Die Rolle des Partners im Kreißsaal
: Vier Männer berichten über die Geburt: „Man fühlt sich nicht ernstgenommen“

Nacken halten und die Beinpresse machen oder doch lieber die Partnerin in Ruhe lassen. Partner wissen oft nicht, wie sie sich bei dem Geburtsvorgang im Kreißsaal verhalten sollen. Wir haben vier Männer gefragt, wie sie es gemacht haben.
Von
Erdem Gökalp
Stuttgart
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Einem Paar wird von einer Hebamme zur Vorbereitung auf die Geburt eine Übung gezeigt.

imago/Andrey Popov

Es gibt viele Wege, um Familien dabei zu helfen, eine selbstbestimmte Geburt zu erleben. Man kann einen Geburtsplan erstellen, sich rechtzeitig informieren, entsprechende Kurse belegen und sich darum bemühen, die Bedürfnisse der Gebärenden in den Mittelpunkt dieses wichtigen Ereignisses zu stellen. Gerade für die Partner ist die Rolle an dem Tag aber nicht immer klar. Können sie überhaupt zu einer selbstbestimmten Geburt der Frau beitragen? Wir haben vier Männer gefragt, ob sie sich bei der Geburt des Kindes einbringen konnten, was gut geklappt hat und was nicht. Ihre Namen wurden geändert.

Ahmed

„Ich hatte während der Schwangerschaft große Versagensangst. Werde ich gut funktionieren oder übermüdet sein? Ich wusste, dass meine Frau irgendwann die Kontrolle über sich verliert und mir war nie wirklich klar, was wirklich meine Aufgabe sein würde. Das hat mich sehr unter Druck gesetzt. Als es soweit war, verlief alles dann doch sehr intuitiv, obwohl ich ja noch nie bei einer Geburt dabei gewesen bin. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich tief drin dazu programmiert war, mich richtig zu verhalten. Ich musste sehen, was ihre Bedürfnisse waren. Manchmal hat sie Beistand gebraucht und manchmal wäre zu viel Hilfe das Falsche gewesen und ich musste sie erst mal in Ruhe lassen. Ich musste einfach die ganze Zeit meine Frau lesen, die selbst kaum noch imstande war, ihre Bedürfnisse zu artikulieren.

Es war ein bisschen wie beim Fußball. Ich habe die Abwehr unterstützt, die Lücken geschlossen. Am Ende ist der Stürmer – in dem Fall meine Frau – die Heldin, die das Tor macht. Ich habe nur darauf geachtet, dass ich nicht umfalle und fit bin für den großen Tag. Es war viel Druck, aber gleichzeitig ein geiles Gefühl, so gebraucht zu werden. Mich hat die Kraft meiner Partnerin im Nachhinein voll beeindruckt. Die Geburt ist echt der ultimative Kraftakt. Der Wille, das Durchhaltevermögen, der Kampf gegen Bewusstlosigkeit und Schmerz – das ist auf einem Level, das wir Männer uns nicht mal ansatzweise vorstellen können. Es hat mich auch demütig gemacht. Ich habe dann beim eigentlichen Geburtsakt ihren Nacken gehalten und die Beine und wir haben dann gemeinsam gedrückt. Es war anstrengend und als sie gegen mich angedrückt hat, hat sich das angefühlt, als würde sie mir die Arme brechen wollen. Da habe ich auch verstanden, was für ein krasser Kraftakt das für meine Partnerin war. Das gesellschaftlich geprägte Bild, das ich davor hatte, als Mann immer stark zu sein, wurde jedenfalls durch die Geburt zerstört.“

Karl

„Ich hatte vorab keine Angst vor der Geburt, denn ich hatte das Gefühl, dass ich gut vorbereitet war. Meine Partnerin und ich hatten im Vorbereitungskurs ein paar gute Dinge gelernt, die wir anwenden wollten. Als die Wehen dann tatsächlich eingesetzt haben, dachte ich, ich sei bereit, beispielsweise die Beinpumpe anzuwenden und beim Atmen mitzuhelfen. Doch ich musste letztlich nichts von den Sachen machen, die wir geübt hatten, weil die Geburt so schnell ablief. Im Kreißsaal habe ich am Kopfende des Bettes gestanden und vor allem versucht, zwischen den Wehen für so was wie Entspannung und Trost zu sorgen und ihr Mut zuzusprechen. Ich glaube, dass es auch im Nachhinein keine Situation gab, die uns peinlich oder unangenehm war.

Ich hatte vom Kopfende einen guten Blick auf ihren Unterleib und konnte sehen, wie sich zum ersten Mal der blutverschmierte Kopf unseres Babys gezeigt hat. Ich fand die ganze Situation berührend. Es war ein wahnsinnig intimer Moment, den man gemeinsam erlebt. Ich hatte meine Partnerin noch nie so erlebt. Die Hebammen im Krankenhaus haben uns extrem einfühlsam betreut. Das hat uns auch viele Ängste genommen. Nachdem das Kind schon da war und es zur Nachgeburt kam, wurde diese beispielsweise auf dem Bett liegen gelassen, damit wir sie uns anschauen konnten. Uns wurde danach erklärt, was die einzelnen Teile sind, aus der sie besteht und wie die Fruchtblase aussieht. Wir wurden sogar gefragt, ob wir sie mitnehmen wollen.“

Lars

„Mein Kind ist nicht in Deutschland auf die Welt gekommen, sondern in einem Land, in dem die Rolle des Mannes eine andere ist als hier. Männer sind da nicht oft bei der Geburt dabei. Dementsprechend habe ich mehr Angst und Sorge gehabt. Auch während der Schwangerschaft war ich oft unsicher, was ich überhaupt bei der Geburt machen kann. Es ist für die Frau selbstverständlich, dass die Hauptaufgabe bei ihr liegt. Als Partner und gerade als Mann ist es nicht leicht gewesen, meinen Platz zu finden. Man ist da einfach mehr auf sich gestellt. Ich habe einige Bücher gelesen, die ich zum Teil lächerlich fand. Auf einem Buchcover war eine Bierflasche mit einem Schnuller abgebildet. Man fühlt sich als Vater nicht immer ernst genommen.

Es war daher gut, vorab bei allen wichtigen Terminen und ärztlichen Untersuchungen dabei zu sein. Wir haben dann vorher auch viel miteinander gesprochen. Ich wusste zum Beispiel, dass meine Partnerin zunächst keine Schmerzmittel wollte und ich wollte ihr helfen, ihr Interesse auch bei der Geburt durchsetzen. Und das habe ich auch getan, indem ich von Anfang bis Ende ihr Sprachrohr gegenüber den Ärzten war. Gerade in einem Land, wo alles auf Englisch besprochen wird. Als es dann wirklich zur Sache ging und sie starke Wehen hatte, haben wir viele verschieden Positionen ausprobiert. Letztlich waren wir lange in der Dusche, weil ihr das am angenehmsten war. Ich hatte am Ende der Geburt eine total nasse Hose und Socken. Im Nachhinein habe ich verstanden, dass ich vor allem geistig für sie anwesend sein musste. Nach der Geburt war ich dann eine Weile alleine mit unserem Baby, weil meine Frau noch operiert werden musste. Da habe ich mich sehr alleine gefühlt. Es war im Nachhinein nicht selbstverständlich für mich, meine Rolle gerade als Mann an dem Tag zu finden.“

Julian

„Ich hatte mich vor der Geburt gar nicht vorbereitet und es hat mir auch zunächst nichts ausgemacht. Ich hatte auch gedacht, dass meine Partnerin sicherlich schon gut informiert sein würde. Sie hat schon immer einen guten Umgang mit Kindern und Babys gehabt. Letztlich war ich dann überrascht, wie lange die Geburt gedauert hat. Meine Partnerin hatte zwei Tage lang Wehen und in dieser Zeit war ich natürlich nicht so involviert wie sie. Beispielsweise habe ich die erste Nacht geschlafen, weil wir da noch zuhause waren und in der zweiten Nacht bin ich dann im Kreißsaal auf dem Stuhl eingeschlafen. Meine Frau hat mich noch unter starken Wehen zugedeckt und mich zwei Stunden auf einem Stuhl schlafen lassen. Sie macht sich bis heute darüber lustig.

Ich konnte dann eine Hilfe sein, als meine Frau sich Schmerzmittel wünschte, und das bei den Hebammen und Ärzten kommunizieren. Da habe ich verstanden, dass ich als Partner bei der Geburt vor allem da sein muss für meine Partnerin und ihre Bedürfnisse erkennen muss. Ich musste mich damit abfinden, dass ich unmöglich die Rolle einnehmen kann, die sie einnimmt, und dementsprechend meine eigenen Bedürfnisse runterschrauben. Als es dann nach langem Kampf zur eigentlichen Geburt unseres Kindes kam, war vereinbart, dass ich mich am Kopfende des Bettes aufhalte. Das hat sich meine Frau gewünscht. Sie war auf allen vieren und ich konnte ihr Mut zusprechen. Meine eigentliche Aufgabe hat dann für mich angefangen, als mein Kind da war. Plötzlich konnte ich helfen, das Baby zu betreuen und darüber war ich sehr froh.“

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