Neues Projekt der Bürgerstiftung
: 6000 Stuttgarter sollen Mentoren werden

Die Bürgerstiftung hat sich etwas Großes vorgenommen: Sie will ein Prozent der Stuttgarter Bevölkerung dafür gewinnen, Mentoren zu werden. Diese sollen dabei helfen, dass sich Neuankömmlinge in der Stadt rasch zurechtzufinden und angenommen fühlen.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Mentee und Mentorin: Semhar Zeresenay (links) und Anna Arndt bilden seit 2022 ein Tandem beim Verein Female Fellows.

Bürgerstiftung

Eben erst wurde Irene Armbruster, Geschäftsführerin der Bürgerstiftung, für ihre vielfältigen Projekte mit der Staufermedaille des Landes ausgezeichnet, da steht bereits das nächste Stiftungsprojekt in den Startlöchern. Es heißt „welcoMEntor“ und trägt das „Willkommen“ im Namen – eine Anspielung auf die „Willkommenskultur“, die im politischen Diskurs kaum noch eine Rolle spielt oder sogar negativ belegt ist. Dennoch – oder gerade deshalb – entrichtet die Bürgerstiftung Menschen, die neu in Stuttgart eintreffen, ein entschiedenes Willkommen. Ziel des gemeinsam mit Akteuren aus der Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung entwickelten Projekts ist es, Ansässige und Ankommende zusammenzubringen, miteinander zu „matchen“, wie es Neudeutsch heißt, und damit etwas für den Zusammenhalt in der Stadt zu tun.

„Jeder der hier lebt, ist Stuttgarter“

Armbruster selbst spricht von einem „Demokratieprojekt“, das Begegnungen fördern und Angst vor Vielfalt nehmen soll: „Unsere demokratische Gesellschaft lebt von Vielfalt. Immer mehr Menschen sehen das jedoch kritisch und sind ablehnend gegenüber Kulturen und Themen, die ihnen nicht vertraut sind. Dem wollen wir durch Begegnungen entgegenwirken und Freude auf das Zusammenleben machen.“ Ihre Grundüberzeugung lautet, angelehnt an den früheren OB Manfred Rommel: „Jeder der hier lebt, ist Stuttgarter.“ Ansässige sollen Ankommenden helfen, sich möglichst schnell mit Land, Leuten und der Stadt vertraut zu werden. Das Angebot richtet sich auch an Menschen, die schon länger hier leben, sich aber noch nicht richtig zu Hause fühlen. Dazu braucht es Mentorinnen und Mentoren – und das in großer Zahl.

Mit Start des Projekts am 22. März sucht die Bürgerstiftung 6000 Menschen – das entspricht einem Prozent der Bürgerschaft –, die sich für diese Idee engagieren. Und das nicht abstrakt, sondern sehr konkret und mit großer Verbindlichkeit. Die Formel lautet: Ein Jahr lang, ein Treffen pro Woche von mindestens einer Stunde Dauer. Es geht also um Eins-zu-Eins-Begegnungen: 6000 Mentoren betreuen 6000 Mentees und das „auf Augenhöhe“. Die Bürgerstiftung orientiert sich hier am Beispiel Kanadas, wo jeder „Newcomer“ Zugriff auf einen Mentor habe und damit eine gute Startchance im neuen Lebensumfeld, wie Armbruster betont. Sie setzt dabei auch auf Geflüchtete, die sich gut integriert haben und anderen Geflüchteten Vorbild sein können. „Es gibt so viele negative Geschichten, wir wollen positive Geschichten dagegen setzen“, sagt sie.

Das Projekt baut auf bestehenden Programmen auf

Armbruster und die Projektkoordinatorin Katharina Knop sind überzeugt, dass das gelingen kann: „Wo, wenn nicht hier!“, sagen sie selbstbewusst: „Wir starten auch nicht bei Null, sondern bauen auf ein Netz von rund 15 bestehenden Mentoring-Programmen in Stuttgart auf.“ Rund 1000 Mentoren-Tandems gebe es in der Stadt bereits. Die Palette der Angebote reicht von Hausaufgabenbetreuung über Hilfen beim Berufseinstieg bis zur gemeinsamen Freizeitgestaltung. Sie werden in „welcoMEntor“ nun gebündelt und gemeinsam mit der Stadt und Unternehmen um weitere Angebote ergänzt. Die städtische Freiwilligenagentur ist ebenso mit an Bord, wie „Caleidoskop“, das Freiwilligenzentrum der Caritas. Angelegt ist das durch Fundraising finanzierte Vorhaben zunächst auf drei Jahre. Dann soll es an das Stuttgarter Welcome-Center andocken. Armbruster sieht darin ein großes Gemeinschaftsprojekt: „Gemeinsam machen wir uns für eine offene und tolerante Gesellschaft in Stuttgart stark.“

Weitere Informationen gibt es unter: www.welcomentor-stuttgart.de

StZ Kompakt - Der Morgen
Montag - Sonntag um 6.00 Uhr
Starten Sie mit den wichtigsten Themen aus Stuttgarter Sicht in den Tag und erhalten Sie sonntags die besten Geschichten der Woche.