Megamarsch in Stuttgart: 100 Kilometer zwischen Kick und Schinderei
Fridolin hat sich etwas abseits hingesetzt. Von der lauten Musik, vom Durcheinander auf dem Platz vor dem Mercedes-Benz-Museum, von dem Lachen und Johlen scheint der 38-Jährige aus Bruchsal wenig Notiz zu nehmen. Es wirkt, als gehe er noch einmal in sich. „Der Kopf ist die Herausforderung“, sagt er. Drei Monate lang hat er sich mit einem Mix aus Laufen und Marschieren auf das vorbereitet, was gleich auf ihn zukommt: 100 Kilometer zu Fuß, und das binnen 24 Stunden.
Am Samstag ist die vierte Ausgabe des Stuttgarter Megamarschs gestartet. Ausgerichtet wird das Extremsportevent vom Anbieter Hundert24 GmbH. Die Firma veranstaltet 18 Touren pro Jahr, 50- und 100-Kilometer-Märsche. Die Stuttgarter Version sei besonders anstrengend, sagt Charleen Kamps vom Organisationsteam. Der Grund: die Topografie. 1500 Höhenmeter gilt es zu überwinden, über Weinberge, durch Wälder, auf Wanderwegen. Der Megamarsch sei grundsätzlich für jedermann, dennoch stellt sie klar: „Ein Spaziergang ist das nicht.“
Schlafentzug große Herausforderung
Sabine Primessnig (44) weiß das aus eigener Erfahrung. Im vorigen Jahr musste sie aufgeben. „Nach Kilometer 68 habe ich mir morgens um 5.30 Uhr ein Taxi bestellt“, erzählt sie. Starke Schmerzen in der Kniekehle hätten ihr ein Weitergehen unmöglich gemacht. In diesem Jahr will sie’s wissen. Auf die Strecke geht es mit ihrem Mann Jens Maier (45) und zwei Freunden. Die Stimmung vor dem Start ist ausgelassen. Vorfreude schwingt mit. „Man verlässt komplett seine Komfortzone“, sagt Jens Maier. Die Eheleute aus Fellbach sind drahtig. Sie läuft Halbmarathon, er treibt ebenfalls allerhand Sport. Dennoch: Für das, was sie auf der Strecke erwartet, kann man kaum trainieren. Der Schlafentzug sei das Anstrengendste, sagt Sabine Primessnig.
Um die 1100 Menschen haben sich trotz regnerischer Wetteraussichten angemeldet. Zu gewinnen gibt es für die Strapazen nichts außer einer Urkunde, einer Medaille und einem alkoholfreien Bier am Ziel. Vielmehr kostet das Ganze ein Startgeld von knapp 70 Euro, außerdem nicht selten Blasen oder ramponierte Knie. Doch beim Megamarsch geht es um mehr, sagt Charleen Kamps. „In erster Linie geht es um die körperliche Herausforderung, darum, seine Grenzen zu testen.“ Entsprechend sei der innere Schweinehund der ständige Begleiter. „Die ersten 20, 30 Kilometer gehen meist gut, danach wird es hart“, sagt sie. Entscheidend sei das richtige Mindset, also die Einstellung. Erfahrungsgemäß kämen bei den 100-Kilometer-Touren nur 40 Prozent der Teilnehmer ins Ziel.
Über vier Kilometer pro Stunde nötig
Vom Neckarpark führt der Rundkurs in Richtung Feuerbach, über Botnang, runter bis nach Esslingen-Berkheim, durch Esslingen, nach Fellbach und Bad Cannstatt und zurück zum Mercedes-Benz-Museum. Wer binnen eines Tages ins Ziel kommen will, muss sich ranhalten, erklärt Charleen Kamps, mindestens 4,2 Kilometer müsse man in der Stunde schon bewältigen. Alle 20 Kilometer gibt es eine Verpflegungsstation, an der man sich ausruhen, etwas essen und trinken und die Toilette benutzen kann. Dann sollte man aber weiterziehen. Eine Riesenschinderei – und attraktiv für viele.
Auch Simone Abele (54) juckt es quasi in den Beinen und Füßen. Eigentlich ist sie nur aus Murrhardt hergefahren, um dem Partner der Tochter zuzujubeln. Nun würde sie am liebsten selbst mitmarschieren. Vielleicht nächstes Jahr, sagt sie. Warum? „Um nachher stolz sein zu können.“




