Lungenkrebs-Screening: Stuttgarter Arzt über Check für Raucher: Hat mein Leben gerettet

Nur zertifizierte Radiologen dürfen das Screening durchführen – wie etwa Daniel Kütting, Chef der Radiologie am Klinikum Stuttgart
Klinikum StuttgartKlaus Berger (Name von der Redaktion geändert) ist sich sicher: „Hätte ich dem Screening nicht zugestimmt, wäre ich heute wohl nicht mehr hier.“ Mehr als ein halbes Jahrhundert hat der Stuttgarter Arzt geraucht. Aus Genuss, wie der 82-Jährige sagt. Als dann die gesundheitlichen Folgen zunahmen, ließ er sich doch mal durchchecken: „Ich hatte Probleme beim Luftholen unter körperlicher Anstrengung und Atemaussetzer im Schlaf“, erzählt Berger.
Doch ein extra angefertigtes Röntgenbild der Lunge zeigte keinen auffälligen Befund. Sein Kollege, der Pneumologe Martin Hetzel, riet dem damals 69-jährigen Berger zu einem Lungenscreening mittels einer Computertomografie – einem bildgebenden Verfahren, das Röntgenstrahlen und Computertechnik nutzt, um detaillierte Querschnittsbilder von Knochen, Gewebe und Organen wie eben auch der Lunge zu erstellen. Zur Sicherheit. „Und tatsächlich haben sich in einem Lungenflügel zwei sehr kleine auffällige Stellen gezeigt“, so Berger. Die Diagnose: Verdacht auf Bronchialkarzinom. Kurz darauf wurde der Stuttgarter Arzt an der Lunge operiert – und das erfolgreich. Es handelte sich um zwei Karzinome, die als pT3 klassifiziert wurde, also als lokal fortgeschritten. Das Tumorgewebe konnte komplett entfernt werden. Das war im Jahr 2013. Heute gilt Klaus Berger als krebsfrei.
„Früherkennung ist entscheidend für das Überleben“
Der Lungenspezialist Martin Hetzel ist inzwischen Ärztlicher Direktor für Pneumologie und Beatmungsmedizin am Klinikum Stuttgart und leitet dort das im Jahr 2025 gegründete Robert-Mayr-Lungenzentrum. Er verweist gern auf die Patientengeschichte seines Kollegen Klaus Berger, wenn er gefragt wird, warum er ein frühes Lungenscreening mittels Computertomografie (CT) für eine sehr gelungene Krebsfrüherkennungsmaßnahme hält: „Es hat sich nicht nur im Fall Berger gezeigt, dass nur mit Röntgenbildern viele Tumorherde nicht rechtzeitig entdeckt werden“, sagt Hetzel. Dabei sei gerade beim Bronchialkarzinom eine frühe Diagnose wichtig: „Eine Früherkennung ist entscheidend für das Überleben der Patienten, da sie den Übergang zu aggressiven Stadien verhindert, in denen der Tumor gestreut hat“, so Hetzel.

Martin Hetzel (2. von rechts) ist Lungenexperte am Klinikum Stuttgart.
Foto: Klinikum Stuttgart/Tobias GrosserKein anderer bösartiger Tumor ist für so viele Todesfälle verantwortlich wie der Lungenkrebs: In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 45.000 Menschen an den Folgen der Erkrankung. Das Problem: Nur etwa 15 Prozent aller Fälle werden in einem so frühen Stadium entdeckt, in dem die Heilungschancen noch vergleichsweise günstig sind.
Strahlendosis ist sehr niedrig
Daher hat nun der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) beschlossen, die Vorsorge für diese Tumorart zu ändern: Am 1. April wurde das Screening per CT für Risikopatienten als neue Leistung der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland eingeführt. Sprich: Personen im Alter von 50 bis 75 Jahren, die mindestens 25 Jahre ohne lange Unterbrechung und mindestens 15 Jahre davon ein Päckchen pro Tag geraucht haben, erhalten jedes Jahr die Möglichkeit, ihre Lunge bei einem Radiologen mit einer bildgebenden Untersuchung durchchecken zu lassen. Die Strahlendosis ist bei diesem Verfahren sehr niedrig.
Der Nutzen dieser Verlaufskontrollen ist durch Studien belegt: Eine regelmäßige jährliche Niedrigdosis-CT-Untersuchung über zehn Jahre hinweg kann fünf von 1000 Raucherinnen und sechs von 1000 Rauchern vor einem Tod durch Lungenkrebs bewahren, so informiert der GBA.
Stuttgarter Kliniken für das Screening gut aufgestellt
Ist der Befund auffällig, werden Patienten vom Radiologen an ein zertifiziertes Lungenzentrum überwiesen. In Stuttgart gibt es gleich zwei: Sowohl das Robert Bosch Krankenhaus als auch das Robert-Mayr-Lungenzentrum am Klinikum Stuttgart sind von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierte Lungenkrebszentren. Mehr als 100 Lungenkrebsoperationen führen beide Häuser pro Jahr durch. Zudem versorgen auch das Diakonieklinikum Stuttgart und das Marienhospital in Kooperation mit den beiden großen Stuttgarter Lungenzentren Patienten mit dieser Tumorart.
Und dennoch rechnen Experten mit Anlaufschwierigkeiten: So ist für das Screening eine Überweisung vom Allgemeinmediziner oder Internisten erforderlich. Eine weitere Eintrittsstelle in das Screeningprogramm bieten auch Lungenfachärzte und Arbeitsmediziner. „Doch die Ärztinnen und Ärzte müssen sich erst für das neue Programm qualifizieren“, gibt Susanne Weg-Remers, die Leiterin des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, zu bedenken. Die Schulung muss sich erst noch Schritt für Schritt etablieren.
Nicht überall kann das Screening sofort starten
Vor allem teilnehmende Radiologinnen und Radiologen benötigen eine spezielle Fortbildung, und sie müssen ihre Qualifikation sowie bestimmte Mindestmengen an durchgeführten CT-Untersuchungen am Brustkorb nachweisen. Erst dann erhalten sie die erforderliche Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung. Die Medizinerin geht davon aus, dass es daher wohl noch etwas dauern könnte, bis alle Teilnahmeberechtigten die Untersuchungen hierzulande wahrnehmen können.
Im Südwesten, so bestätigt es die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), „stoßen die neuen Leistungen auf sehr großes Interesse“ – sowohl bei den Allgemeinmedizinern als auch den Radiologen. Weil die neue Leistung neue Qualitätsanforderungen mit sich bringt, seien Anlaufschwierigkeiten zu erwarten, sagt KVBW-Sprecher Kai Sonntag. Er ist sich allerdings sicher, dass „bis Mitte des Jahres dieses Angebot in der Versorgung angekommen ist“.
Falsch-positive Befunde können Patienten verunsichern
In Deutschland kommen nach Berechnungen des DKFZs etwa 5,5 Millionen Menschen für eine Teilnahme am Screening in Frage. „Für diese Menschen ist eine umfassende und klare Beratung unerlässlich“, sagt der Stuttgarter Pneumologe Martin Hetzel. „Der Nebeneffekt dieser sehr genauen CT-Untersuchung ist, dass sie selbst kleinste Läsionen anzeigt, die eventuell gar keine Tumorherde sind.“
In einer Studie mit rund 27.000 Teilnehmern zeigte sich, dass etwa jeder Vierte einen auffälligen Befund erhalten hatte, der dann entweder per Biopsie oder mittels einer Langzeitkontrolle abgeklärt werden musste. Im Falle der Langzeitkontrolle mussten Patienten drei bis sechs, manchmal auch 24 Monate warten, bis die seriellen CT-Untersuchungen ausbleibendes Wachstum der Tumor-Herde ergeben haben, erklärt Hetzel. Am Ende erhielt jeder Sechste aus der Gruppe mit positivem Testergebnis aus dem Screening die Diagnose Lungenkrebs. „Diese bis zu zwei Jahre andauernde Ungewissheit – ob Krebs vorliegt oder nicht – ist die mögliche psychische Belastung eines Risikopatienten, der sich auf das Screening einlässt“, sagt Hetzel.
Heilungschancen so gut wie nie zuvor
Letztlich sind die Heilungschancen bei Lungenkrebs in einem frühen Stadium so gut wie nie zuvor: Patienten mit einem nicht-kleinzelligen lokalisierten Bronchialkarzinom haben durch die operative Entfernung des Tumors im Frühstadium nicht nur eine hohe Überlebenschance, sie gelten fünf Jahre nach dem Operationstermin als geheilt, sagt Hetzel. Hat sich der Krebs schon weit ausgebreitet und/oder Metastasen gebildet, stehen je nach Situation, Chemotherapie, Strahlentherapie, Strahlen-Chemotherapie, Immuntherapie sowie zielgerichtete Behandlungen im Vordergrund.
Auch Klaus Berger hat sich kurz nach seiner Zufallsdiagnose im Jahr 2013 sofort operieren lassen. Ein Drittel der Lunge wurde entfernt. Eine anschließende Chemotherapie hat er damals abgelehnt. Er hielt die operative Therapie in seinem Fall für ausreichend. Jedes Jahr geht der 82-Jährige nun zur Nachsorge und lässt seinen Brustkorb mittels CT checken. Der Krebs ist bislang nicht wiedergekommen.
