Onkologie
: Blutkrebs: Zehn Fragen an Dr. Kay-Karsten Kober

AnzeigeWie werden Stammzellen nach der Spende für eine Transplantation vorbereitet? Dr. Kay-Karsten Kober, Oberarzt der Abteilung für Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin, gibt Einblicke in die Stammzellherstellung am Robert Bosch Krankenhaus.
Von
Jana Ziegler
Stuttgart
Dr. Kay-Karsten Kober ist stellvertretender Herstellungsleiter im Bereich Blutprodukte, Stammzell- und Spenderlymphozytenherstellung.

Dr. Kay-Karsten Kober ist stellvertretender Herstellungsleiter im Bereich Blutprodukte, Stammzell- und Spenderlymphozytenherstellung. Leiterin des Bereichs ist Dr. Sonja Martin.

RBK/Kathrin Gralla

Dr. Kober, was sind Stammzellen eigentlich?

Stammzellen sind einzigartige Zellen unseres Körpers, da sie zwei besondere Eigenschaften haben: Sie können sich vermehren und sich zu verschiedenen Zellarten entwickeln.

Aus den blutbildenden Stammzellen entstehen die Zellen des Blutes: rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen und Blutplättchen. Rote Blutkörperchen (Erythrozyten) transportieren den Sauerstoff im Blut, weiße Blutkörperchen (Leukozyten) sind Teil unseres Immunsystems und Blutplättchen (Thrombozyten) Teil der Blutgerinnung. Die Blutstammzellen befinden sich vor allem im Knochenmark. Dort sorgen sie ein Leben lang für die Bildung und Erneuerung unseres Blutes.

Warum sind sie für die Behandlung von Menschen mit Blutkrebs so wichtig?

Bei Blutkrebs ist die Blutbildung häufig schwer geschädigt, etwa durch die Erkrankung selbst oder durch eine intensive Chemotherapie. Eine Transplantation von Blutstammzellen kann ein neues blutbildendes System aufbauen. Bei einer Spende von einer anderen Person kommt noch etwas hinzu: Die übertragenen Abwehrzellen können verbliebene Krebszellen erkennen und bekämpfen. Für manche Betroffene ist eine Stammzelltransplantation deshalb eine wichtige Chance auf Heilung, manchmal sogar die einzige.

Was passiert mit Stammzellen, nachdem sie gespendet wurden?

Zunächst untersuchen wir das Stammzellpräparat umfassend. Wir prüfen zum Beispiel, wie viele Stammzellen enthalten sind und ob das Präparat die erforderlichen Qualitätsanforderungen erfüllt. In besonderen Fällen bearbeiten wir die Zellen weiter. Zum Beispiel entfernen wir rote Blutkörperchen aus dem Präparat, wenn sie nicht mit der Blutgruppe des Empfängers übereinstimmen. All das geschieht in unserem Herstellungsbereich.

Nach der Freigabe geben wir das Präparat an die behandelnde Station ab. Sind die Zellen für eine Transplantation in einem anderen Krankenhaus vorgesehen, übergeben wir sie an einen speziell geschulten Kurier, der sie an ihr Ziel bringt –möglicherweise weltweit.

Als einziges Krankenhaus in Stuttgart verfügt das Robert Bosch Krankenhaus über einen eigenen Stammzellherstellungsbereich.

Als einziges Krankenhaus in Stuttgart verfügt das Robert Bosch Krankenhaus über einen eigenen Stammzellherstellungsbereich.

RBK/stand.art

Wie werden Stammzellen gewonnen – und was passiert danach mit ihnen?

Blutbildende Stammzellen können entweder aus dem Blut oder direkt aus dem Knochenmark gewonnen werden. Der Unterschied liegt vor allem darin, wie die Entnahme erfolgt.

Häufiger gewinnen wir Stammzellen aus dem Blut. Dafür erhält die spendende Person zunächst ein Medikament, das dafür sorgt, dass mehr Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut gelangen. Anschließend trennt eine Maschine die Stammzellen aus dem Blut. Dieses Verfahren nennt man „Apherese“. Die übrigen Blutbestandteile fließen zurück in den Körper. Der Vorgang dauert meist mehrere Stunden.

Stammzellen aus dem Knochenmark entnehmen wir dagegen unter einer kurzen Narkose direkt aus dem Beckenknochen. Dafür ist ein kleiner operativer Eingriff notwendig.

Auch für die empfangende Person gibt es Unterschiede: Stammzellen aus dem Blut führen häufig zu einem schnelleren Anwachsen der neuen Blutbildung. Gleichzeitig enthalten sie mehr Abwehrzellen, die eine sogenannte Graft-versus-Host-Erkrankung auslösen können. Dabei greifen die übertragenen Abwehrzellen gesunde Körperzellen des Empfängers an.

Welche Stammzellquelle infrage kommt, hängt deshalb unter anderem von der Erkrankung und der individuellen Situation ab.

Die Stammzellentnahme erfolgt über eine Maschine, die aus dem Blut der spendenden Person die Stammzellen abschöpft.

Die Stammzellentnahme erfolgt über eine Maschine, die aus dem Blut der spendenden Person die Stammzellen abschöpft.

RBK/stand.art

Warum braucht es für Stammzellen einen eigenen Herstellungsbereich?

Rechtlich gesehen sind Stammzellpräparate Arzneimittel. Deshalb unterliegen wir den gleichen gesetzlichen Anforderungen und Bestimmungen wie ein Pharmaunternehmen. Dabei gelten strenge Anforderungen an Hygiene, Qualität und Sicherheit. Und dies ist auch sinnvoll, denn Stammzellen sind ein ganz besonderer Bestandteil der Behandlung: Wir entnehmen sie einem Menschen und übertragen sie später auf einen anderen. Deshalb müssen wir besonders sorgfältig arbeiten.

Außerdem arbeiten wir nach internationalen Qualitätsstandards, zum Beispiel den GMP-Richtlinien. GMP steht für „Good Manufacturing Practice“, also „Gute Herstellungspraxis“. Diese Regeln legen fest, wie medizinische Produkte sicher und in gleichbleibender Qualität hergestellt werden. Dazu gehören beispielsweise kontrollierte Räume, geschulte Mitarbeitende und genau dokumentierte Arbeitsschritte.

Zusätzlich spielt die JACIE-Akkreditierung eine wichtige Rolle. Sie stellt besondere Anforderungen an die Qualität der Stammzelltransplantation – von der Spende bis zur Behandlung. Die europäische Gesellschaft für Knochenmarkstransplantation (EBMT) verleiht sie nur an Zentren, die strenge Vorgaben erfüllen. Regelmäßige Inspektionen unseres Herstellungsbereichs und unserer Klinik prüfen, ob wir diese Vorgaben einhalten.

All dies dient unserem Ziel, aus der Spende ein sicheres und hochwertiges Zellpräparat herzustellen, das genau auf die Behandlung abgestimmt ist.

Unterscheidet sich die Herstellung bei eigenen und fremden Stammzellen?

Ja, es gibt einige Unterschiede. Bei einer autologen Stammzelltransplantation (Eigentransplantation) stammen die Stammzellen vom Patienten oder der Patientin selbst. Wir sammeln sie meist, wenn die Erkrankung gut unter Kontrolle ist. Anschließend frieren wir die Zellen ein und lagern sie bei weniger als minus 140 Grad, bis sie benötigt werden. Nach einer Chemotherapie, die neben der Grunderkrankung auch die Blutbildung im Knochenmark zerstört, erhält die betroffene Person die Stammzellen zurück. So kann sich die Blutbildung wieder aufbauen.

Bei der allogenen Stammzelltransplantation stammen die Stammzellen von einem fremden Spender beziehungsweise einer fremden Spenderin. Das kann ein Geschwister sein oder auch eine nicht verwandte Person, deren Gewebemerkmale ausreichend mit denen der erkrankten Person übereinstimmen. Diese Gewebemerkmale aus dem „HLA-System“ nutzt das Immunsystem zur Unterscheidung von „eigen“ und „fremd“. Auch die Stammzellen fremder Spendender sorgen nach der Therapie der Krebserkrankung für eine neue Blutbildung. Zusätzlich können die übertragenen Abwehrzellen verbliebene Krebszellen erkennen und bekämpfen. Diesen Effekt gibt es nur bei der allogenen Stammzelltransplantation.

Insgesamt ist die allogene Stammzelltransplantation deutlich aufwändiger als die autologe Transplantation und auch mit deutlich mehr Risiken verbunden.

Warum werden manche Stammzellen eingefroren und andere direkt transplantiert?

Das Einfrieren bietet einen wichtigen Vorteil: Wir können die Stammzellen zu einem geeigneten Zeitpunkt sammeln und später verwenden. Das ist besonders bei der autologen Stammzelltransplantation (Eigentransplantation) üblich. Zunächst sammeln wir die Stammzellen und lagern sie tiefgefroren. Anschließend folgt eine intensive Behandlung, beispielsweise eine Hochdosis-Chemotherapie. Danach tauen wir die eigenen Stammzellen wieder auf und übertragen sie dem Patienten oder der Patientin. Sie helfen dabei, die Blutbildung nach der Therapie neu aufzubauen.

Bei Spenderstammzellen transplantieren wir die Zellen dagegen meist direkt nach der Entnahme. Das ist möglich, weil Spende und Behandlung zeitlich aufeinander abgestimmt sind. Die Zellen bleiben dabei frisch und kommen ohne längere Lagerung zum Einsatz.

Manchmal ist eine direkte Transplantation jedoch nicht möglich, beispielsweise wenn der Patient oder die Patientin noch nicht für die Transplantation bereit ist. Dann kann das Einfrieren eine wichtige Möglichkeit sein. Da dabei die Qualität des Produktes etwas abnimmt, streben wir immer die Transplantation der frischen Stammzellen an.

Wie hat sich die Stammzellherstellung in den letzten Jahren verändert?

Die Stammzellherstellung ist in den vergangenen Jahren sicherer, genauer und besser planbar geworden.

Früher hingen viele Arbeitsschritte stärker von der manuellen Erfahrung Einzelner ab. Heute laufen immer mehr Verfahren standardisiert und technisch unterstützt ab. Moderne Geräte helfen dabei, Stammzellen gezielt zu sammeln und andere Blutbestandteile möglichst schonend zurückzuführen.

Auch die Qualitätskontrollen haben sich weiterentwickelt. Wir untersuchen die Präparate umfassend und können dadurch besser beurteilen, ob sie für die Transplantation geeignet sind.

Zudem arbeiten die verschiedenen Fachbereiche heute enger zusammen. Ärztliche Teams unterschiedlicher Disziplinen, Pflegekräfte und Labormitarbeitende stimmen sich eng miteinander ab.

Ein weiterer wichtiger Fortschritt ist die Möglichkeit, Stammzellpräparate gezielt zu bearbeiten. So können beispielsweise bestimmte Zellen entfernt oder angereichert werden. Das ermöglicht eine individuellere Behandlung.

Die Stammzellherstellung ist heute ein hochpräziser Prozess, bei dem Sicherheit und Qualität im Mittelpunkt stehen.

Die Transplantationseinheit des Robert Bosch Krankenhauses ist von der Europäischen Gesellschaft für Knochenmarktransplantation zertifiziert.

Die Transplantationseinheit des Robert Bosch Krankenhauses ist von der Europäischen Gesellschaft für Knochenmarktransplantation zertifiziert.

RBK/stand.art

Stimmt es, dass sich nach einer Stammzelltransplantation die Blutgruppe verändern kann? Und wenn ja, warum?

Ja, die Blutgruppe kann sich nach einer Stammzelltransplantation ändern – allerdings nur nach einer allogenen Transplantation, also nach der Verwendung von Stammzellen einer anderen Person.

Die Blutgruppe eines Menschen bestimmen bestimmte Merkmale auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen. Wie alle Blutzellen entstehen auch die roten Blutkörperchen aus den Stammzellen – in diesem Fall aus denen der spendenden Person. Daher tragen die neuen roten Blutkörperchen deren Blutgruppe. Hat die spendende Person eine andere Blutgruppe als die empfangende Person, verändert sich deren Blutgruppe im Laufe der Zeit entsprechend. Das passiert allerdings nicht sofort. Zunächst befinden sich noch rote Blutkörperchen mit der ursprünglichen Blutgruppe im Körper. Erst wenn diese nach und nach abgebaut und durch neue ersetzt sind, kann sich die Blutgruppe verändern. Diese Veränderung ist medizinisch besonders interessant und muss von uns bei der Auswahl und Verabreichung von Bluttransfusionen während und nach der Stammzelltransplantation berücksichtigt werden.

Welche Vorteile hat es für Betroffene, wenn das Transplantationszentrum Stammzellen auch selbst herstellen kann?

Wenn ein Krankenhaus Stammzellen nicht nur transplantiert, sondern auch selbst verarbeitet, arbeiten Ärzte, Pflegekräfte und das Herstellungsteam besonders eng zusammen.

Das hat Vorteile für die Sicherheit und die Planung der Behandlung. Wir können die Stammzellen direkt vor Ort untersuchen, bei Bedarf bearbeiten und für die Transplantation vorbereiten. Die Wege zwischen den beteiligten Teams sind kurz. In besonderen Situationen oder bei unerwarteten Problemen können sich die Fachleute schnell abstimmen und reagieren.

Ein weiterer Vorteil ist die Erfahrung: Ein eigenes Herstellungsteam kennt die Abläufe im Transplantationszentrum und arbeitet eng mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten zusammen. Jeden Schritt – von der Entnahme bis zur Übertragung – können wir nachvollziehbar dokumentieren und kontrollieren.

Zudem sind die Wege für Betroffene und Spendende kürzer. Hat eine transplantierende Klinik keinen eigenen Herstellungsbereich, muss die Entnahme gegebenenfalls in einer anderen Klinik oder gar einer anderen Stadt erfolgen. Wir am Robert Bosch Krankenhaus können alles aus einer Hand und an einem Standort bieten.

Vielen Dank für das Interview!

Mehr Informationen zum Thema Stammzell- und Knochenmarktransplantion finden Interessierte auf der Webseite des Robert Bosch Krankenhaus.