Stadtgeschichte in Bildern: Wo ist der fehlende Teil des großen Stuttgarter Rundgemäldes?

Ausschnitt aus dem 1897 entstandenen, ursprünglich sechsteiligen Stuttgart-Rundbild der Malerin Sally Wiest (1866–1952). Sie blickte von der Urbanstraße auf die Stadt. Die Oper war damals noch nicht gebaut, der See im Schlossgarten hatte eine runde Form und der Bahnhof ragte tief in die City hinein. Links außen die heute nicht mehr existierende Garnisonskirche mit ihren sieben Türmen. Im Zweiten Weltkrieg brannte die Kirche aus.
Stadtarchiv Stuttgart- Stuttgart-Archiv sucht das sechste Teil des Rundbilds von Sally Wiest aus dem Jahr 1897.
- Grafik-Designer der Akademie für Kommunikation erstellten Vorschläge – zehn Arbeiten wurden gezeigt.
- Wiest malte sechs Ölgemälde von der Urbanstraße aus; die Innenstadt-Ansicht fehlt.
- Nach dem Krieg blieben fünf Bilder, eines wurde beschädigt und später halbiert.
- Das fehlende Motiv wurde nie fotografiert; Verdacht auf Verlust in Kriegszeiten bleibt offen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Gesucht wird . . .“, nein, einen Steckbrief zu verfassen, ist nicht der Stil des Stuttgarter Stadtarchivs. Auch wenn man dort brennend daran interessiert ist, wo sich ein bestimmtes Gemälde befindet - nämlich das fehlende sechste Bild aus dem großen Stuttgart-Rundbild der Malerin Sally Wiest aus dem Jahr 1897. Stil des Stadtarchivs ist es, die Frage dezent zu stellen und angehende Grafikdesigner der Akademie für Kommunikation einzuladen, einen Vorschlag, wie dieses Bild ausgesehen haben könnten nach dem Motto: „Die Lücke im Panorama – junge Grafikdesigner vervollständigen eine Stadtansicht von Stuttgart.“
Schwierig: Das Stadtbild hat sich in Teilen völlig verändert
So jüngst geschehen. Das Ergebnis waren zehn Arbeiten, die jetzt im Stadtarchiv vorgestellt wurden. Als Grundlage verwendeten die Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs für Grafik-Design mit ihrer Lehrerin Athina Deligiannidou das wenige aus dieser Zeit vorhandene historische Bildmaterial sowie alte Stadtpläne. Keine leichte Aufgabe, zumal sich das Stadtbild seit damals in Teilen völlig verändert hat, einschließlich der Straßenführung. Günther Riederer und Michael Herzog vom Stadtarchiv sind von den Vorschlägen sehr angetan, auch wenn sie das fehlende Original nicht ersetzen können.
Doch wie kam es eigentlich zu diesem ungewöhnlichen Rundbild? Die in Trier geborene Stuttgarter Impressionistin und Mitbegründerin des Württembergischen Malerinnenvereins, Josephine Salomé Wiest, genannt Sally, hat es vom Dach ihrer damaligen Wohnung in der Urbanstraße 36 gemalt, etwa dort, wo sich heute der Turm der Musikhochschule befindet. Entstanden sind sechs 79 mal 109 Zentimeter große Ölbilder, die - würde man sie im Kreis aufhängen - zusammen eine Rundumsicht ergeben.

Eines der Bilder, die angehende Grafik-Designer der Akademie für Kommunikation als Ersatz für den fehlenden sechsten Teil des Stuttgart-Rundgemäldes von Sally Wiest entworfen haben. Diese Arbeit stammt von Franka Prevedel.
Stadtarchiv Stuttgart/Akademie für KommunikationDie Stadt ist abschnittsweise abgebildet: von der damaligen Garnisonskirche bis zum Kriegsberg, vom Kriegsberg bis zur Urbanstraße, von der Urbanstraße bis Richtung Uhlandshöhe, von der Urbanstraße bis Richtung Steinbruch Stafflenberg und von der Urbanstraße bis zum Bopser. Man blickt auf Dächer, in Hinterhöfe und bekommt einen plastischen Eindruck vom damaligen Stuttgarter Leben. „Doch ausgerechnet der sechste Teil, die Ansicht des Stadtzentrums mit dem Alten Schloss, fehlt uns heute“, sagt Günther Riederer. Das damals noch in der Mörikestraße untergebrachte Stadtarchiv hatte die ungerahmten Bilder 1935 für 900 Reichsmark von der angesehenen Malerin erworben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es nur noch fünf Gemälde. Vier wurden in den Unterlagen als „unbeschädigt“ bezeichnet, eines galt als „teilweise beschädigt“ und eines wurde als „nicht vorhanden“ katalogisiert. Das beschädigte Gemälde wurde später abgeschnitten; es ist nur noch ein „halbes Bild“ und befindet sich zusammen mit den vier anderen im Gemäldemagazin des Stadtarchivs. Was aus dem sechsten Bild geworden ist, weiß niemand. Auch nicht, wie es genau ausgesehen hat. Es wurde nie fotografiert. „Die darauf abgebildete Innenstadt hat vermutlich am besten als eigenständiges Einzelbild funktioniert“, sagt die Kunsthistorikerin Barbara Six. Hing es demnach in einem städtischen Büro und wurde im Krieg zerstört? Alles Spekulation.
Herausgefunden hat Six bei ihren Recherchen, dass in der König-Karls-Halle im Landesgewerbemuseum, dem heutigen Haus der Wirtschaft, 1898 ein vielbeachtetes „Rundgemälde“ von Stuttgart ausgestellt wurde, mutmaßlich das von Sally Wiest. Das „Neue Tagblatt“ schrieb damals: „Es giebt dem Beschauer das Charakteristische der Lage Stuttgarts, wie sie sich rings um ihn aufbaut und zeigt ihm die Altstadt mit dem ehrwürdigen alten Schlosse, die K. Anlagen in herbstlichem Grün, die an den Bergen emporkletternden Straßen, Häusergruppen, Villen und die Aussichtstürme.“ Kunsthistorikerin Six verweist darauf, „dass Panoramaansichten Ende des 19. Jahrhunderts sehr beliebt waren. In Stuttgart sogar ein eigenes Panormagebäude für weit überlebensgroße Rundgemälde.“ Zuletzt waren die erhaltenen Teile von Wiests Stadtlandschaft in Ausstellungen im Rahmen von Ausstellungen über schwäbische Impressionistinnen auf Schloss Achberg und in der Städtischen Galerie in Bietigheim zu sehen.
Sally Wiest war Mitbegründerin des Malerinnenvereins
Die Malerin, die nach dem Besuch des Königin-Katharina-Stifts an der Königlichen Kunstschule studiert und Landschaftsmalerei gelernt hatte malte vielfach in der Natur - daher auch ihr Spitzname „Grüne Sally“. Zusammen mit anderen Frauen gründete sie 1893 den Württembergischen Malerinnenverein, der unter der Schirmherrschaft von Königin Charlotte von Württemberg stand, und unterhielt zusammen mit ihrer älteren Schwester Marie eine Malschule. Die meisten ihrer Bilder wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Sie starb 1952 in Stuttgart.








