Lokalköpfe: Ein Wunder auf der Karlshöhe

Volker Wunder gehört in Stuttgart zu den Gastro-Urgesteinen.
Nina AyerleS-Süd - Am frühen Sonntagmorgen, wenn kaum Menschen unterwegs sind auf der Karlshöhe, nur das Zwitschern der Vögel zu hören ist und unten in der Stadt die Glocken zum Gottesdienst läuten, dann ist das für Volker Wunder die schönste Zeit seiner Arbeitswoche. Freiwillig will der Pächter des Biergartens auf der Karlshöhe dieses malerische Fleckchen über den Dächern der Landeshauptstadt nicht mehr verlassen – auch nicht, um in Rente zu gehen. „Ich bin selbstständig. Ruhestand kenne ich nicht“, sagt der 58-Jährige.
Von der Milchbar zum Biergarten
Seit 1961 existiert der Biergarten auf der Karlshöhe im Stuttgarter Süden. Davor gab es dort einen kleinen Kiosk, der später in eine Milchbar umgewandelt wurde. Dass die Architektur an die Milchbar auf dem Killesberg erinnert, hat seinen Grund: An beiden Orten hat Rolf Gutbrod geplant. Dies wurde anlässlich der Bundesgartenschau im Jahr 1961 gebaut. Das denkmalgeschützte Häuschen hat die Stadt an eine Stuttgarter Brauerei verpachtet hat. Seit 2004 ist Volker Wunder Unterpächter mit seinem Biergarten „Tschechen und Söhne“.
Bier gab es früher beim „Tschechen“ oben
Der Name hat seine eigene Geschichte. Von Anwohnern erfuhr Volker Wunder die kleine Legende, dass Ende des 19. Jahrhunderts beim Bau des Schwabtunnels ein tschechischer Baumeister beteiligt gewesen sein soll, der seine Mittagspause stets auf dem Aussichtspunkt verbrachte, der damals noch Reinsburghügel hieß. Dort habe der Baumeister immer sein selbst gebrautes tschechisches Bier getrunken, was die anderen Arbeiter angelockt habe. Auf die Frage, wohin sie gingen, hätten diese immer geantwortet: „Zum Tschechen.“ Weil Wunder die Geschichte so gut gefiel, benannte er seinen Biergarten danach.
Als vor einem Jahrzehnt die Pacht frei wurde, bewarb sich Wunder direkt und setzte sich nach eigenen Worten gegen Hunderte Bewerber durch. Zu dieser Zeit war er in der Gastronomie schon lange kein Anfänger mehr. Wunder gehörte zu den Betreibern der legendären Radio Bar am Rotebühlplatz. „Das war ein Lokal, das längst in die Stuttgarter Gastronomiegeschichte eingegangen ist“, ist sich Wunder sicher. „Da haben wir die größten und heftigsten Parties gefeiert, die Stuttgart je erlebt hat“, findet er auch heute noch.
Eigentlich gelernter Zahntechniker, gefiel Wunder der vier Jahre lange Ausflug in die Gastronomie so gut, dass er dabei blieb, nachdem das Radio-Barth-Haus, in dem sich die Radio Bar befand, um die Jahrtausendwende abgerissen worden war. Mit der Marshall-Bar und der Zigarren-Lounge Mezzanin startete er neue Projekte in der Innenstadt. Heute betreibt er neben dem Biergarten die Bar Marshall Matt in der Eberhardstraße. Schließlich muss Wunder auch im Winter etwas tun, wenn der Biergarten geschlossen hat.
Im Sommer indes brummt die Karlshöhe. „Wir haben ja ein Monopol hier oben“, sagt Wunder. Mit jedem Jahr habe sich die Besucherzahl derart gesteigert, dass sie teilweise zum Problem werde. „Eigentlich müsste ich an manchen Tagen die Pforten schließen“, sagt Wunder. Für die Gäste tue ihm das oft leid.
Dennoch probiert das Stuttgarter Gastro-Urgestein in seinem Biergarten gerne neue Konzepte aus. Zurzeit überträgt er zum ersten Mal alle Spiele der Fußball-WM auf Leinwand. Vor zwei Jahren installierte er während der Winterpause für einige Monate die „Karlshütte“ – eine provisorische Kneipe mit Skihütten-Atmosphäre.
Inzwischen ist der 58-Jährige längst ein Vollblut-Gastronom, der weiß, was geht und was nicht – auch wenn er immer noch abwägen muss, wie man die Gäste beglückt, ohne einen zu großen finanziellen Aufwand zu betreiben. Der Empfehlung aus dem Buch „Ein Mann – ein Buch“, nach der jeder Mann einmal im Leben eine Kneipe haben sollte, kann er jedoch nicht mehr vorbehaltlos folgen. „Mein erster Rat wäre: Lassen Sie es“, sagt Wunder. Er selbst sei tagtäglich von acht in der Früh bis acht Uhr am Abend für seine Lokalitäten im Einsatz. Zusätzlich engagiert sich Wunder auch beim Runden Tisch von Gastronomen und Stadtverwaltung sowie im Verein Stuttgarter Club Kollektiv um den Kellerklub-Betreiber Carlos Coelho.
