Radverkehr in Stuttgart: Tempo 30 statt neuer Hauptradroute

Aufgeheizt war die Stimmung bei der Bezirksbeiratssitzung in der überfüllten Vaihinger Kelter nicht nur aufgrund der hohen Temperaturen.
Ferdinando IannoneDie Kelter in Vaihingen war am Dienstagabend voll besetzt, der Platz reichte für die vielen Besucher bei weitem nicht aus angesichts des Themas auf der Tagesordnung. Es ging um den Ausbau des Hauptradroutennetzes Stuttgart, auch als Anbindung an den Fernradschnellweg nach Böblingen. Dafür soll in Vaihingen auf einer Länge von rund 1,1 Kilometer von der Robert-Koch-Straße bis zum Föhrenwald auf der Waldburgstraße ein Schutzstreifen mit einer Breite von 2,25 Meter bergaufwärts entstehen, für den allerdings 103 Parkplätze wegfielen. Das Thema elektrisiert im Stadtbezirk, die Stimmung ist aufgeladen. Da hilft es auch nicht, dass OB Frank Nopper laut Bezirksvorsteher Marcel Wolf – wie vor Ort auch SPD-Stadträtin Lucia Schanbacher – versprochen hat, dass die Bedenken des Bezirksbeirats in die Entscheidung des Gemeinderats einfließen werden. „Unglaublich“, „Wahnsinn“ oder „Eine solche Fahrradstraße gehört nicht ins Wohngebiet“ lautet der überwiegende Tenor.
Bis 2030 soll der Anteil des Radverkehrs auf 25 Prozent steigen
Denn die Stadt steht unter Zugzwang. Laut dem 2019 im Gemeinderat getroffenen Radentscheid, soll der Anteil des Radverkehrs in Stuttgart – von derzeit rund neun Prozent – bis 2030 auf bis zu 25 Prozent gesteigert werden. Ein zentraler Punkt in der Agenda ist nun eben der Ausbau des Hauptradroutennetzes in der Landeshauptstadt. Die Verwaltung präferiert eine Lösung mit dem 2,25 Meter breiten Schutzstreifen bergaufwärts. In Gegenrichtung sollen aus Platzmangel lediglich Markierungen auf der Straße angebracht werden, betonte Martin Hasenäcker vom Stadtplanungsamt.
Anwohner bezweifeln Parkplatz-Zählungen der Stadt
An der Tatsache, dass durch diese Planungen Parkplätze wegfallen, entzündet sich der Widerstand. Die Aussage der Verwaltung, dass diese Stellplätze durch freie Bereiche in den angrenzenden Wohngebieten kompensiert werden könnten, sei „schlicht falsch“ – die Anwohner und auch das bürgerliche Lager zweifeln die Zählungen an. Im Blick haben die Lokalpolitiker zudem die aus ihrer Sicht mangelnde Verkehrssicherheit in der Waldburgstraße. Denn bereits jetzt würden die Radfahrer auf der abschüssigen Straße „mit bis zu 70 Stundenkilometern rasen. Das ist lebensgefährlich für kleine Kinder“, monierte eine Mutter. Die Einrichtung einer Radspur würde diese Tendenz vermutlich weiter verschärfen.

Bislang sind lediglich Piktogramme als Fahrradstraße aufgemalt.
Foto: Alexandra KratzDer Bezirksbeirat lehnt die Planung der Stadt ab, wenngleich Volker Schweizer (Grüne) keinen Hehl daraus macht, „dass uns eine reine Fahrradstraße , die nur für Anlieger frei wäre, am liebsten ist.“ Den interfraktionellen Antrag, in dem die Verwaltung aufgefordert wird, alternative Wegeführungen zu untersuchen, sei ein Kompromissvorschlag, „um endlich etwas auf die Kette zu bringen“.
Unter anderem könnte die Hauptradroute ab der Krehlstraße über die Freibad- und Vollmoellerstraße geführt werden. Dafür müsste der Weg, der zum Freibad Rosental führt, zur Fahrradstraße gemacht werden. „Der Autoverkehr könnte aber weiter fahren und auch Stellplätze am Straßenrand sind möglich“, betonte Christian Hübner (SPD). Die Parkplätze in der Waldburgstraße bleiben zum Teil erhalten, zudem könne die seit langem geforderte Verkehrsberuhigung in der Krehlstraße umgesetzt werden. Auch eine Erweiterung zum großen Wurf soll mit der Prüfung der Nutzung der Panzerstraße erfolgen. Der Weg führt durch den Wald auf der Rohrer Höhe und über die Neue Steinengartländer zur Freibadstraße. Somit würde das Wohngebiet weiträumig umfahren und es gebe einen direkten Anschluss an den Radschnellweg nach Böblingen.
Neue Überwege und Tempo 30 für mehr Verkehrssicherheit
Für mehr Verkehrssicherheit sollen neue Überwege, vor allem auf Höhe der Haltestelle Albblick auf dem Weg zur Pestalozzi-Schule, Kindergarten und Jugendhaus, sowie zum evangelischen Waldheim sorgen. Zeitgleich sollen die vorhandenen Bushaltestellen barrierefrei ausgebaut werden. Ins Spiel bringen die Lokalpolitiker auch die seit Jahren geforderte Temporeduzierung auf maximal 40 oder gar 30 Stundenkilometer in der Waldburgstraße. Dabei müsse man aber die Belange des Busverkehrs der Linie 82 berücksichtigen. „Sollte man im gesamten Wohngebiet Tempo 30 einführen, wäre der Konflikt um die Fahrradstraße beendet“, betonte Reinhard König (Linke). Denn in einer verkehrsberuhigten Zone braucht es keinen solchen Schutzbereich.
Fahrraddemo am Samstag
Damit ist die Diskussion aber noch lange nicht beendet. Am Samstag, 28. Juni, ab 14 Uhr, laden der Allgemeine Deutsche Fahrradclub, der VCD und die Naturfreunde am Rathausplatz Vaihingen zur „Demonstration für ein fahrradfreundliches Vaihingen“ ein – mit einer gemeinsamen Fahrt durch die Waldburgstraße.