Lesen bis ins hohe Alter
: Stuttgarter Zeitung für immer

Horst Matuszewski ist 102 Jahre alt – und liest täglich die Stuttgarter Zeitung – neuerdings jedoch von Thüringen aus. Ein ungewöhnliches Beispiel von Lesertreue, über das sein Sohn Rainer berichtet.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Ohne Zeitung geht es nicht: Horst Matuszewski.

Rainer Matuszewski

Das ist die sehr kurze Geschichte eines sehr langen Lebens, in dem die Zeitung – nämlich die Stuttgarter Zeitung – ein wichtiger Bestandteil war und ist. Es ist die Geschichte des 102-jährigen Horst Matuszewski. Sein 75-jähriger Sohn, Rainer Matuszewski hat auf sie aufmerksam gemacht, als er sich jüngst wegen einer Adressänderung im Pressehaus meldete. Der Vater sei jetzt von Botnang ins 500 Kilometer entfernte Blankenhain in Thüringen umgezogen, erklärte er. Aus alter Gewohnheit wolle er auch dort „seine“ Stuttgarter Zeitung beziehen und sich über Stuttgart informieren.

Von Berlin nach Stuttgart zur Allianz

Die „alte Gewohnheit“ reicht bis 1962 zurück. Damals zog der am 27. Februar 1922 geborene Horst Matuszewski mit seiner Frau Irmgard und dem Sohn Rainer von Berlin nach Feuerbach. Der Betriebswirt, der im Krieg ein Notabitur ablegt hatte und als Jungsoldat eingezogen worden war, hatte in den 1950er Jahren geschäftlich viel mit Firmen in der DDR zu und auch regelmäßig die Leipziger Messe besucht. Kurz vor dem Mauerbau 1961 erzählte ihm ein ostdeutscher Geschäftspartner: „Horst, wir sehen uns nicht wieder.“ So kam es dann auch. Die Familie entschied sich für einen Neustart in Stuttgart. Horst Matuszewski ging zur Allianz, wo er als Versicherungsmathematiker arbeitete und Prämierenmargen errechnete. 1987 trat er nach einem vollen Arbeitsleben den Ruhestand an – vor jetzt 37 Jahren.

Tennis bis 98

In all der Zeit lag bei den Matuszweskis morgens die neueste Ausgabe der „Stuttgarter Zeitung“ auf dem Tisch. Gelesen wurde das Blatt „von vorne bis hinten“, wie Sohn Rainer berichtet. Und das sei auch heute noch so. „Wenn mein Vater mit den Artikeln fertig ist, nimmt er sich das Kreuzworträtsel vor.“ Auch mit 102 bereite ihm das Lesen keine Mühe. Überhaupt zeichnet ihn eine besondere Fitness aus. Bis zum 98. Lebensjahr spielte Horst Matuszewski noch Tennis. Der Sohn spricht von einem „Naturwunder“. „Seinen 100. Geburtstag feierte er mit 70 Gästen“ – nur leider ohne seine Frau, die immerhin 90 Jahre alt wurde.

Neuerdings mache sich beim Vater das Alter bemerkbar, sagt Rainer Matuszweski: „Bisher lebte er in Botnang weitgehend selbstständig. Das ist jetzt nicht mehr möglich.“ Das Gedächtnis und das Gehör würden nachlassen. Deshalb der Umzug in eine Alteneinrichtung nach Blankenhain, ganz in die Nähe des Sohnes – aber mit Zeitung, die er nun per Post zugestellt bekommt.

„Mein Vater hat die Welt gesehen“

Das Geheimnis seines hohen Alters? „Reisen!“, sagt Rainer Matuszweski, der selbst viele Jahre in den USA gelebt und gearbeitet hat, und mit seiner Partnerin heute noch zwei Reisebüros betreibt. Er selbst begleitete die Eltern, später den Vater, auf vielen Reisen, speziell auf Kreuzfahrten: „70 bis 100 dürften es im Lauf der Jahre gewesen sein“, rechnet Richard Matuszweski vor. Sicher ist: „Mein Vater hat die Welt gesehen.“

Eine große Weltreise, die Horst Matuszweski vor eineinhalb Jahren noch unternehmen wollte, kam nicht mehr zustande – was nicht an ihm gelegen habe, wie der Sohn betont. Nun jedoch ist sein Radius kleiner geworden. Bis Stuttgart reicht er von Thüringen aus – dank der Zeitung – aber immer noch.

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