Female Rage in der Literatur
: „Männer töten“ und „Gelbe Monster“ – Warum Frauenwut gerade überall im Regal steht

Pinke Cover und der Hashtag Female Rage sind überall. Doch die neue Welle wütender Frauenfiguren ist weit mehr als ein Marketingtrend, meint unsere Autorin.
Kommentar von
Sandra Belschner
Stuttgart
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Die Buchbranche ist in einer neuen Ära angekommen: Wütende Frauen halten nicht nur aus, sondern schlagen zurück.

Imago, Sandra Belschner

Lange schien es, als gäbe es in der Literatur nur eine Art, Frau zu sein: traurig. Das Sad Girl wurde zur ganzen Ästhetik. Erst auf Tumblr, später auf TikTok und Instagram. Sylvia Plath unter dem Arm, Sally Rooney auf dem Nachttisch, irgendwo dazwischen viel Melancholie und das Gefühl, mit sich selbst nicht ganz klarzukommen. Das Sad Girl war verletzlich, überfordert, ein wenig kaputt – und vor allem ziemlich gut darin, still zu leiden.

Inzwischen wirkt diese Erzählung erstaunlich auserzählt. Stattdessen taucht überall ein neuer Begriff auf: Female Rage. Oder gleich Rage-Girl-Literatur. Und das wurde auch Zeit. Schließlich mussten Frauen in Literatur und Popkultur lange genug leiden. Sie hielten Beziehungen zusammen, kümmerten sich um andere, zerbrachen an der Welt oder an sich selbst. Das konnte großartig erzählt sein. Aber oft blieb die Rollenverteilung dieselbe: Männer handelten. Frauen hielten aus.

Taylor Swift, Nina Chuba – jetzt die Buchhandlung um die Ecke

Die neue Welle der Female Rage dreht diese Erzählung zumindest ein Stück weit um. Nicht mehr nur Ohnmacht. Sondern Widerstand. Nicht mehr nur Selbstauflösung. Sondern Gegenwehr. Schon das Wort sagt viel. „Rage“ ist eben nicht einfach Wut. Das englische Wort dafür wäre eigentlich „anger“. Rage ist größer. Lauter. Unkontrollierter. Es ist die Art von Wut, die Frauen über Jahrhunderte lieber nicht zeigen sollten. Traurig? In Ordnung. Verletzlich? Auch. Aber laut, aggressiv oder zornig? Lieber nicht.

Dass genau diese Wut jetzt so offen erzählt wird, ist deshalb erst einmal etwas Gutes. Sie bekommt endlich den Platz, den sie lange nicht hatte. Natürlich hat das auch mit Popkultur zu tun. Taylor Swift hat den Begriff „female rage“ weit in den Mainstream getragen, Nina Chuba liefert den Sound dazu. Auf BookTok und Instagram entstehen Leselisten, Trends und Empfehlungen. Und inzwischen sieht man diese Entwicklung sogar in der Buchhandlung um die Ecke.

Viel Rot. Viel Rosa. Viel Lila.

Rot steht für Blut, Gefahr und Alarm. Rosa wirkt wie eine ironisch zurückeroberte Girly-Ästhetik. Lila erinnert an die Farbe feministischer Bewegungen. Schon die Cover scheinen zu sagen: Hier wird nicht mehr still und schön gelitten. Neu ist diese Wut allerdings nicht. Neu ist eher, dass sie endlich einen Namen bekommen hat.

Von Medea bis Mareike Fallwickel - weibliche Wut war immer da

Wütende Frauen gab es in der Literatur schließlich schon immer. Medea gehört zu den berühmtesten Figuren der Antike. Ihr Zorn ist so radikal, dass er bis heute irritiert. Auch die Furien, die Rachegöttinnen der griechischen Mythologie, stehen seit Jahrhunderten für weibliche Vergeltung. Frauenwut war also nie verschwunden. Sie wurde nur oft als Wahnsinn, Hysterie oder Bedrohung erzählt, oder kleingeredet.

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Im deutschsprachigen Raum hat Mareike Fallwickel mit „Die Wut, die bleibt“ dieser Gegenwart einen sehr passenden Titel gegeben. Der Roman erzählt von drei Frauen nach dem Suizid einer Mutter und davon, wie Care-Arbeit, Überforderung und Erschöpfung irgendwann in Wut umschlagen. Viele Leserinnen hat genau das berührt. Weil der Roman ein Gefühl sichtbar macht, das längst da war.

Diese Wut bleibt, weil die Verhältnisse bleiben.

Inzwischen erzählen immer mehr Autorinnen von Frauen, die ihre Wut nicht länger schlucken. Allerdings auf ganz unterschiedliche Weise. Monika Kim lässt sie ins Groteske kippen. Eva Reisinger denkt weibliche Selbstjustiz konsequent zu Ende. Clara Leinemann zeigt, dass Frauen nicht automatisch die besseren Menschen sind, nur weil sie wütend werden.

Die Wut ist politisch und viel mehr als ein Marketinglabel

Genau das macht diese Bücher so interessant. Sie erzählen Wut nicht als reine Befreiungsfantasie, sondern fragen, was passiert, wenn ein Gefühl, das so lange unterdrückt wurde, endlich Raum bekommt – und was es mit den Menschen macht, die es zulassen.

Darin liegt auch der Unterschied zwischen guter Literatur und einem kurzlebigen Trend. Female Rage ist längst mehr als ein literarisches Motiv. Der Begriff ist zum Genre, zum Hashtag und nicht zuletzt zur Verkaufsstrategie geworden. Daran ist erst einmal nichts auszusetzen. Problematisch wird es erst, wenn aus einer politischen und existenziellen Erfahrung bloß ein Marketinglabel wird. Denn echte Wut lässt sich nicht weichzeichnen.

Gerade deshalb braucht es mehr Female Rage in den Bücherregalen. Nicht als Etikett, sondern als Erzählung. Nicht als kalkulierte Provokation, sondern als ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Gefühl, das Frauen viel zu lange abgesprochen wurde. Vielleicht liegt genau darin die Stärke dieser Literatur: Sie macht aus Wut keinen Effekt. Sie gibt ihr eine Sprache.