinik

Auch Zahlen aus dem Klinikum Stuttgart geben Aufschluss über die Effekte des Gesetzes: „Seitdem Cannabis mit der Legalisierung enttabuisiert wurde, kommen Betroffene früher und freiwillig in die Suchtklinik“, erzählt Maurice Cabanis, der Ärztliche Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten am Klinikum.

Als großes Risiko habe man vermutet, dass der Konsum und somit womöglich auch die Drogen induzierten Psychosen zunehmen. Tatsächlich habe sich das nicht bestätigt: „Wir sehen in unserer Klinik bislang keine Zunahme von Behandlungen aufgrund von Cannabisabhängigkeit oder Cannabis-assoziierten psychischen Störungen wie Depressionen oder Psychosen“, so Cabanis.

Entwarnung kommt zudem aus der Suchthilfe: „In den Beratungen stellen wir fest, dass die Legalisierung dazu führt, dass alle Fragen offen gestellt werden können und dadurch die Beratungsqualität steigt“, sagt Bernd Klenk, der geschäftsführende Vorstand der Selbsthilfeorganisation Release Stuttgart.

Florian Wahl, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, sieht die Zunahme nicht so entspannt: Der Anstieg von Cannabis im Abwasser sei zwar wenig überraschend, da der Konsum von Cannabis nachweislich in den letzten zehn Jahren - vor der Teillegalisierung - stetig gestiegen sei. „Dennoch muss der jetzige Anstieg - wie in Stuttgart nun nachgewiesen - ernst genommen werden. Cannabis-Konsum ist schädlich und gesundheitsgefährdend. Das darf nicht verharmlost werden.“ Die frühere Verbotspolitik sei gescheitert war, es habe einen neuen Ansatz gebrauchte: „Das bedeutet jedoch, dass Prävention und Suchthilfe noch stärker ausgebaut werden müssen. Hier ist die Landesregierung in der Pflicht.“ Es räche sich massiv, dass die „Suchthilfe jahrelang völlig unterfinanziert war“.

Lucha: Gesetz geht in die richtige Richtung

Derzeit ist die Zukunft der Teillegalisierung ungewiss, eine Rücknahme steht sogar zur Debatte. „Das Konsumcannabisgesetz hat aus unserer Sicht die richtigen Zielrichtungen“, lautet die Einschätzung von Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne). Das Gesetz wolle unter anderem Aufklärung und Prävention stärken, den illegalen Markt eindämmen sowie den Kinder- und Jugendschutz stärken, heißt es auf Anfrage aus dem Ministerium. „Mit der Kontrolle der Qualität von Konsumcannabis kann verhindert werden, dass erheblich gefährlichere Substanzen konsumiert werden“, so Lucha weiter. Das Gesetz sehe zudem „umfangreiche Informations-, Beratungs- und Präventionsmaßnahmen vor“.

„Mit einem Jahr Abstand und differenzierten Untersuchungen haben wir nun für Stuttgart ein klareres Bild über die bisherigen Auswirkungen“, bilanziert derweil Alexandra Sußmann, die Bürgermeisterin für Soziales, Gesundheit und Integration.

Stadt will Entwicklung weiter beobachten

Die Stadt Stuttgart werde die Entwicklung „weiterhin genau beobachten“: „Die Untersuchungen des Abwassers und die institutionellen Erkenntnisse helfen uns, die Entwicklung besser zu verstehen und gezielte Maßnahmen für Prävention und Aufklärung abzuleiten und diese entsprechend anzupassen.“

Genau das fordert Stefan Ehehalt, Leiter des Gesundheitsamts. Obwohl die Lage nach einem Jahr stabil erscheine, stelle seine Behörde dennoch Handlungsbedarf fest: „Der Gesundheitsschutz für Jugendliche und junge Erwachsene muss ausgebaut werden, insbesondere bei der Frühintervention.“

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