Invasive Ameise in Stuttgart: „Das ist doch keine normale Ameise“ – neue invasive Art in Wilhelma entdeckt

Die invasive Asiatische Nadelameise (Brachyponera chinensis) ist jetzt auch in Stuttgart heimisch.
Naturkundemuseum StuttgartMan muss schon ein geübtes Auge haben, um zwischen Elefanten, Löwen, Nashörnern und Affen auch kleinste Exoten zu erkennen: In der Wilhelma haben Max Härtel und seine Mutter eine neue Tierart entdeckt, die im Gegensatz zu den anderen Tieren völlig frei und von den Besuchern unbemerkt über die Wege des zoologischen Gartens gekrabbelt sind. „Schau mal, das ist doch keine normale Ameise“ – mit diesem Satz hat die Mutter Christine Härtel ihren Sohn auf zwei Arbeiterinnen aufmerksam gemacht.
Die Tiere unterschieden sich tatsächlich von den heimischen Arten, bestätigt der Sohn. Sie waren etwas schlanker und dunkler als die aus Wald, Park und Garten bekannten Ameisen. Und sie verhielten sich auch anders. „Wir sind Ameisen-Enthusiasten“, sagt Max Härtel, fast schon entschuldigend. Er habe die Mutter mit seiner Leidenschaft angesteckt. Entsprechend schnell reagierten die beiden und fingen die Tiere ein. Das war im Frühsommer des Jahres 2025.
Invasive Ameise ist schädliche Einwanderin aus Asien
Bei dem Fund aus der Wilhelma handelt es sich um eine Asiatische Nadelameise (Brachyponera chinensis) – eine invasive Art, die bis dahin in Deutschland noch nicht nachgewiesen war. Das wurde an der Universität Hohenheim bestätigt, wo Härtel studiert. Ein Kommilitone, David Grunicke, trug den Fund auf einer digitalen Meldeplattform namens iNaturalist ein. Diese dient zur Bestimmung und Dokumentation von Arten. Grunicke war die Art bereits bekannt, denn sie war zuvor schon am Comer See in Italien aufgetaucht – es war der erste Hinweis einer etablierten Population in Europa.
Nach dem neuerlichen Eintrag auf der Plattform meldete sich wenig später ein Forschungsteam der Senckenberg Gesellschaft für Naturkunde und das Naturkundemuseum Stuttgart: Die Forschenden hatten gleich eine ganze Kolonie der Ameisen im Rosensteinpark entdeckt. „Das zeigt, dass es sich nicht um einzelne eingeschleppte Tiere handelt, sondern sehr wahrscheinlich um eine lokale überwinterungsfähige Population“, berichtet Brendon Boudinot vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Damit liegt der erste gesicherte Nachweis dieser Art in Deutschland vor.“ Die Forschenden vermuten, dass die Tiere in Stuttgart über Pflanzen eingeschleppt wurden. So könnten gebietsfremde Arten als blinde Passagiere zum Beispiel in Topfpflanzen oder anderen Importgütern eingeführt werden.

Die Ameisenenthusiasten der Universität Hohenheim: David Grunicke, Max Härtel und Benjamin Palm.
Foto: Universität Hohenheim/Corinna SchmidInvasive Ameise: Allergische Reaktion nach Stichen in den USA
Die Asiatische Nadelameise stammt ursprünglich aus Ostasien. 1932 wurde sie im Südosten der Vereinigten Staaten erstmals entdeckt, ist seitdem in mehreren Bundesstaaten verbreitet und verdrängt heimische Ameisenarten. Zudem sind aus den USA auch allergische Reaktionen nach Stichen bekannt.
In Europa gab es bislang nur wenige bestätigte Nachweise. Die Art wurde aber 2025 von der Europäischen Union in die sogenannte „Unionsliste“ aufgenommen und damit als potenziell besonders schädliche invasive Art eingestuft. Denn sie konkurriert nicht nur mit heimischen Arten um die gleichen Nahrungsquellen – sie geht auch kämpferisch gegen die hier ansässigen Artgenossen vor und versucht diese zu vertreiben.
Forscher warnen vor der sich ausbreitenden Ameise
Noch ist unklar, wie weit die Asiatische Nadelameise in Deutschland bereits verbreitet ist. Die Forschenden empfehlen gezielte Monitoring-Programme, um eine mögliche Ausbreitung frühzeitig zu erkennen. „Durch den Klimawandel besteht in Europa grundsätzlich ein erhöhtes Risiko für die Ansiedlung gebietsfremder Ameisenarten“, warnt Boudinot.
Die Hohenheimer Studenten haben den Fund nun wissenschaftlich publiziert: Max Härtel, David Grunicke und Benjamin Palm wurden dabei als Co-Autoren genannt. Die Studie ist Ende März im Zootaxa erschienen, einem internationalen Fachmagazin für zoologische Taxonomie. Für die Studenten eine unheimlich spannende Erfahrung, wie sie bestätigen. „Es gibt noch ganz viel zu entdecken“, sagt Härtel. Vor allem bei den ganz kleinen Dingen. „Und wer die Augen offenhält, der wird am Ende auch belohnt.“
Unerwünschte Einwanderer
Ameisen
Invasive Ameisen gelten als ernstzunehmendes Risiko für die heimischen Ökosysteme und können auch für Menschen eine Gesundheitsgefahr darstellen. In der Liste der hundert schädlichsten gebietsfremdem Arten der Global Invasive Species Database nehmen Ameisen gleich fünf Plätze ein – darunter die Rote Feuerameise (Solenopsis invicta), die Großkopfameise (Pheidole megacephala) und die Gelbe Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes).
Artensterben
Das Artensterben und insbesondere der Rückgang der Insekten stellt eine der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wurde das Kompetenzzentrum Biodiversität und integrative Taxonomie im Jahr 2020 an der Universität Hohenheim und am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart eingerichtet. Es bündelt zahlreiche Arbeitsgruppen an beiden Institutionen für gemeinsame Forschung und Lehre. Eine Kernprofessur ist das Fachgebiet „Integrative Taxonomie der Insekten“ an der Universität Hohenheim unter Leitung von Christian Rabeling. Das Land fördert das KomBioTa im Rahmen der Landesinitiative „Integrative Taxonomie“ mit jährlich rund einer Million Euro: https://kombiota.uni-hohenheim.de
