Parolen gegen Juden
: In 4 Stunden 76 antisemitische Videos – Stuttgarter Schülerin testet TikTok

Narin Torun vom Ferdinand-Porsche-Gymnasium in Stuttgart-Zuffenhausen hat untersucht, ob TikTok Parolen gegen Juden und Israel verbreitet. Dafür wurde sie nun ausgezeichnet.
Von
Heidemarie A. Hechtel
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Ausgezeichnet: Narin Torun hat sich eine ganze Palette antisemitischer Hetze auf TikTok angeschaut.

Ferdinando Iannone

Gerade hat sich Narin Torun Abstinenz von TikTok verschrieben. Nein, nicht aus Protest gegen die Verbreitung antisemitischer Parolen auf der Social Media Plattform. „Sondern wegen der Vorbereitung aufs Abitur“, erklärt die 17-jährige Schülerin vom Ferdinand-Porsche-Gymnasium in Stuttgart-Zuffenhausen. Seit Corona ist sie eine von 1,87 Milliarden Nutzerinnen weltweit und 20,9 Millionen Nutzerinnen in Deutschland, 40 Prozent davon zwischen 16 und 24 Jahre alt und durchschnittlich 19,4 Stunden im Monat in der App. Um sich unterhalten zu lassen – von Videos im 15-Sekundentakt, bunt, witzig, beratend, belehrend und mit der „Für Dich“-Seite ganz persönlich angesprochen.

Unwiderstehlich? „Ja, schon“, gibt die junge Frau zu. „Aber auch gefährlich“, ist ihr mittlerweile klar. Alarmiert davon, „dass seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 der Antisemitismus weltweit zunimmt und auch auf TikTok sichtbar wird, und erst recht von einem schreierischen Titel wie „TikTok macht Kinder zu Antisemiten“ (BILD-Zeitung, 17. Mai 2024)“, ist sie für ihre Seminararbeit in der 11. Klasse der Frage nachgegangen: „Trägt TikTok zur Verbreitung von Antisemitismus bei?“

Eindeutige Beweise für Antisemitismus

Sie hat, nimmt sie das Fazit vorweg, dafür eindeutige Beweise gefunden. Für diese Arbeit ist Narin Torun unter zwölf Mitbewerbern aus sechs Schulen von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) mit dem Jenny-Heymann-Preis ausgezeichnet worden. Weil ihre Leistung, so Karin Kittel und Nicolas Lang, beide Lehrer und beide im GCJZ-Vorstand, „absolut innovativ“ ist.

Die Autorin hat sich nicht auf Erkenntnisse fremder Quellen verlassen. Sie stellt, kreativ und professionell, eigene Untersuchungen an, um die dunkle Seite ans Licht zu holen: „Ich habe auf meine zweite Email-Adresse einen neuen TikTok-Account erstellt und entsprechende Begriffe wie Juden und Judentum eingegeben.“ Die Reaktion kam aufs Stichwort: „Eine „Für-Dich-Seite mit Videos und Inhalten mit jüdischem Bezug“, erzählt Narin.

Auffallend ist die Häufung von NS-Anspielungen

Und eine ganze Palette antisemitischer Hetze von den klassischen rassistischen Stereotypen bis zum aktuell vorherrschenden israelbezogenen Antisemitismus, der sich oft hinter der Kritik an Israels Politik verberge, wie Narin die gängige Interpretation wiedergibt: „In vier Stunden wurden 76 Videos, 88 Kommentare, zwei Profile, zwei Sticker, ein Live und ein Song mit antisemitischen Inhalten entdeckt.“

Auffallend sei die Häufung von NS-Anspielungen: „Aussagen wie ,ich vermisse den gewissen Österreicher‘ oder ,alle Juden sollen in die Gaskammern‘, dazu stereotype Darstellungen von Juden als geldgierig mit langer Nase und Geldsäcken auf Emojis“.

Die Kategorie der „jüdischen Weltverschwörung sei ebenfalls stark vertreten gewesen: „Mit der Behauptung, dass Jüdinnen und Juden die Medien kontrollieren, für Nine-Eleven und den Anschlag aufs World Trade-Center verantwortlich seien, dass sie die Länder ins Chaos gestürzt hätten und Hollywood und politische Akteure wie Selensky, Putin und Trump kontrollierten. Selbst die Ritualmord-Legende sei aufgetaucht.

Bilder von einem Davidsstern mit Ratten

Bilder von einem Davidsstern mit Ratten erinnere ebenfalls an die entwürdigenden Darstellungen des Judentums aus der NS-Zeit. Für besonders gefährlich hält sie die codierten Begriffe wie „88“ für „Heil Hitler“, Blitz-Emojis für die SS, den Mann mit erhobenem Arm für den Hitlergruß oder das Hakenkreuz, beides in Emoji-Form: „Das sind versteckte Botschaften, die vor allem sehr junge Benutzer meist nicht einordnen können“, warnt Narin und plädiert dafür, wie Australien ein gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für den Gebrauch von Social Media einzuführen.

Genauso akribisch hat Narin Torum die Beispiele für den israelbezogenen, auch antizionistischen Antisemitismus erfasst. Da würden vor allem NS-Zeit und Holocaust mit dem Gaza-Konflikt verglichen: „Juden machen genau das gerade mit den Palästinensern“ oder „Jetzt sind es die palästinensischen Kinder, die sterben“, schreit es von Videos, der Satz „Anne Frank wäre von Israel heute enttäuscht“ erreichte über tausend Likes. Die pro-palästinensische Perspektive dominiere klar, Israel werde als Staat in Frage gestellt. Besonders perfide sei die Gleichsetzung Juden und Israel.

So sieht sie aus, die Auszeichnung für Narin Torun

Foto: Ferdinando Iannone

„Wie kann es sein, dass eine moderne Plattform, die im Alltag junger Menschen fest verankert ist, so alte und schädliche Ideologien wie den Antisemitismus verbreitet“, ist Narin Torun fassungslos über solchen haarsträubenden Unsinn.

Interviews mit jungen Leuten zum Thema Antisemitismus

Sie hat junge Leute interviewt, ob sie mit dem Begriff Antisemitismus etwas anfangen können und ob Israel für sie ein Staat ist, sie hat mit der Bildungsstätte Anne Frank korrespondiert, wie sich der Antisemitismus verändert habe und wie man dem entgegenwirken könne. Und sie hat Tik Tok mit der Frage konfrontiert, wie es sein könne, dass solche Hassbotschaften ungehindert zirkulieren – und ist mit dem Hinweis auf die Community-Richtlinien und die Möglichkeit, problematische Inhalte zu melden, nicht zufrieden.

„Das Ergebnis ist erschreckend“, so das Fazit von Narin, die in ihrer Kritik an TikTok deutlich wird: „Es bietet eindeutig ein Umfeld für die Verbreitung antisemitischer Inhalte und geht nicht ausreichend mit effektiven Kontrollmechanismen dagegen vor. Daher müsse jungen Menschen schon in der Schule das Rüstzeug zum kritischen Denken mitgegeben werden, um antisemitische Inhalte zu erkennen, zu reflektieren und ihnen aktiv entgegenzutreten.

Wird sie nach dem Abitur ihren Account neu starten? Narin Torum nickt: „Klar.“ Aber sie ist ja gut gegen Lügenpropanda gerüstet.

Im Gedenken an Jenny Heymann

Preis
Der Jenny-Heymann-Preis der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) lädt seit 2014 Schülerinnen und Schüler dazu ein, über die Themen Erinnerung, Holocaust und Dialog zu arbeiten.

Jenny Heymann
Jenny Heymann wurde 1890 in Stuttgart als Tochter des jüdischen Ehepaars Heinrich und Helene Heymann geboren. Sie besuchte das Lehrerinnenseminar in Ludwigsburg, studierte in Tübingen und Hamburg und unterrichtete als Studienrätin in Ludwigsburg. 1939 floh sie vor dem NS-Terror nach London, kehrte 1947 zurück und unterrichtete als Oberstudienrätin im Stuttgarter Hölderlin-Gymnasium. 1956 übernahm sie die Geschäftsführung der neu gegründeten GCJZ. 1996 starb Jenny Heymann im Alter von 105 Jahren.

StZ Kompakt - Der Morgen
Montag - Sonntag um 6.00 Uhr
Starten Sie mit den wichtigsten Themen aus Stuttgarter Sicht in den Tag und erhalten Sie sonntags die besten Geschichten der Woche.