Emotional Baggage
: Warum die Gen Z nicht faul, sondern erschöpft ist

Die Gen Z gilt schnell als faul oder empfindlich. Dabei kämpft sie oft einfach mit einem Alltag voller Druck, Sorgen und Zukunftsangst – denn Overthinking ist ein harmloses Wort für etwas, das sich selten harmlos anfühlt, findet unsere Autorin.
Kommentar von
Emily Rehmet
Stuttgart
Jetzt in der App anhören
x

Unsere Autorin gibt offen zu: Wenn sie in ihrem Freundeskreis sagt, sie sei nicht gestresst, hat sie oft ein schlechtes Gewissen. Hier geht sie dem Gefühl auf die Spur.

privat

Wie oft habe ich mir schon gewünscht, für einen Moment nichts zu denken. Keine To-do-Listen im Kopf, keine halbfertigen Sorgen, keine nächtlichen Rückblicke auf Gespräche, die längst vorbei sind. Einfach nur Leere. Einmal tief durchatmen, ohne dass im nächsten Moment schon wieder der nächste Gedanke anklopft.

Was mich stresst? Geld. Die Suche nach einem Therapieplatz. Soziale Verabredungen, auf die ich mich erst freue und die ich danach doch wieder seziere, als hätte ich eine Prüfung abgelegt. Dazu kommt dieses zähe Grundrauschen unserer Zeit: Klimakrise, Rechtsruck, Zukunftsangst. Und natürlich die kleinen, hartnäckigen Fragen, die sich an einen hängen wie nasse Kleidung: Warum habe ich das so gesagt? Warum nicht anders? Warum denke ich Tage später noch darüber nach?Overthinking ist ein harmloses Wort für etwas, das sich selten harmlos anfühlt.

Ende des Monats löst schon der Einkauf bei mir Unruhe aus

Besonders laut wird es in mir, wenn es ums Geld geht. Gegen Ende des Monats reicht manchmal schon ein Einkauf, um Unruhe auszulösen. Dann rechne ich alles nach, verbiete mir Kleinigkeiten, die mir guttun würden, und versuche, durch Disziplin eine Sicherheit herzustellen, die sich so trotzdem nicht einstellt. Fast, als ließe sich finanzielle Unsicherheit moralisch abwehren: Wenn ich nur vernünftig genug war, kann es nicht meine Schuld sein. Vielleicht ist das das Zermürbendste daran, dass Geld nie nur Geld ist. Es ist immer auch Scham, Vergleich, Kontrolle.

Und dann diese sozialen Momente, in denen man gleichzeitig da und nicht da ist. Man sitzt mit anderen zusammen und fragt sich trotzdem, ob man zu viel Raum einnimmt. Danach beginnt die Nachbearbeitung: Habe ich zu viel geredet? War ich anstrengend? Hätte ich mich kleiner machen sollen? Es ist erstaunlich ermüdend, wenn man sich selbst nie ganz in Ruhe lässt.

Stadtkind

Von 0711 bis fünf Uhr morgens, von Kunst und Essen bis hin zu Mental Health, Liebe und den schönsten Ausflügen: Stadtkind Stuttgart ist deine digitale Homebase für spannende Geschichten aus dem Kessel.

Laut Studie: Gesundheit und wirtschaftliche Stabilität stressen junge Menschen am häufigsten

Natürlich ist Stress subjektiv. Aber das heißt nicht, dass er eingebildet ist. Laut einer Studie der Pronova BKK sorgen sich besonders Menschen unter 30 um ihre Zukunft – um Gesundheit, um wirtschaftliche Stabilität, um das, was Künstliche Intelligenz und andere Umbrüche noch verändern werden. Es ist nicht nur das eigene Leben, das wackelt. Es ist oft schon die Gegenwart als Ganzes.

Vielleicht wird Stress auch deshalb so bereitwillig akzeptiert, solange er nach Leistung aussieht. Wer erschöpft ist, weil er arbeitet, studiert, liefert, funktioniert, darf damit rechnen, ernst genommen zu werden. Wer erschöpft ist, weil ihm die Welt zu viel wird, muss sich schneller erklären. In meinem Freund:innenkreis wird Überarbeitung manchmal fast so erzählt, als wäre sie eine Auszeichnung.

Erwachsen werden zwischen Corona, Traumata und Klimakrise

Unser emotionales Gepäck ist nicht klein: Corona, die Aufarbeitung von Traumata, die Klimakrise, der ständige Druck, aus einem unsicheren Leben trotzdem etwas Vorzeigbares zu machen. Wenn meiner Generation dann vorgeworfen wird, sie sei zu empfindlich, zu anspruchsvoll oder schlicht zu bequem, wirkt das auf mich vor allem wie eine bequeme Fehldeutung.

Die Wahrheit ist unromantischer: Viele von uns sind nicht faul. Sie sind müde. Und sie versuchen, in einer Zeit stabil zu bleiben, die ihnen erstaunlich wenig Sicherheit bietet.