Kinder- und Jugendbuchwochen in Stuttgart: Sprache braucht Pflege


Buch statt Handy: Plakat der Kinder- und Jugendbuchwochen in Stuttgart.
Plakatausschnitt/Börsenverein des Deutschen BuchhandelsDie Zahl der Menschen, die mit leicht gesenktem Kopf durch die Stadt gehen, ohne vom Smartphone aufzublicken, steigt unaufhaltsam. Sie sind blind für ihre Umgebung. Vermutlich wird es irgendwann ein Verkehrszeichen geben, das in stilisierter Form vor diesen Blindgängern warnt.
Neuerdings gibt es ein Plakat. Es zeigt eine katzenähnliche Figur, die in eben dieser Körperhaltung vor sich hin stiefelt. In der Hand hält sie allerdings kein Smartphone, sondern ein Buch! Mit diesem Plakat werben der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stadtbibliothek Stuttgart für die am Montag beginnenden Kinder- und Jugendbuchwochen in der Landeshauptstadt. In dem Motiv schwingt Hoffnung mit: Von Büchern könne eine vergleichbare Anziehungskraft ausgehen wie vom Handy.
Lesepaten können viel bewirken
Ob das ein frommer Wunsch ist? An fesselnden Büchern fehlt es jedenfalls nicht. Die Kinder- und Jugendbuchwochen in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz und in den Stadtteilbibliotheken machen mit einem großen Angebot Lust aufs Lesen. Bis zum 17. Juli stellen Kinderbuchverlage vor, was sie an spannenden neuen und zeitlos schönen Kinderbüchern in ihren Regalen stehen haben. Dazu gibt es eine Buch- und Kindermedienausstellung, und es finden Konzerte und Autorenlesungen statt, von denen einige erfreulicherweise bereits ausgebucht sind.
Auch der Stuttgarter Verein „Leseohren aufgeklappt!“ darf bei den Buchwochen nicht fehlen. Ihm gehören mehrere Hundert Lesepaten an. Es sind Menschen, die es wichtig finden, Kindern vorzulesen und damit viel bewirken. Dieses Festival des Lesens kann sich sehen lassen. Und es ist ihm zu wünschen, dass es die verdiente Aufmerksamkeit findet – des Lesens, aber auch des jungen Publikums wegen. Es ist an der Zeit, Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt zu rücken. Die Buchwochen nehmen sie ernst und setzen auf ihr Lesevermögen – auch wenn ihre Lesekompetenz Studien zufolge abnehmend ist. Umso wichtiger ist es, ihnen Leseperspektiven aufzeigen. Das appelliert an die Verantwortung der Erwachsenen. Sie sind aufgerufen, Kindern die Welt der Bücher näher zu bringen.
Kindern zeigen, was man mit Wörtern machen kann
Es braucht eine konzentrierte Beschäftigung mit Sprache und mit Ausdrucksmöglichkeiten. Von Kindheit an. Passend dazu stellen die Buchwochen in ihrer Ausstellung den „Wortschatz“ in den Mittelpunkt stellen.
In einer von Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger entwickelten Geschichte geht es darum, dass ein Kind, Oscar, eine Truhe entdeckt, die einen Schatz enthält, der zunächst nicht als solcher zu erkennen ist. In der Truhe sind Wörter, die jedoch die Fantasie beflügeln und die anfangen zu leben, sobald man sie benutzt. Das Wort „quietschgelb“ etwa, aus dem in der Wortschatz-Geschichte ein quietschgelber Igel hervorgeht. Kinder lernen in dieser Ausstellung, was man mit Wörtern alles machen kann, dass man sorgfältig mit ihnen umgehen sollte und überhaupt: wie reich Sprache ist.
Das schönste deutsche Wort
Das kann auch für Erwachsene ein Anreiz sein, Wörter zu wägen und Sprache zu pflegen, statt gebetsmühlenhaft (ein schönes Wort!) ihren Niedergang zu beklagen. Es liegt an uns, ob ihr Reichtum aufscheint oder ob sie verarmt und immer aggressiver wird. Vielleicht wäre es wieder an der Zeit, nach besonders schönen, ausdrucksstarken Worten zu fragen? Vor 20 Jahren haben das Goethe-Institut und der Deutsche Sprachrat unter 20 000 Einsendungen das Wort Habseligkeiten als schönstes deutsches Wort ausgewählt. So etwas ließe sich – mit Augenzwinkern – auch lokal organisieren. Ein Kandidat könnte die „Kelchstütze“ sein und auf gut Schwäbisch das „Amenoschlupferle“ (anschmiegsames Wesen). Man könnte auch die Kinder wählen lassen. Sprache lebt schließlich davon, mit ihr zu spielen.