RAF-Terrorist Willy Peter Stoll
: „Wir haben ihn alle sehr geliebt“

Willy Peter Stoll war an der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und seiner Begleiter beteiligt. Ein Gespräch mit Gerda R., der Schwester des 1978 erschossenen Terroristen.
Von
Frank Buchmeier
Stuttgart
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Willy Peter Stoll als 19-Jähriger am Stuttgarter Hauptbahnhof

privat

Frau R., es war nicht leicht, Sie zu diesem Gespräch zu bewegen. Wovor haben Sie Angst?

Ich fürchte mich davor, dass der Schrecken von damals wieder hochkommt und ich die Folgen nicht verkrafte. Sehen Sie: ich bin hier in Vaihingen geboren, man kennt mich. Meine Eltern hatten eine Küferei, eine Mosterei und eine Gastwirtschaft. Meine Familie und viele Freunde haben mir davon abgeraten, mit der Zeitung zu sprechen. Aber durch die Ausstellung im Haus der Geschichte wurde ich ohnehin von der Vergangenheit erfasst. Vielleicht tut es mir gut, über Willy zu reden.

Wie würden Sie Ihren Bruder beschreiben?

Willy war ein sehr sensibler Junge. Wenn er von anderen Kindern geschlagen wurde, habe ich, seine ein Jahr ältere Schwester, ihn rausgeboxt. Mein Bruder hat sich nie gewehrt, als junger Mann war er Pazifist. Seinen Einberufungsbescheid zur Bundeswehr ignorierte er, daraufhin haben ihn die Feldjäger zu Hause abgeholt, und er musste zur Strafe in der Kaserne tagelang die Böden schrubben. Schließlich wurde er als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.

Haben Sie bemerkt, dass in Ihrem Bruder ein Revolutionär schlummert?

Nein. Das einzige besondere Vorkommnis war, dass er in der achten Klasse wegen Disziplinlosigkeiten vom Hegel-Gymnasium geflogen ist. Aber er hat danach eine private Handelsschule besucht, 1969 seine Prüfung als Steuergehilfe bestanden und dann in einem Möhringer Büro gearbeitet. Sein Chef wollte ihn sogar zum Kompagnon machen. Als ich mitbekam, dass sich Willy im Umfeld der RAF bewegt, war er bereits 26. Zwei Jahre später starb er.

Am Abend des 6. September 1978 nimmt ein junger Mann mit Schnauzbart im Düsseldorfer Chinarestaurant Shanghai Platz. Er bestellt das teuerste Gericht und ein Altbier. Eine Frau betritt das Lokal und ordert das Tagesmenü zum Mitnehmen. Während sie auf das Essen wartet, mustert sie den schnauzbärtigen Gast und erkennt eines jener Gesichter, die überall auf Fahndungsplakaten zu sehen sind. Minuten später fahren vor dem Shanghai Streifenwagen vor. Polizisten betreten das Lokal. Die Beamten sagen später aus, dass Willy Peter Stoll eine Neun-Millimeter-Pistole gezogen habe und sie den Terroristen in Notwehr erschießen mussten.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Geschehnisse vor 35 Jahren?

Ich hörte spätabends im Radio, dass Willy in Düsseldorf ums Leben gekommen sei, kurz darauf standen Polizeibeamte vor unserer Haustür. Am nächsten Tag mussten wir über seine Bestattung entscheiden. Willy hatte seiner Frau gesagt, dass er im Falle seines Todes auf dem Dornhaldenfriedhof beerdigt werden wolle, im selben Grab wie seine RAF-Genossen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die sich ein Jahr zuvor im Stammheimer Gefängnis das Leben genommen hatten. Aber dann rief der Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel an und sagte, er wolle nicht wieder einen solchen Auflauf auf dem Dornhaldenfriedhof und bat uns, Willy im Familiengrab auf dem Alten Friedhof in Vaihingen beizusetzen. Wir haben diesem Wunsch entsprochen. Im Nachhinein betrachtet war das vermutlich ein Fehler, denn wir müssen bis heute mit der traurigen Gewissheit leben, dass wir Willys letzten Willen missachtet haben.

Fand die Trauerfeier am 9. September 1978 in einem würdigen Rahmen statt?

Nein. Eigentlich sollte alles geheim bleiben, doch ein Mitarbeiter des Bestattungsinstitutes hat sich von der Presse bestechen lassen. Wir wurden bei der Beerdigung hemmungslos fotografiert, fremde Menschen haben uns wüst beschimpft. Es war die Hölle. Die Leute in unserem nahen Umfeld hier in Vaihingen haben mit uns gelitten. Die wussten ja, dass wir eine anständige schwäbische Handwerkerfamilie sind.

Am 30. Oktober 1974 beteiligt sich Willy Peter Stoll an der Besetzung des Hamburger Büros von Amnesty International, um nachdrücklich auf die aus seiner Sicht unmenschlichen Haftbedingungen von RAF-Terroristen aufmerksam zu machen. Im Jahr darauf schmeißt er einen Molotowcocktail auf das Gebäude der Ärztekammer in Stuttgart. Aus Angst, dass die Flasche in seiner Hand explodieren könnte, wirft er sie zu früh. Sie zerschellt, ohne Schaden anzurichten, an der Hauswand. Ende 76 taucht Stoll ab und schließt sich dem bewaffneten Kampf der RAF an. Er lernt das Handwerk des Tötens.

Warum verwandelte sich Ihr Bruder vom Kriegsdienstverweigerer zum RAF-Krieger?

Ich glaube, er ist da einfach so reingeschlittert. Zunächst setzte er sich lediglich dafür ein, dass die Haftbedingungen für die gefangenen RAF-Mitglieder verbessert werden, es war ja damals viel von „Isolationsfolter“ in der Presse zu lesen. Entscheidend war, dass Willy in der linken Stuttgarter Szene den Anwalt Klaus Croissant kennenlernte. Willy schmiss daraufhin seinen Job als Steuergehilfe hin und arbeitete in Croissants Kanzlei. Ohne diesen Kontakt wäre mein Bruder nicht bei der RAF gelandet.

Haben Sie mit ihm über Politik diskutiert?

Nein, Willy wusste, dass ich mich dafür nicht interessiere und mein Mann ein überzeugter CDUler ist. Jede Diskussion zwischen den beiden wäre in einen Streit ausgeartet, und das wollte keiner von uns. Aber mit unserer jüngeren Schwester Gudrun redete Willy über alles, die beiden waren sich im Denken und Fühlen sehr ähnlich. Sie verfolgten ein soziales Anliegen, aber Gudrun wurde niemals radikal. Bevor Willy in den Untergrund ging, fragte er sie, ob sie mitkomme. Gudrun lehnte ab.

Haben Sie Ihren Bruder zu jener Zeit, als sein Porträtbild bereits auf Fahndungsplakaten hing, noch einmal gesehen?

Ja, zufällig in einem Stuttgarter Autohaus, kurz nachdem in der Fernsehsendung „XY ungelöst“ nach ihm gefahndet wurde. Ich sprach Willy an, und er ließ mich stehen, so als wenn er mich überhaupt nicht kennen würde. Bis zu seinem Tod bin ich oft an unserem Terrassenfenster gestanden, in der Hoffnung, dass er doch noch mal bei uns in Vaihingen vorbeischaut.

Laut späteren Aussagen des RAF-Aussteigers Peter-Jürgen Boock gehört Willy Peter Stoll zum Kommando „Siegfried Hauser“, das am 5. September 1977 den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt. Um 17.28 Uhr eröffnen vier Terroristen in der Kölner Vincenz-Statz-Straße das Feuer. Schleyers Fahrer Heinz Marcisz wird sofort tödlich getroffen. Dann springt Stoll auf die Kühlerhaube des Begleitfahrzeugs und verfeuert die Munition seiner Maschinenpistole. Im Kugelhagel sterben die Personenschützer Helmut Ulmer, Reinhold Brändle und Roland Pieler. Sechs Wochen später wird auch die Geisel Schleyer erschossen.

Die deutsche Justiz nimmt heute an, dass Ihr Bruder für den Tod mehrerer Menschen mitverantwortlich ist. Teilen Sie diese Ansicht?

Ich möchte gerne glauben, dass Willy nichts Schlimmes getan hat, muss aber akzeptieren, dass er möglicherweise ein Mörder war. Mich tröstet, dass seine Schuld nicht bewiesen ist.

In dem dokumentarischen Spielfilm „Der Baader Meinhof Komplex“ wird Willy Peter Stoll als kaltblütiger Killer dargestellt.

Ich habe mir den Film nicht angesehen, weil ich mich nicht mit Bildern konfrontieren will, die mich zusätzlich belasten würden. Mein Bruder wurde 1978 erschossen, meine beiden Schwestern starben auch viel zu früh, mein erster Mann verunglückte tödlich, und schließlich verlor ich auch meinen späteren Partner. So viel Leid kann niemand verarbeiten. Ich bin zu einer Meisterin im Verdrängen geworden, manchmal habe ich das Gefühl, dass die furchtbaren Ereignisse gar nicht stattgefunden haben.

Auf den Weg in den Abgrund gerät Willy Peter Stoll Anfang der 70er Jahre. Mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter Susanne zieht er in eine Kommune unterhalb des Killesbergs. Zu der WG Birkendörfle zählen auch Volker und Angelika Speitel. Gemeinsam landen sie bei der Stuttgarter Gruppe der von der früheren KPD gegründeten Roten Hilfen, bekommen dort Kontakt zu dem RAF-Anwalt Klaus Croissant und werden in die Betreuung der in Stammheim inhaftierten Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, und Jan-Carl Raspe integriert. Als im November 74 der RAF-Häftling Holger Meins in der Justizvollzugsanstalt Wittlich infolge eines Hungerstreiks stirbt, beschließen das Ehepaar Speitel und Willy Peter Stoll, dass nicht noch mehr Gefangene sterben dürfen. Sie wollen die Gesinnungsgenossen befreien.

Angelika und Volker Speitel sind zusammen in den Untergrund gegangen, während Ihr Bruder ohne seine Ehefrau der RAF beigetreten ist. Wissen Sie, warum die Paare unterschiedlich gehandelt haben?

Willys Frau war zwar links eingestellt, wie viele junge Menschen in jener Zeit, sie wusste aber, dass man die Welt nicht mit Gewalt verbessern kann. Gott sei Dank blieb sie bei den Kindern. Mich macht es noch heute wütend, dass Willy seine Frau und seine Tochter verlassen hat. Susanne und Grischa, der gleichaltrige Sohn der Speitels, sind wie leibliche Geschwister bei meiner Schwägerin aufgewachsen. Sie und die beiden Kinder mussten in jenen Jahren einiges ertragen. Die drei wurden ständig von der Polizei beschattet, sobald sie ins Auto stiegen, stand ein Uniformierter mit der Maschinenpistole da und fragte: „Wohin wollen Sie?“

Andreas Speitel hat sich Ende der 70er Jahre von der RAF distanziert und vor Gericht als Kronzeuge gegen ehemalige Genossen ausgesagt. Im Gegenzug bekam er eine milde Strafe und eine neue Identität. Wäre das auch ein Ausweg für Ihren Bruder gewesen?

Willy hätte niemanden verraten. Er war bis zu seinem Ende von den Ideen der RAF überzeugt. Das wissen wir von Angelika Speitel, die kurz nach Willys Tod gefasst und zu langjähriger Haft verurteilt worden ist. Ihr Mann hat auch gegen sie ausgesagt.

Wie ist es Ihrer Schwägerin und Ihrer Nichte Susanne später ergangen?

Wenn Susanne als Teenie beispielsweise auf die Jugendfarm gegangen ist, standen die Reporter da, um eine Story über „die Terroristentochter“ zu machen. Auch ihre Mutter hatte lange mit Vorurteilen zu kämpfen. Heute führen die beiden ein normales Leben. Wenn wir in der Familie über Willy reden, merken wir, dass wir ihn alle sehr geliebt haben. Für uns war er der Sohn, der Ehemann, der Vater, der Bruder und nicht der Terrorist.

Das Gespräch führte Frank Buchmeier.

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