„Wie eine dunkle Wolke“
: Wird die Sonnenfinsternis ernüchternd unspektakulär?

Der Unterschied zwischen einer partiellen und totalen Sonnenfinsternis ist enorm. Wer am Mittwochabend nicht gezielt hinschaut, könnte das Himmelsphänomen glatt verpassen, sagt ein Tübinger Astronom.
Von
Michael Maier
Stuttgart
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Partielle Sonnenfinsternis

Die Sonnenfinsternis am 12. August 2026 erreicht in Deutschland bis zu 90 Prozent Abdeckung (Archivbild) – nicht genug für ein gewaltiges Ereignis.

Julian Stratenschulte/dpa

Sonnenfinsternisse üben seit jeher mystische Faszination aus. Doch Finsternis ist nicht gleich Finsternis: Während manche kosmischen Schattenspiele für spektakuläre Momente am Himmel sorgen, ziehen andere im Alltag fast unbemerkt vorbei. Zu der zweiten Sorte könnte die Verdunklung am Mittwoch, 12. August, in Stuttgart und ganz Deutschland gehören. Das meint zumindest Sternastronom Prof. Dr. Klaus Werner von der Uni Tübingen. „Wer nichts von dem Phänomen weiß, wird davon auch nichts wahrnehmen“, sagt der Forscher und Abteilungsleiter für Astronomie und Hochenergieastrophysik. Wenn man nicht gezielt mit Brille hinschaue, sei das Ganze mehr wie eine Wolke, die gerade vorbeizieht und die Sonne verdunkelt, wobei der Prozess bereits etwa eine Stunde vor dem Maximum um 20.15 Uhr beginne.

„Für die Astronomie ist das natürlich nichts Neues, aber es interessiert mich als Naturereignis“, meint Werner. Wer sich noch an die totale Sonnenfinsternis von 1999 in Baden-Württemberg erinnern könne, sei damals womöglich nicht sonderlich beeindruckt gewesen, da es damals am 11. August bewölkt war und teilweise regnete. Der Professor selbst konnte die Finsternis aber von seinem Haus in Dusslingen (Kreis Tübingen) beobachten, als der Himmel kurz aufriss.

Partielle Sonnenfinsternis - Hamburg

Werden Sonnenfinsternis-Enthusiasten in Deutschland enttäuscht?

Axel Heimken/dpa

Sonnenfinsternis 1999 teils hinter Wolken

Auch für dieses Mal hat er sich wie 1999 bereits eine Brille besorgt und will für Mittwochabend einen Platz in der Natur mit freier West- oder Nordwest-Ausrichtung suchen. Die Sternwarte in Tübingen hat die Uni indes schon nach der Jahrtausendwende wegen zu großer Lichtverschmutzung in der Stadt an einen Verein von Amateur-Astronomen abgetreten. Und in Weil der Stadt, wo Werner der Kepler-Gesellschaft und der Kepler-Sternwarte am örtlichen Gymnasium vorsitzt, sei die Sicht auf die Sonne leider durch Bäume eingeschränkt. Dort könne deswegen leider nur Sternbeobachtung betrieben werden.

Für wesentlich spannender und beeindruckender hält Klaus Werner ohnehin die totale Sonnenfinsternis in Spanien: „Einige Freunde und Kollegen sind dort hingereist, um das live mitzuerleben.“ Eine Regel unter Astronomen lautet: Der Unterschied zwischen einer 99-prozentigen partiellen und einer 100-prozentigen totalen Sonnenfinsternis ist wie der Unterschied zwischen Tag und Nacht. Erst bei 100 Prozent Abdeckung fällt schlagartig Dunkelheit ein, und die leuchtende Korona der Sonne wird sichtbar.

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Es liegt nahe anzunehmen, dass es spürbar dunkel wird, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt. Bei einer partiellen Sonnenfinsternis ist das jedoch selbst bei 70 bis 80 Prozent Abdeckung meist gar nicht der Fall. Wer nicht gezielt (mit Schutzbrille) an den Himmel schaut, bekommt deshalb oft überhaupt nichts davon mit.

Fahles Sonnenfinsternis-Licht über Stuttgart

Das hat zwei Hauptgründe:

  • Die Anpassungsfähigkeit der menschlichen Augen: Pupillen und Gehirn gleichen den langsam sinkenden Lichtpegel automatisch aus.
  • Die gewaltige Leuchtkraft der Sonne: Selbst eine schmale Sonnensichel leuchtet noch tausendfach heller als der Vollmond.

Erst ab etwa 85 bis 90 Prozent Bedeckung – wie am Mittwoch in Stuttgart und anderen deutschen Städten – verändert sich die Atmosphäre leicht wahrnehmbar: Das Tageslicht wirkt merkwürdig fahl und silbrig. Zudem werfen Baumkronen oder Lochblenden faszinierende sichelförmige Schattenmuster auf den Boden. Dass die Sonne kurz vor dem Untergang dem Auge größer erscheint als tagsüber, sei übrigens „eine optische Täuschung durch den Horizont“ und mache eine Beobachtung mitnichten spektakulärer als tagsüber, nimmt Prof. Klaus Werner Himmelsenthusiasten weiteren Wind aus den Segeln.

Totale und ringförmige Sonnenfinsternis

Im Übrigen wird auch noch zwischen „totaler Sonnenfinsternis“ und „ringförmiger Sonnenfinsternis“ unterschieden, bei der am äußersten Rand rund um den Mond noch ein kreisrunder Ring mit Sonnenlicht zu sehen bleibt. Eine der seltensten Formen des Naturschauspiels ist die sogenannte „hybride Sonnenfinsternis“, auch als „ringförmig-totale Finsternis“ bekannt. Sie macht gerade einmal drei Prozent aller Finsternisse aus.

Das Besondere daran: Auf ein und demselben Schattenpfad quert die Finsternis die Erde sowohl als ringförmige als auch als totale Finsternis. Ob eine Finsternis total oder ringförmig erscheint, hängt vom exakten Abstand zwischen Erde und Mond ab.

Sonnenfinsternis und Perseiden in der Sternwarte Stuttgart

Sternwarten wie die in Stuttgart, wo außerhalb der Führungszeiten niemand erreichbar war, haben unterdessen ein Programm für den 12. August auf die Beine gestellt. Die Beobachtung auf der Uhlandshöhe beginnt bereits um 19 Uhr, und die Verantwortlichen erwarten laut Web-Seite großen Andrang.

Rund um den Stuttgarter Kessel gibt es in Halbhöhen- und Höhenlage aber noch genügend andere Aussichtspunkte, von denen sich die Sonnenfinsternis beobachten lässt. Anschließend kann man auch noch die Sternschnuppen des Meteorsturms der Perseiden betrachten, der jedes Jahr im August den Nachthimmel kreuzt.

Nächste Sonnenfinsternisse

Einmal noch in seinem Leben möchte übrigens auch Prof. Klaus Werner eine totale Sonnenfinsternis persönlich miterleben. Allzu viele Gelegenheiten gibt es dafür nicht. Aber wer reisen kann, hat schon im nächsten Jahr erneut eine Chance:

  • 2. August 2027: Totale Finsternis über Südspanien, Nordafrika mit Ägypten und dem Nahen Osten.
  • 14. November 2031: Hybride Finsternis über dem Pazifischen Ozean.
  • 3. September 2081: Die nächste totale Finsternis direkt über Süddeutschland, der Schweiz und Österreich.

Egal ob partiell oder total – bei der Beobachtung einer Sonnenfinsternis geht die Sicherheit der Augen stets vor. Eine normale Sonnenbrille bietet keinesfalls ausreichend Schutz, weshalb immer eine zertifizierte Sonnenfinsternisbrille nach ISO 12312-2 verwendet werden muss. Zudem dürfen optische Geräte wie Ferngläser, Teleskope oder Kameraobjektive niemals ungeschützt genutzt werden, da der ungefilterte Blick hindurch zu schweren und dauerhaften Augenschäden führt.