Männer geben sich als Mädchen aus: Opfer spricht über die Tat:„Ich hatte Angst um mein Leben“

Die vier Angeklagten sollen sich online als minderjährige Mädchen ausgegeben haben, um ahnungslose Männer in die Falle zu locken und zuzuschlagen.
Bernd Weißbrod/dpaEs ist Freitag, der 6. Juni 2025, kurz vor 16 Uhr im Stuttgarter Süden. Ein früher Sommernachmittag, mild, vielleicht etwas zu kühl für diese Jahreszeit. Der 29-jährige T. ist mit seinem Auto unterwegs, denn er ist heute verabredet mit einer Frau, die sich Laila nennt. Kennengelernt hat er „Laila“ über die Plattform Knuddels. Ein paar Tage schreiben die beiden, dann gesteht Laila: Das Profilbild sei nicht sie. Und auch das Alter stimme nicht. Sie sei erst 17, nicht 18, wie sie in ihrem Profil angegeben habe.
Für T. sei das „noch ihm Rahmen“ gewesen, sie schreiben weiter und Laila schickt echte Bilder von sich. Schließlich vereinbaren sie ein erstes Treffen. „Wir wollten etwas essen gehen und sich besser kennenlernen“, so wird es der Mann später im Zeugenstand erzählen.
Vier Männer sitzen dabei im Stuttgarter Gericht auf der Anklagebank.Sie sollen sich auf der Plattform Knuddels als junge Frauen ausgegeben haben, um Männer zu Treffen zu locken. In 15 Fällen wirft ihnen die Anklage vor, ihre Opfer überfallen, schwer misshandelt und ausgeraubt zu haben. Auch T. gehört zu den Opfern und schildert am vierten Prozesstag den Tatablauf.
T. sitzt jetzt im Auto auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Als er ankommt, steht Laila bereits an der Ecke. Er erkennt sie, die Bilder die sie ihm geschickt hatte waren also wirklich echt. Ein kurzes Gespräch durch das geöffnete Autofenster. Laila ist nicht allein, sie habe eine Freundin dabei. Ob die mitkommen dürfe. „Für mich war das kein Problem, ich kann das verstehen. Als Frau fühlt man sich einfach sicherer, wenn noch eine Freundin dabei ist“, sagt der 29-Jährige im Zeugenstand.
Er fährt ein Stück weiter, parkt, wartet. Doch die beiden kommen nicht. Stattdessen Nachrichten auf dem Handy. Die Freundin sei schüchtern. Er solle doch herkommen, man könne sie gemeinsam überreden. Später wird er sagen, dass ihm das seltsam vorkam. Warum sollte er eine Fremde überreden? Aber er schiebt den Gedanken beiseite. „Um 16 Uhr in einem Wohngebiet, da denkt man sich nichts.“ Er steigt aus. Der Weg, den er nimmt, ist schmal, links Bäume, rechts ein Spielplatz, dahinter Wohnhäuser. Er sieht Laila, sie haben Blickkontakt und laufen aufeinander zu. Plötzlich trifft ihn ein dumpfer Schlag am Hinterkopf.
Zeitgleich bereitet sich das Ehepaar R. in derselben Straße auf den Urlaub vor. Am nächsten Tag soll es losgehen, deshalb will Herr R. schonmal das Auto in der Tiefgarage beladen. Plötzlich hört er laute Hilferufe, sie kommen aus Richtung des Treppenaufganges der hinter dem Haus bei einem Spielplatz mündet. Herr R. läuft die Stufen hinauf, tritt ins Freie. Auf dem kleinen Schotterweg vor dem Häuserkomplex sieht er T. gekrümmt auf dem Boden liegend. Er blutet stark aus einer Wunde an seinem Kopf und ruft um Hilfe. Eine Gruppe von jungen Männern steht über ihm. Mit schnellen Schritten ist Herr R. beim Geschehen: „Was ist hier los?“, fragt Herr R. „Das ist ein Pädophiler“, soll einer der Männer gesagt haben.
Video in sozialen Netzwerken dienen als Inspiration
Knapp ein Jahr später erklären die Angeklagten vor Gericht, sie hätten die Männer überfallen, weil diese sich mit jungen Frauen verabredet hätten. Die Opfer seien aus ihrer Sicht pädophil gewesen.Einer der Angeklagten berichtet, er habe in sozialen Netzwerken Videos sogenannter „Pedo-Hunter“ gesehen. Gruppen , die vermeintlich pädophile Männer entlarven und zur Rede stellen. Solche Aufnahmen hätten ihn offenbar beeinflusst und er habe seine eigenen dann mit vermeintlich moralischen Anspruch gerechtfertigt.

Die Verhandlung in Stuttgart ist noch nicht abgeschlossen – weitere Prozesstage sind bis Ende Juli angesetzt.
Foto: Marijan Murat/dpaDoch im Gerichtssaal in Stuttgart überzeugt dieses Narrativ kaum. Nach derzeitigem Stand gibt es keine Hinweise darauf, dass die angegriffenen Männer pädophil sind. Die Angeklagten sollen sich als 16- bis 18-jährige Mädchen ausgegeben haben – ein Alter, das für die Opfer, meist Anfang 20 bis um die 30, nichts Strafbares bedeutet hätte. „Nach der Aktenlage haben wir keinerlei Hinweise darauf, dass die Überfallenen pädophil sind“, sagt der Vorsitzende Richter. Der Begriff „Pedo-Hunter“ sei daher nicht nur unzutreffend, sondern für die Opfer diffamierend.
Die Anklage beschreibt ein wiederkehrendes Muster: verabredete Treffen, abgelegene Orte, mehrere Täter. Schläge, Tritte, teils auch Waffen. Selbst als die Opfer bereits am Boden lagen, sollen die Angriffe weitergegangen sein. Auch Frauen sollen bei den Treffen immer wieder als „Lockvögel“ eingesetzt worden sein, so wie Laila.
Opfer möchte die Entschuldigung nicht hören
Im Juni 2025 liegt T. vor Schmerzen zusammengekrümmt am Boden. „Ich hatte Angst um mein Leben, ich habe geschrien wie ein Wahnsinniger“, erinnert er sich. Fotos zeigen ihn nach der Tat: das T-Shirt blutdurchtränkt, Hämatome am Rücken durch die Tritte und Schläge. Im Gerichtssaal zeigt er die Narbe am Hinterkopf, wo ihn der stumpfe Gegenstand traf. Vermutlich ein Teleskopschlagstock. Diese Narbe erinnert ihn bis heute an den Tag. Seitdem meidet er die Gegend, fährt ungern nach Stuttgart. Wenn er an Bahnhöfen oder Straßenecken „dunkle Gestalten“ sehe, werde er unruhig.
Am Ende des vierten Prozesstages wird T. noch einmal deutlich. Eine Entschuldigung der Angeklagten wolle er nicht hören, sagt er. Für ihn sei das ein „taktisches Mittel“. Glauben könne er ihnen nicht – auch, weil er nicht das einzige Opfer geblieben ist. „In der Situation, als ich am Boden lag, wurde mir auch nicht geholfen.“ Die Taten, so beschreibt er es, seien „skrupellos und brutal“ gewesen – und hätten sein Leben nachhaltig verändert. Das Verfahren wird am 27. April fortgesetzt.