Lesung im Theater Rampe: Lieben wir es, Frauen zu hassen?

Die Autorin, Publizistin und Bildungsreferentin Veronika Kracher.
privatWarum übt der Hass auf Frauen eine solche Anziehungskraft aus? Warum ist er kein Randphänomen, sondern zieht sich – mal offen, mal codiert – durch Kommentarspalten, Popkultur und politische Debatten? Veronika Kracher geht dieser unbequemen Frage mit analytischer Schärfe und essayistischer Präzision nach.
Wie tief ist Frauenhass in unserer Gesellschaft verankert?
Ihre Arbeit zeigt: Misogynie ist kein Ausrutscher, sondern ein soziales Bindemittel, das Zugehörigkeit stiftet, Macht sichert und digitale wie analoge Räume strukturiert. In „Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ legt sie offen, wie tief diese Dynamiken verankert sind – und warum sie immer wieder Anschluss finden.
Am Montag, den 4. Mai 2026, ist Veronika Kracher bei der Montage-Reihe im Theater Rampe in Stuttgart zu Gast und liest aus ihrem neuen Buch. Die Veranstaltung beginnt um 20.30 Uhr und bietet im Anschluss Raum für Gespräch und Diskussion. Wir haben der Autorin vorab ein paar Fragen gestellt:
Sie zeigen in „Bitch Hunt“, dass digitaler Frauenhass kein Randphänomen ist, sondern tief in gesellschaftlichen Strukturen verankert ist. Was wird Ihrer Meinung nach in der öffentlichen Debatte darüber noch immer unterschätzt?
In Deutschland herrscht immer noch der Irrglaube, „das Internet“ wäre eine von der analogen Welt abgekoppelte Sphäre. Das stimmt natürlich nicht. Digitale Räume sind nicht nur deren Spiegel, sondern wir haben in den letzten zehn Jahren deutlich gesehen, wie eng Online-Radikalisierung und ein gesellschaftlicher Backlash zusammenhängen: die Alt Right-Bewegung, die Corona-Proteste oder QAnon sind hier eindrucksvolle Beispiele. Reaktionäre Akteure und Akteurinnen nutzen immer wieder die Struktur sozialer Medien, um negative Affekte zu schüren, Propaganda und Desinformationen zu verbreiten, Einzelpersonen als Feindbilder für wütende Mobs zu markieren.
Das funktioniert jedoch nur so gut, weil diese Propaganda an bereits bestehende, autoritäre Ressentiments wie Frauenhass, Queerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Sozialchauvinismus, und so weiter andockt. Also: eine öffentliche Debatte über digitale Misogynie müsste bedeuten, grundlegend über patriarchale Gewalt und Herrschaft zu sprechen. Und dazu sind gerade viele Männer noch nicht bereit, im Gegenteil.
Welche Verbindung sehen Sie zwischen digitaler Misogynie und rechtspopulistischen Bewegungen – und warum scheint gerade Frauenhass dort eine so zentrale Rolle zu spielen?
Antifeminismus ist ein zentraler Punkt rechter Ideologie. Für einen bestimmten Typus Mann ist Feminismus hier nicht nur ein (notwendiger und berechtigter) Angriff auf die patriarchale Vormachtstellung, sondern eine persönliche Kränkung und Bedrohung: „Der Feminismus nimmt mir das Recht, zu diskriminieren und Patriarch einer mir hörigen Großfamilie sein zu dürfen, er verweichlicht mich und alle anderen Männer!“
Wie spielt das den Rechten in ihre Karten?
Diese autoritäre Panik wird in digitalen Räumen gezielt von antifeministischen Kräften aufgefangen und unterfüttert, einerseits um Nachwuchs für rechte Strukturen von AfD bis Neonazis zu schaffen, andererseits, weil Influencer sich mit Frauenhass und Antifeminismus eine lukrative Karriere aufgebaut haben. Und diese Radikalisierung funktioniert über alle Altersstufen und Milieus hinweg.
Wenn Sie auf die aktuellen Debatten um Deepfakes und digitale Gewalt blicken: Wo sehen Sie die dringendsten politischen oder gesellschaftlichen Handlungsbedarfe, um Betroffene besser zu schützen?
Es brennt an allen Ecken und Enden – Tech-Plattformen, die diese Gewalt ja auch nicht unterbinden (siehe Deepfakes auf X mit der KI Grok), weil sich damit Geld verdienen lässt, müssen in Verantwortung gezogen werden.
Seien es Vergewaltiger-Netzwerke auf Telegram, frauenverachtende Foren und Accounts oder Influencer, die eine Karriere daraus gemacht haben, häusliche Gewalt zu normalisieren – das ist ja leider Normalität in digitalen Räumen. Noch immer sind Behörden nicht ausreichend zu digitaler Hassgewalt sensibilisiert. Dass Karin Prien Anlaufstellen für Betroffene wie HateAid die Förderung streicht, zeigt deutlich, wie gleichgültig der aktuellen Regierung die Sicherheit von Frauen und queeren Menschen ist.
Das Problem geht ja viel tiefer – Frauenhass ist ja keine Ausnahme innerhalb der herrschenden Verhältnisse, sondern die Regel. Deswegen müssen wir das Problem auch an der Wurzel greifen – wir brauchen mehr Feminismus, sei es in der Politik, in der Kultur, im Betrieb, in der Bildung, im Privaten oder auf der Straße!
Veronika Kracher. Bitch Hunt. Lesung und Gespräch. Theater Rampe, Filderstr. 47, Stuttgart-Süd, 4. Mai, 20.30 Uhr. Weitere Infos gibt es hier
