Rat der Religionen: Was ist das Geheimnis des friedlichen Zusammenlebens in Stuttgart?

Deniz Kiral und Susanne Jakubowski – sie vertreten den Stuttgarter Rat der Religionen im Bundeskongress der Räte der Religionen. Kiral ist amtierender Sprecher des Rats der Religionen. Davor hatte Jakubowski dieses Amt inne.
Lichtgut/Leif Piechowski- Der Stuttgarter Rat der Religionen wächst: aktuell 22 Mitglieder an einem Tisch.
- Aufnahmebedingung ist das Grundgesetz, und die Kommunikation erfolgt auf Deutsch.
- Spannungen zu weltpolitischen Konflikten bleiben, doch Fokus liegt auf friedlichem Miteinander in Stuttgart.
- Stuttgart gilt als vielfältig, das Zusammenleben funktioniert meist friedlich – auch dank städtischer Integrationsarbeit.
- Bundeskongress tagt am 11. und 12. Oktober in Stuttgart, Auftakt ist ein öffentliches Friedensgebet.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Deniz Kiral und Susanne Jakubowski gehören unterschiedlichen Religionsgemeinschaften an: Er vertritt die Alevitische Gemeinde, sie die jüdische. Gemeinsam sitzen sie im Stuttgarter Rat der Religionen und gemeinsam haben sie den Bundeskongress der Räte der Religionen vorbereitet, der am 11. und 12. Oktober zum ersten Mal in der Landeshauptstadt tagt. Ein Gespräch über Gott und die Welt, den Rat der Religionen und die besonderen Vorzüge Stuttgarts.
Frau Jakubowski, Herr Kiral, der Stuttgarter Rat der Religionen ist vor zehn Jahren zum ersten Mal zusammengekommen. Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?
Jakubowski: Wir sind mit sieben Mitgliedern gestartet . . .
Kiral: . . . heute sind wir 22 Mitglieder und sitzen an einem Tisch zusammen. Das an sich ist ja schon ein Erfolg. Als 22. Mitglied kam in diesem Jahr die AL-Mustafa Gemeinde dazu, als erste schiitische Gemeinde aus dem Irak mit rund 200 Mitgliedsfamilien. Darüber sind wir sehr froh. Entscheidend für die Aufnahme ist, dass die Religionsgemeinschaften auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und wir auf Deutsch kommunizieren können. Sonst ist kein Dialog möglich.
Jakubowski: Dass sich Vertreter so unterschiedlicher Religionsgemeinschaften regelmäßig treffen, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Es gibt auch einen Fall, wo der Versuch, die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 in Israel zu verurteilen, einen solchen Rat haben auseinanderbrechen lassen. Bei uns in Stuttgart ist das nicht der Fall.
Wie gehen Sie mit solchen Spannungen um?
Kiral: Sie sind da, wir können sie nicht aus der Welt schaffen. Ja, es gibt viel Trennendes und viele Empfindlichkeiten – nicht nur in Bezug auf Israel und Palästina. Nehmen Sie die Themen Russland/Ukraine, Iran/Irak, Bosnien, Türkei oder das Erstarken der Evangelikalen in den USA. Aber wir diskutieren das nicht durch. Wir müssen bei diesen Themen auch nicht gleicher Meinung sein. Unser Thema ist: Wie gestalten wir in Stuttgart den Dialog miteinander und schaffen ein friedliches Zusammenleben.

„Motoren des Dialogs“: Deniz Kiral und Susanne Jakubowski beim Interview im Alten Schloss.
Lichtgut/Leif PiechowskiWas ist in Stuttgart anders?
Kiral: Stuttgart zählt zu den diversesten Städten in Deutschland. Hier leben Menschen aus 180 Nationen, die etwa 250 verschiedenen Religionsgemeinschaften angehören. Diese Diversität ist mit der Industriegeschichte der Region verbunden. Und das Tolle ist: Dieses Zusammenleben funktioniert ganz überwiegend friedlich. Es gibt auch hier ein paar Kleinigkeiten, die nicht optimal sind. Aber schauen Sie sich andere Großstädte an. Da ragt Stuttgart schon heraus. Wir sind uns dessen oft gar nicht bewusst.
Wo sehen Sie die Gründe dafür?
Kiral: Das ist ein großer Verdienst von dem früheren OB Wolfgang Schuster. Er hat damit begonnen, sich des Themas Diversität anzunehmen und das städtische Integrationsbüro ausgebaut. Er war für diese Entwicklung federführend. Ich feiere ihn heute noch dafür.
Jakubowski: Und wir hatten dann auch einen sehr guten Integrationsbeauftragten, Gari Pavkovic. Das setzt sich jetzt mit seiner Nachfolgerin Ayse Özbabacan fort.
Kiral: Eine wichtige Rolle spielt auch der Stadtjugendring. Er hat in den 1990er Jahren als einer der ersten Stadtjugendringe die Öffnung für Jugendverbände mit Migrationshintergrund vollzogen. Damals war Muhterem Aras, die heutige Landtagsvizepräsidentin, eines der Vorstandsmitglieder. Und ganz wichtig ist natürlich auch das Forum der Kulturen, das in dieser Form bundesweit einmalig ist.
Alles bestens also in Stuttgart?
Kiral: Das wäre zu einfach. Man muss auch weiterdenken und neue Ansätze entwickeln. In der heutigen Zeit darfst du nicht stehenbleiben und musst wachsam bleiben. Die von Bundeskanzler Merz entfachte „Stadtbild-Debatte“ war furchtbar und schädlich für die Integrationsbemühungen. OB Nopper und Bürgermeister Maier, der auch Religionsbeauftragter ist, haben da sehr gut reagiert und ein anderes Bild von Stuttgart vermittelt. Diversität ist etwas Schönes. Ich liebe es, wenn ich in der Stadtbahn sitze und die vielen verschiedenen Sprachen um mich herum höre.
Wo sehen Sie Probleme?
Kiral: Wir erleben heute eine Riesenveränderung in der Industrie. Arbeitsplätze gehen verloren, davor haben Leute Angst. Das spüren wir bei vielen unserer Mitglieder. Wie geht man damit um? Um solche Fragen muss sich eine Stadt kümmern. Von unseren Kommunalpolitikern würde ich dazu gerne mehr hören. Auch dazu, was die städtischen Kürzungen bedeuten. Heute funktioniert beispielsweise die Drogenprävention noch sehr gut. Wenn wir dort aber streichen, werden wir das in einigen Jahren merken. Über solche Themen spricht man nicht oder viel zu wenig. Es herrscht ein seltsames Klima des Verstummens, das ist gefährlich.
Jakubowski: Diese Gefahr sehe ich auch. Und wir müssen aufpassen, dass wir nicht abstumpfen.
Was können eine Stadt und ein Oberbürgermeister da machen?
Kiral: Die Menschen wollen Ansprache. Das ist in einer solchen Situation ganz wichtig. Es braucht auch mehr Debatten in der Stadt. Und mehr Veranstaltungen zu diesen Thematiken. Wir brauchen da auch mehr Beteiligung.
Als Rat der Religionen wollen Sie sich an solchen Debatten beteiligen. Wie steht es um Ihre Bekanntheit?
Kiral: Wir sind in den Bereichen bekannt, wo wir bekannt sein sollten – das betrifft vor allem den Bereich des interreligiösen Dialogs. Da ist uns das schon gut gelungen. In der Stadtgesellschaft haben wir die Problematik, dass Glaube und Religion keinen allzu großen Stellenwert besitzen; das muss man ganz nüchtern sehen. Ich würde mir wünschen, dass wir bei öffentlichen Anlässen eine größere Rolle spielen. So wie jüngst bei der Verleihung des neuen Preises für Zivilcourage der Stadt Stuttgart, wo wir Jurymitglied waren.
Jakubowski: Wir wollen als Rat sichtbarer werden und stärker nach außen gehen – etwa in die Schulen. Da haben wir auch schon positive Erfahrungen gesammelt und hoffen auf noch mehr Interesse der Schulen.
Worin genau sehen Sie Ihre Aufgabe als Rat der Religionen?
Jakubowski: Viele Menschen begreifen Religion als Bedrohung. Das wollen wir als Rat der Religionen infrage stellen. Es geht um Respekt und Zufriedenheit auf der Basis gemeinsamer Werte. Wir sind ein Motor für den Dialog.
Kiral: Tatsächlich passieren manche Anschläge unter der Fahne der Religion. Aber in Stuttgart erleben wir das nicht. Ich habe sehr viele jüdische Freunde. Bei aller Verschiedenheit sind wir uns über die Jahre näher gekommen. Das wirkt auch in unsere Religionsgemeinschaften hinein. Wir sind verschieden, sind aber Teil einer diversen Stadtgesellschaft, die friedlich zusammen lebt.
Zum ersten Mal tagt der Bundeskongress der Räte der Religionen in Stuttgart. Mit welchen Fragen werden Sie sich beschäftigen?
Kiral: Topthema ist das friedliche Zusammenleben in den Städten, und da kann Stuttgart in der Tat als Vorbild dienen.
Jakubowski: Wir wollen gute Gastgeber für die rund 300 Teilnehmer und 90 Delegierten sein und die Dynamik dieses Treffens bestmöglich nutzen.
Rat der Religionen
Der Rat der Religionen in Stuttgart wurde als einer der ersten bundesweit 2015 gegründet; 2016 kam er erstmals zusammen. Ihm gehören aktuell 22 Religionsgemeinschaften an – von den Ahmadiyya Muslim Jamaat Stuttgart bis zum Zusammenschluss buddhistischer Gruppen. Zum Auftakt des Bundeskongresses am 11. Oktober in Stuttgart findet um 19.15 Uhr im Musikpavillon auf dem Schlossplatz ein öffentliches Friedensgebet statt.
Zur Person: Deniz Kiral, 1977 in Çayırlı/Erzincan (Türkei) geboren, arbeitet als Pädagoge in der Stationären Hilfe. Er ist Koordinators des Rats der Religionen in Stuttgart und war Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde Stuttgart und der Alevitischen Jugend Deutschland. Außerdem gehörte er dem Vorstand des Stadtjugendrings Stuttgart, des Landesjugendrings und dem Forum der Kulturen an. Susanne Jakubwoski, 1954 in Katowice (Polen), gelernte Architektin, ist Mitglied der Repräsentanz der Israelitischen Religionsgemeinschaft und aktiv im Rat der Religionen sowie im Haus Abraham in Stuttgart, einem Treffpunkt von Menschen, die sich dem Gedanken des friedlichen Miteinanders der Religionen und der Toleranz verbunden fühlen. red

