Oper trifft Schauer-Romantik: Wie schön kann Wahnsinn klingen?

„Lucia di Lammermoor“ in Katie Mitchells Londonder Erfolsinszenierung kommt nach Stuttgart.
Martin SigmundDie Produktion von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ feierte am 3. Oktober 2026 ihre umjubelte Stuttgarter Premiere. Die Regisseurin siedelt Donizettis Belcanto-Meisterwerk in der Epoche der dunklen Romantik an – und macht es gerade dadurch zu einem erschütternd gegenwärtigen Drama. Die Oper „Lucia di Lammermoor“ mit der großartigen Sopranistin Chelsea Lehnea in der Titelpartie, ist derzeit auf der Stuttgarter Opernbühne zu erleben – und in Saison 2026 nur bis 1. November auf dem Spielplan.
Donizettis Oper „Lucia di Lammermoor“ handelt von der systematischen Vernichtung einer Frau, die unter dem Druck patriarchaler Gewalt zerbricht. Weil sie das Unglück hat, in der falschen Familie geboren zu sein, den falschen Mann zu lieben und zu wenig Macht zu besitzen, um sich dagegen zu wehren. Im Mittelpunkt steht Lucia, deren Bruder Enrico die Zukunft der Familie sichern muss und deshalb ihre Heirat mit dem wohlhabenden Lord Arturo durchsetzt. Doch Lucia liebt Edgardo, den Erzfeind ihres Bruders. Als Enrico davon erfährt, setzt er eine Spirale in Gang, die in Gewalt und Tod mündet: In der Hochzeitsnacht tötet Lucia ihren frisch angetrauten Mann Arturo und erleidet einen psychischen Zusammenbruch. Als Edgardo vom Tod Lucias erfährt, ersticht er sich selbst.
Gaetano Donizetti: Schmerz aus der Tiefe
Gaetano Donizetti komponierte „Lucia di Lammermoor“ im Jahr 1835, innerhalb von kaum sechs Wochen – und schuf doch eines der größten Meisterwerke des Belcanto. Am 26. September desselben Jahres wurde sie in Neapel uraufgeführt und mit einem Schlag zum Triumph. Die Vorlage lieferte Walter Scotts Roman „The Bride of Lammermoor“ von 1819, dessen düstere schottische Atmosphäre Donizetti ins Melodrama übersetzte. Doch Lucias Geschichte berührte ihn nicht nur als Stoff. Donizettis eigenes Leben war von Verlusten durchzogen: Seine drei Kinder starben kurz nach der Geburt, seine Frau Virginia erlag 1837 einer Epidemie. Später erkrankte er selbst schwer und litt unter körperlichem und geistigem Verfall. Er starb 1848 in seiner Geburtsstadt Bergamo. Wer das weiß, hört die Oper anders. Die Bilder des Wahnsinns haben nichts Prototypisches, Literarisches. Sie kommen aus der Tiefe.
Koloratur plus Glasharmonika gleich Wahnsinn?
Lucias berühmte Wahnsinnsszene im dritten Akt gehört zu den großen Momenten der Operngeschichte. Donizetti sah als Begleitinstrument eine Glasharmonika vor, jenes gespenstische Instrument, dessen Klang im 18. Jahrhundert als so verstörend galt, dass man ihm krankheitserregende Wirkung nachsagte. Auch die Koloraturen, also jene langen, verzierten Melodielinien, die man leicht als bloße Virtuosität missverstehen kann, sind bei Donizetti ein psychologisches Ausdrucksmittel. Sie zeigen, wie Lucia sich von Sprache und Bewusstsein löst, und wie Schönheit, Wahnsinn und Schmerz ineinanderfallen.
Chronik eines angekündigten Untergangs
In der Inszenierung von Katie Mitchell, entstanden 2016 für das Royal Opera House in London, steht Lucias Perspektive konsequent im Zentrum. Mitchell zeigt sie nicht als fragile, dem Wahnsinn verfallende Figur, sondern als lebenszugewandte, vielschichtige Persönlichkeit, die in der Liebe zu Edgardo erstmals Erfüllung erfährt. Deren Verlust, die erzwungene Heirat und ihr Mord an Arturo führen schließlich zu ihrem psychischen Zusammenbruch. Die Inszenierung verlegt die Handlung in die 1830er und 1840er Jahre, in die Epoche der Dunklen Romantik mit Bildwelten, die eine unheimliche, verschwörerische Atmosphäre erschaffen und das Geschehen zu einem psychologischen Thriller machen. So gelingt es Mitchell, das Werk jenseits von dekorativem Historismus als erschütternd gegenwärtiges Drama erfahrbar zu machen.
Vorstellungen an der Staatsoper Stuttgart
- Freitag, 9. Oktober 2026
- Sonntag, 11. Oktober 2026
- Donnerstag, 15. Oktober 2026
- Samstag, 18. Oktober 2026
- Dienstag, 20. Oktober 2026
- Freitag, 23. Oktober 2026
- Sonntag, 1. November 2026
Donizettis „Lucia di Lammermoor“ in Stuttgart
Weitere Informationen zu den Vorstellungen, zum Stück und Tickets gibt es auf der Webseite der Staatsoper Stuttgart.








