Schwabenkinder: Ein Idyll wird ausgemistet

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Stuttgarter ZeitungWolfegg - Sie haben den Stall ausgemistet und sind bei jedem Wetter mit dem Vieh auf die Weide gezogen, auch bei Kälte, wenn ihre Zehen zu erfrieren drohten: Die Schwabenkinder waren für die Bauern im dünn besiedelten Oberschwaben eine Hilfsarmee, die auf den Höfen einen harten Dienst leistete. Auch mit Hilfe von Kinderarbeit wuchs hier Mitte des 19. Jahrhunderts der Wohlstand. Im abschließenden Teil der StZ-Serie über das Schicksal der Schwabenkinder geht es um den Alltag der Hütejungen und Dienstmägde – und darum, wie dieses Geschichtskapitel nun aufgearbeitet wird. Im Bauernhausmuseum in Wolfegg trifft heute eine Gruppe der Stuttgarter Stiftung Geißstraße ein – sie werden dort auch eine Datenbank nutzen können. In ihr sind die Namen von mehr als 10 000 Schwabenkindern verzeichnet.
Kinder als billige Arbeitskräfte
Gegenüber vom Gasthof steht das Vieh auf der Weide, mittendurch führt ein Wanderweg, markiert durch einem blauen Punkt. Da und dort rascheln Mäuse im trockenen Laub des Vorjahres. Kuhfladen sprenkeln den Weg, es geht an Brombeerhecken vorbei, die noch keine Früchte tragen, an Wiesen, auf denen der Löwenzahn noch nicht blüht, aber die Vögel zwitschern schon im Wald, in den die Wanderer bald eintauchen.
Ein früher Frühling ist mit milden Temperaturen in Oberschwaben eingezogen, auch in das Dorf Fuchsenloch, das inmitten einer Feld-, Wald- und Wiesenlandschaft zwischen Ravensburg und Wolfegg liegt. Bis zum Bauernhausmuseum in Wolfegg fehlen noch knapp zehn Kilometer. Dort öffnet morgen eine Ausstellung über die Schwabenkinder, die über Jahrhunderte hinweg als billige Arbeitskräfte die Region bereichert haben. Das Bild, das vom Arbeitsalltag der Kinder auf den Bauernhöfen gezeichnet wird, hat wenig mit Löwenzahn und Vogelgezwitscher zu tun.
Sondern mit Heimweh und Ungewissheit – und mit der Knochenarbeit vieler Generationen von Kindern, die Kühe auf die Weiden trieben, das Getreide einholten, das Holz schleppten, die Ställe ausmisteten und die Milch in die Sennerei brachten. Die Geschichte der Schwabenkinder, die vom 17. Jahrhundert an aus Graubünden, Tirol, Vorarlberg und Oberitalien im Frühjahr in Richtung Bodensee zogen, um dort monatelang zu arbeiten, liegt unendlich fern vom heutigen Urlaub auf dem Bauernhof. Für diejenigen, die sich mit ihr beschäftigen, zerbröselt ein verklärtes Heimatbild: Sie sehen es ohne jenen Weichzeichner, der heute vor allem für Großstadtbewohner zur Grundausstattung gehört, wenn sie an das Leben auf dem Land denken.
Die Geschichte der Schwabenkinder wird neu aufgerollt
Den Pfad von Ravensburg über Fuchsenloch bis nach Wolfegg sind auch immer wieder Schwabenkinder gegangen – nun gehört er zu einem Wanderwegenetz, das die Heimatgebiete der Hütejungen und jungen Mägde mit jenen Orten in Oberschwaben verbindet, auf denen sie als Saisonarbeitskräfte schufteten.
Im Bauernhausmuseum in Wolfegg hat Christine Brugger neue historische Quellen aufgetan, alte bewertet, die Fäden aus allen Ländern zusammengeführt. Brugger koordiniert das EU-Projekt, das die Geschichte der Schwabenkinder neu aufrollt. Fünf Jahre hat sie sich auf eine Zeitreise begeben – inzwischen hat sie vor Augen, wie der Alltag vieler Hütekinder und Dienstmädchen in Oberschwaben aussah und wie es um das Verhältnis zu ihren Dienstherren stand. Die Oberschwäbische Gesindeordnung von 1846 rückte die Dinge zurecht:
„Das Gesinde ist schuldig, seinen Dienst redlich, fleißig und aufmerksam und mit Geschick bei Tag und Nacht unverdrossen nach dem Willen der Dienstherrschaft . . . zu besorgen. Im Uebrigen muss sich das Gesinde allen häuslichen Anordnungen und Einrichtungen der Herrschaft unterwerfen, Befehle, Ermahnungen, auch ernstliche Zurückweisungen mit Bescheidenheit annehmen.“
Der Platz, den die Schwabenkinder auf den Höfen einnahmen, befand sich am untersten Ende der Rangordnung. Sie waren die Schwächsten, allein körperlich gesehen, sie konnten rasch ausgetauscht werden, wenn sie nicht gehorchten. Es gab Missbrauch und Misshandlungen – und nicht immer sind die Fälle aktenkundig geworden, so wie jener, den Christine Brugger im Archiv eines kleinen Ortes unweit von Ravensburg gefunden hat: 1862 erschien Maria Anna Willi aus dem Montafon vor dem Bürgermeisteramt und beschwerte sich, ihr Sohn Josef sei von einem Bauern derart misshandelt worden, dass er nach zwei Wochen heimkehren musste und sich lange nicht von den Verletzungen erholte.
Längst nicht alle Schwabenkinder haben ihre Bauern in so schlechter Erinnerung behalten, wie Josef Willi. Etliche historische Dokumente sowie Berichte von Enkeln und Urenkeln zeichnen auch freundlichere Motive aus der Vergangenheit. So kam Maria Isabella Lechleitner von Ischgl im Jahr 1872 nach Oberschwaben, wo sie von einer Bauernfamilie herzlich aufgenommen wurde. Das zwölfjährige Mädchen blieb als Magd, heiratete acht Jahre später einen Eisenbahnvorarbeiter und bekam 13 Kinder.
Es ist kein Zufall, dass viele Familiennamen in Oberschwaben noch heute einen Klang haben, der viel weiter südlich vertraut ist – beispielsweise der in Graubünden geläufige Name Cavelti. Die Geschichte der Schwabenkinder ist in der Region lebendiger, als dies lange wahrgenommen wurde. Einige der jungen Wanderarbeiter wurden sesshaft, gründeten fern der Heimat eigene Familien, die Oberschwaben längst als ihre Heimat ansehen. Die Geschichte sollte sich Jahrzehnte später mit spanischen, italienischen und türkischen Gastarbeitern wiederholen.
Kalte und nasse Tage auf der Alm
Auf dem Wanderweg nach Wolfegg ummantelt Moos das Totholz auf dem Waldboden. Sonnenstrahlen fallen schräg zwischen den Tannen hindurch, der Weg führt bergauf, vorbei an einem Hochmoor. Auf halbem Weg steht krumm eine uralte Eiche, in deren Schatten sich auch Schwabenkinder ausgeruht haben mögen. Kurz darauf waren jene von ihnen, deren Bauern in Wolfegg ihren Hof hatten, schon fast an ihrem Ziel angekommen: Sie erreichten die hoch gelegenen Almwiesen oberhalb von Wolfegg. Für viele Hütejungen wurden diese Wiesen in den folgenden Monaten jener Ort, an dem sie sich tagein, tagaus um das Vieh kümmern mussten.
Regina Lampert, die als zehnjähriges Mädchen 1864 nach Oberschwaben kam, erinnerte sich in ihrer Autobiografie an kalte und nasse Tage auf der Alm:
„Der Tiroler (Hütebub) sagt zu mir, er habe so kalt an den Füßen. Ich lachte und sagte zu ihm: ,Dort ist gerade ein warmer Kuhpflader, steh hinein, dann bekommst warm.‘“
Für die Bauern waren die Hirtenjungen aus den Alpen aus jenem harten Holz geschnitzt, das ihnen am besten diente. Dass sie noch Kinder waren, zählte wenig, es zählte ihre Arbeitskraft, wie ein Bericht aus einem oberschwäbischen Oberamt belegt:
„. . . weil dieselben, arm und rau erzogen, gewöhnlich von starkem Körperbau und besonders rauer Statur sind, die härteste Arbeit nicht scheuen und Entbehrungen aller Art gewohnt, mit schlechter Kleidung, geringer Kost und kleinem Lohn begnügen . . .“
Heute steht ein Gipfelkreuz am Aussichtspunkt Süh auf jener Wiese, auf der die Schwabenkinder einst nach dem Vieh sahen. In den Dörfern im Tal scharen sich die Häuser um die Kirchtürme, auf Dächern funkeln Solarzellen in der Abendsonne.
Moderne Technik erhellt auch immer mehr Geschichte: Im Tal liegt das Bauernhausmuseum Wolfegg, dessen Zehntscheuer früher ein Klostergebäude war. Hier können die Ausstellungsbesucher von morgen an in Datenbanken nach Schwabenkindern recherchieren: Deren Schicksal ist aus Dutzenden von Archiven im gesamten Alpenraum rekonstruiert worden. Erstmals können auch die Herkunftsorte und die Dienstherren von Tausenden von Hütejungen nachvollzogen werden. Dabei entsteht ein neues Heimatbild. Eines ohne romantischen Anstrich.