Ostersonntag auf dem Birkenkopf: Wenn der Trümmerberg zum Hoffnungsberg wird

Großer Andrang: mehrere Hundert Menschen kamen am Sonntagmorgen zum Ostergottesdienst auf den 511 Meter hohen Birkenkopf.
Jan SellnerEin erhebendes Erlebnis. Und das im wahrsten Sinne des Worte: In 511 Meter Höhe mit Blick auf den Stuttgarter Talkessel haben am Ostersonntagmorgen mehrere Hundert Menschen Gottesdienst gefeiert. „Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“, erklang es zum bereits 70. Mal auf dem auch „Monte Scherbelino“ genannten Stuttgarter Trümmerberg, der an Ostern zum Hoffnungsberg wird.
Astrid Riehle, Pfarrerin der evangelischen Paul-Gerhardt-Gemeinde im Stuttgarter Westen, erinnerte in ihrer Predigt an die Geschichte dieses höchsten Punktes des inneren Stadtgebiets: „Wir sitzen hier oben auf den Trümmern unserer Stadt. Vor 80 Jahren wurden sie unten im Kessel auf Lastwagen geladen und hier oben aufgeschüttet. Ein Mahnmal sollte daraus werden – und ist es geworden. Ein Mahnmal gegen den Krieg!“, sagte sie.
Tod und Vernichtung sei damals vom nationalsozialistischen Deutschland ausgegangen. Der Dichter Paul Celan verewigte dies in seiner Todesfuge mit den Worten: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“ Mit Blick auf die gegenwärtigen Kriege sagte Riehle: „Nach über 70 friedlichen Jahren in der westlichen Hemisphäre müssen wir bitter bekennen: ,Meister Tod’ wohnt in der ganzen Welt – im Iran, in den USA, er bringt Palästinenser und Israelis gegeneinander auf, er regiert Menschen in Russland und überall dort, wo der Mensch den Menschen terrorisiert und Kriege anzettelt.“
Pfarrerin Riehle: „Wir brauchen eine Gegenkraft, die nicht dem Tod folgt“
In Anlehnung an ein Gleichnis des Apostel Paulus sprach Riehle vom „Adams-Instinkt“. Dieser Instinkt sei einerseits hilfreich, weil er dem Menschen ermögliche, sich selbst wichtig zu nehmen und sein Überleben zu sichern. Er stehe allerdings auch dafür, „dass in der Welt viel Böses geschieht“. Der Adams-Instinkt wurzle im Egoismus, in der Selbstbezogenheit und in der Existenzangst des Menschen: „Sitzt Adam allein am Steuer, stürzt er den Menschen, ja die Menschheit, ins Unglück“, sagte Riehle. Es sei verstörend zu sehen, welche Formen die Verachtung des Lebens annehme: „Auch in den sogenannten sozialen Netzwerken werden Menschen verletzt. So sehr, dass sie den Glauben an ihre gottgegebene Würde verlieren.“
Für Riehle braucht es deshalb „eine Gegenkraft, die nicht dem Hass folgt, sondern der Liebe, die das Miteinander stärkt und der Spaltung widersteht“. Neben den ,Meister Tod‘ müsse der ,Meister des Lebens‘ treten , der dem Menschen zeige, wie er dem Leben dienen könne. Diese Kraft sei Christus. Riehle zitierte Paulus mit den Worten: „Weil wir mit Adam verbunden sind, müssen wir alle sterben. Weil wir aber mit Christus verbunden sind, werden wir alle lebendig gemacht.“ Vom Glauben an die Auferstehung gehe die Kraft aus, die der Mensch zum Leben brauche in dieser vom Tod gezeichneten Welt.
Bis 30 . September finden auf dem Birkenkopf jetzt wieder Gottesdienste im Grünen statt
Riehle betonte: „An Ostern nehmen wir die neue Welt schon vorweg, eine Welt, in der der Tod überwunden ist, der alte Adam besiegt und Gott alles in allem sein wird.“ Wir singen ,Halleluja – er ist wahrhaftig auferstanden!‘, während die Drohnen fliegen, und trotz offener Fragen und Zweifel.“ Das Wesen des Oster-Rituals sei es, eine Wirklichkeit vorwegnehmen, „die wir ersehnen deren Vollendung noch aussteht“. Begleitet wurde der Gottesdienst von der „mobilen Kirchenmusik“, dem Posaunenchor der Paul-Gerhard-Gemeinde.
Für Astrid Riehle war es der letzte Ostersonntags-Predigt auf dem Birkenkopf. Im Mai wird sie in den Ruhestand verabschiedet. Zugleich bildetet der Gottesdienst den Auftakt der diesjährigen „Kirche-im-Grünen“-Reihe. Bis zum 30. September finden dort regelmäßig sonntagmorgens um 8 Uhr Gottesdienste statt.
