Kinderbuchladen Naseweis: Beliebte Kinderbuchhandlung schließt im Februar

Maike Giebner am Spielhäuschen in ihrem Buchladen Naseweis im Stuttgarter Westen.
LichtgutEs ist ein trüber Morgen. Der Stuttgarter Kinderfachbuchladen Naseweis in der Silberburgstraße hat eigentlich noch nicht für seine Kunden geöffnet, da verlässt bereits eine Schulklasse das Ladengeschäft von Maike Giebner. Die 53-Jährige hat ihre Buchhandlung eigens für die Jungen und Mädchen aufgemacht. Weil ein Lesewettbewerb bevorsteht, wollte die Klassenlehrerin ihren Schülerinnen und Schülern die Atmosphäre einer kleinen Buchhandlung näherbringen, in der man noch beraten wird. Denn die unterscheidet sich von der Anonymität einer Großbuchhandlung oder gar des Versandhandels.
Solche Termine, die eigentlich außerhalb ihrer Arbeitszeit liegen, gehören zu der Vielfalt, von der Maike Giebner mit Begeisterung erzählt. Sie war schon auch Jurymitglied beim Vorlesewettbewerb oder Teil des Händlerbeirats des Carlsen Verlags. Das sind Termine, die sie immer gerne wahrgenommen hat. Aus Freude am Beruf, aus Freude daran, dass Naseweis bei Groß und vor allem Klein beliebt ist, aus Freude daran, Kindern die magische Welt der Bücher zu eröffnen.
Start ins Ungewisse
Maike Giebner ist seit fast 23 Jahren eine feste Größe im Stuttgarter Westen. Mit ihren roten Haaren gehört sie fast schon zu den Wahrzeichen des Viertels – eben wie ihr Kinderbuchgeschäft Naseweis. „Ich hatte zwei Träume im Leben. Der eine war es, Erzieherin zu werden, der andere eine Buchhandlung zu eröffnen“, sagt sie. Beide Träume konnte sie sich erfüllen. Mit 16 Jahren beginnt Maike Giebner in Bayern eine Ausbildung zur Erzieherin und arbeitet in dem Beruf, bis sie 31 ist. Sie macht die Arbeit gerne. Aber sie gehöre zu den Menschen, die Abwechslung brauchen, sagt sie. Während sie in einem Kinderheim arbeitet, kommt irgendwann der Moment, an dem etwas Neues kommen soll. Denn da ist ja auch noch ihr zweiter Traum, die Buchhandlung. Sie soll richtig groß sein – mit Spielplatz – und zusätzlich einen Bibliotheksteil haben.
Also reduziert sie ihre Arbeitszeit im Kinderheim, arbeitet unter der Woche zusätzlich in einem Buchladen und macht per Fernkurs eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Im Alter von 31 Jahren und ohne große Ersparnisse wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Viele hätten sich das wohl nicht getraut. Sie hingegen sagt heute: „Ich war alleine, und wäre es schief gegangen, wäre ich die einzige gewesen, die es tragen muss.“
Kinder schauen und stöbern
Ausgefallen ist die Buchhandlung dann kleiner. Dafür hat sie einen großen Platz in den Herzen der Stuttgarter gefunden. Von Anfang an sollte es ein Geschäft für Kinder sein. Ohne Berührungsangst, ohne Hemmungen sollten sie hereinkommen können, sich umsehen, in den Regalen stöbern und Bücher entdecken. Sie selbst hatte sich oftmals daran gestört, dass Geschäfte zwar als Kinderbuchläden bezeichnet werden, aber eigentlich die Eltern die Zielgruppe sind. Sie wollte es anders machen. Mehr noch. Es komme auch schon mal vor, dass Kinder plötzlich sogar erwachsene Kunden beraten. „Darauf bin ich sehr stolz“, sagt Maike Giebner.
Doch auf die Frage, ob das Geschäft von Anfang an so gut lief, antwortet sie klar: „Nein, Nudeln mit Soße“, und beschreibt damit, wie angespannt die finanzielle Situation am Anfang war. „Der Laden musste wachsen, und auch die Bank hatte damals gesagt, dass ich fünf Jahre durchhalten muss“. Erst dann würde sich entscheiden, ob sie weitermachen kann oder nicht. Um etwas anzusparen, hatte sie damals sonntags bei einem Sicherheitsdienst gearbeitet und anschließend Dienstag bis Samstag in ihrem Buchladen gestanden. Kamen ihr zwischendrin Zweifel an ihrem Plan? „Ich habe darauf vertraut, dass es funktioniert, und meine Familie hatte hinter mir gestanden“, sagt sie.
Zwei Tonnen Bücher für Schulen
Doch Ende Februar kommenden Jahres schließt der Naseweis nach mehr als zwei Jahrzehnten für immer. Man merkt Maike Giebner an, wie schwer ihr das fällt. Obwohl sie sich auf ihre neue Aufgabe freut, schmerzt sie der Abschied von ihren Kunden, dem Ladengeschäft und dem Naseweis-Alltag. Doch wenn derzeit alles so gut läuft, so viel Herzblut und Leidenschaft in dem Geschäft stecken, warum schließt sie dann? Es seien die äußeren Umstände. Die Beiträge ihrer privaten Krankenversicherung steigen konstant. Der Besitzer wolle das Ladenlokal verkaufen. Sie selbst wolle es nicht kaufen und sich in ihrem Alter noch verschulden. Ihre eigene Mutter wohne mehrere hundert Kilometer weit weg. Darüber hinaus ist ihre langjährige Mitarbeiterin und gute Freundin Anfang des Jahres gestorben, sagt Maike Giebner. 13 Jahre lang seien sie gemeinsam durch dick und dünn gegangen.

Über dem Eingang thront Naseweis, Namensgeber der Traditionsbuchhandlung im Stuttgarter Westen.
Foto: LichtgutUnd auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht so nicht aussieht, die Arbeit war nicht leicht. „Im Jahr 2024 haben wir zu zweit zwei Tonnen Schulbücher ausgeliefert“, erzählt sie. Die Buchhandlung beliefert nämlich auch Schulen. Während der Corona-Pandemie hatte Maike Giebners Mitarbeiterin den größten Teil auf einem Lastenrad ausgeliefert. 600 Kilometer sei sie dafür kreuz und quer durch Stuttgart geradelt. So sehr Maike Giebner sich über diese Bestellungen freut, die Schlepperei ist körperlich anstrengend. Eine Bücherkiste wiegt um die 20 Kilo, und nicht jede Schule verfügt über einen Aufzug.
„Lasst die Kinder selbst aussuchen“
Was bleibt sind kostbare Erinnerungen und eine ganze Generation, die mit dem Naseweis groß geworden ist. Mittlerweile sind einige ihrer ersten Kunden selbst Eltern und kommen wieder mit ihren Kindern „Das ist wie eine große Familie hier“, sagt sie, fügt aber hinzu, dass der Schritt dennoch die richtige Entscheidung gewesen sei. Mitte März tritt sie ihre neue Stelle an. In einer Wohngruppe im Autismus-Spektrum-Bereich wird sie mit jungen Erwachsenen arbeiten.
Nach so vielen Jahren als Buchhändlerin für Kinderbücher und erfahrene Erzieherin, hat sie noch einen Tipp für Väter und Mütter, die ihre Kinder bisher nicht für das Lesen begeistern können? „Lasst die Kinder selbst aussuchen“, sagt sie, ohne lange nachzudenken. In ihren Augen sei es ein Fehler, Bücher für Kinder zu kaufen, weil man denkt, das müsse den Kleinen gefallen. Es müsse auch nicht immer das anspruchsvolle Buch sein. Die Kinder könnten ebenso gut zu einem Comic greifen. Und noch ein Tipp: Sich mit dem Kind gemeinsam hinsetzen, selbst wenn es nur ein paar Minuten am Tag sind, und sich beim Vorlesen abwechseln.
Bis Ende Februar bleibt der Plüschtiger noch auf seinem Bänkchen liegen und wartet, bis ihn die Kleinen (und manchmal auch größere Kinder) knuddeln. So lange wird Maike Giebner die Jungen und Mädchen beraten, ihnen den Freiraum lassen, ihr Lieblingsbuch zu finden und leise lächeln, wenn die Kinder ganz selbstverständlich anfangen, die Erwachsenen zu beraten.
