Sorgen in der Region Stuttgart: Die Sandbank der Wirtschaft


Alle schauen auf den Wal, wer schaut auf die großen Themen?
Philip Dulian/dpaWir haben keinen Wal. Leider. Jedenfalls keinen lebendigen. Alles, was die Landeshauptstadt in waltechnischer Hinsicht zu bieten hat ist der gute alte, 13 Meter lange Seiswal, der seit Urzeiten im Meeressaal des Naturkundemuseums Rosenstein hängt. Dazu einen präparierten Schweinswal und einen Zwerggrindwal. Die kann man zwar ebenfalls bestaunen, aber beim besten Willen nicht mehr retten und mit großem Hurra per Schlepper und Barge zu den Artgenossen in die Weltmeere ziehen.
Nein, unter Walaspekten sind die Stuttgarter Gewässer unergiebig. Die Bemühungen hier konzentrieren sich darauf, am Neckarknie eine Zwergflusspferd-Anlage zu errichten – in Anspielung daran, dass in grauen Vorzeiten im Neckartal Zwergflusspferde lebten. Die Wilhelma bekäme damit ein ansprechendes Schaufenster, ob den Zwergflusspferden jedoch eine vergleichbare Aufmerksamkeit wie Timmy, dem Buckelwal von Timmendorf, zuteil würde, ist zu bezweifeln. Und überhaupt: erstmal stehen „Baugrunduntersuchungen“ und allerlei andere Prüfungen an. Das heißt übersetzt: Bis zur Umsetzung fließt noch viel Wasser den Neckar runter. Vielleicht wird’s was bis zur Bundesgartenschau, die der Verband Region Stuttgart für 2043 anpeilt? Also im nächsten Erdzeitalter.
Die Region Stuttgart war wohl nie weiter davon entfernt, eine Insel der Seligen zu sein
Kein Wal, keine Zwergflusspferde – mit was lenken wir uns dann ab? Denn darum geht es bei dieser Art Diskussionen ja vielfach: einem Walauge ins Auge sehen wollen, aber nicht den eigentlichen Problemen, die sich gefährlich hoch auftürmen. Viel zu oft bleiben wir an aufgepumpten Randnotizen hängen, die in der einen oder anderen Art schillernd sind, statt uns mit grundlegenden wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen zu befassen, obwohl man ihnen nicht länger ausweichen kann – besonders hier nicht, in der Region Stuttgart, die keine Insel der Seligen ist, nie eine solche war, und wohl weiter denn je davon entfernt ist, eine zu werden.
Die schlechten Nachrichten aus der Wirtschaft, zuletzt der neuerliche Gewinnrückgang bei Daimler, der Stellenabbau bei Bosch und die Schwierigkeiten vieler anderer Unternehmen, die am Automobil hängen, führen uns vor Augen, dass wir selbst auf einer Art Sandbank festsitzen, einem Problemberg, der sich aus vielen Ursachen zusammensetzt: den weltweiten Krisen und Entwicklungen auf den Weltmärkten, aber auch aus Themen, die hausgemacht und selbst verschuldet sind. Angefangen von den bürokratischen Untiefen, die schon lange nicht mehr schiffbar sind. Dazu kommen ein politischer Zickzackkurs in zentralen Fragen wie E-Mobilität oder Energie und verschleppte Reformen. Es herrscht Land unter. Dieser Eindruck verstärkt sich.
Es reicht nicht, auf Selbstheilungskräfte zu setzen
Mit den Auswirkungen der geschwächten Wirtschaft ist die Region Stuttgart mehr und mehr konfrontiert. Ablesbar an Einbrüchen bei der Gewerbesteuer. Der finanzielle Gestaltungsraum der Kommunen engt sich drastisch ein. Betroffen sind auf kurz oder lange alle kommunalen Bereiche.
Wie kann man sich aus dieser nicht mehr nur misslichen, sondern teils kritischen Lage befreien? Durch Abwarten und Zuschauen sicher nicht. Es wird auch nicht helfen, auf gute Winde und Selbstheilungskräfte zu hoffen. Grundlegende Weichenstellungen sind erforderlich. Davon sind auch Einstellungen berührt: die Bereitschaft zu Eigeninitiative und zu Veränderungen. Es braucht Zutrauen und Zuversicht. Man kann sich ablenken oder aber anpacken. Wir haben die Wahl. Wahl mit „h“!