Keine Kohle für Reisen? Willkommen im Sommer der FOMO: Warum Urlaub unter jungen Menschen schnell zum Ausschlussthema wird

Mit der Urlaubszeit macht sich bei unserer Autorin auch immer ein mulmiges Gefühl breit, denn es gibt ein Thema, bei dem sie nicht so richtig mitreden kann.
privatEs ist Urlaubszeit – das kann man gerade kaum übersehen. Beim Matcha-Date im Abnorm Studio oder bei Cocktails im Bruno ist die Frage „Und, wohin fährst du dieses Jahr?“ unter jungen Menschen im Kessel gefühlt Gesprächsthema Nummer eins. Vielleicht fällt mir das aber auch nur so stark auf, weil die Antwort für mich nie selbstverständlich war. Dass für einen Teil der Gen Z das Budget nur Urlaub auf Balkonien (wenn überhaupt) hergibt, wird dabei gern unter den Tisch gekehrt. Schließlich ist es uncool, keine Kohle für Reisen zu haben.
Klar: Menschen, die viel gereist sind, wirken interessant, offen, irgendwie mutiger. Eigenschaften, die ich mir natürlich auch gern zuschreiben würde. Bin ich uncool, weil ich mir das Auslandsjahr in Amerika nicht leisten konnte?
Auch auf TikTok und Instagram: Urlaub als Statussymbol
Nicht mal die Flucht in die sozialen Medien hilft. Auch dort: Sommer, Sonne, FOMO. Auf Instagram, TikTok und Co. komme ich um das Thema Urlaub gerade kaum herum. Überall wird suggeriert: Du musst nur den nächsten Bali-Trip machen, um dich selbst zu finden. Wer kein Geld hat, bleibt bei dieser Art von Selbstfindung außen vor. Der ständige Vergleich macht nicht nur einsam, sondern grenzt auch aus. Ach, du verbringst deine Semesterferien zu Hause? Boring.
Seit meiner Kindheit mache ich Urlaub in Deutschland. Meine Mutter war alleinerziehend, eine Reise nach Spanien konnten wir uns nicht leisten. Im Studium wurde der Vergleich dann noch stärker. FOMO wurde zu meinem Dauerbegleiter. Fast so, als hätte ich die wichtigste Zeit meines Lebens verpasst. Sind die Zwanziger nicht eigentlich dafür da, Neues zu wagen, aus alten Strukturen auszubrechen und auch mal Dummheiten zu begehen?
Die Inszenierung auf Social Media macht keinen Urlaub
Dazu kommt: Diese Nostalgie ist auch ein Internet-Ding. Mit Anfang 20 genug Geld für Australien und Co.? I doubt it. Wenn ich mich mal wieder in den Tiefen des Internets verliere, erinnere ich mich daran, dass vieles davon vor allem Inszenierung ist. Genau diese Selbstverständlichkeit, mit der wir als junge Menschen über Urlaub sprechen, nervt mich. Denn nicht jede:r hat die finanziellen Mittel, die Welt zu sehen. Und nicht jede:r will das überhaupt.
Klar, wir sind in Deutschland privilegiert. Wir haben ein Sozialsystem und kostenlosen Zugang zu Medizin und Bildung. Trotzdem ist Einkommen auch hier unfair verteilt.
Für mich sind Urlaube immer mit Extraschichten verbunden
Auch ich habe schon in Berufen gearbeitet, in denen man für viel Arbeit fast nichts verdient. Letztes Jahr habe ich fast drei Viertel meines Einkommens für Miete ausgegeben. Fernreisen? Keine Chance. Wenn andere mir dann freudestrahlend von ihren Costa-Rica-Trips erzählt haben, konnte ich damit wenig anfangen. Ich werde zwar von meinen Eltern unterstützt, wofür ich extrem dankbar bin. Aber um überhaupt wegfahren zu können, musste ich oft Extraschichten schieben.
Natürlich wäre es cool, mitzuhalten. In einem Freund:innenkreis, in dem Reisen das neue Hobby ist, scheint es oft selbstverständlich, nicht nebenher arbeiten zu müssen oder die Semesterferien im Ausland zu verbringen. Ich gönne es wirklich jeder Person, die die Chance hat, wegzufahren. Aber die Möglichkeiten sind nun mal extrem ungleich verteilt.
Ich fände es schön, wenn wir Reisen stärker als das sehen würden, was es oft ist: ein Privileg. Denn die Frage nach dem nächsten Urlaub kann ausgrenzen. Wir kennen schließlich nie die finanzielle Situation unseres Gegenübers. Vielleicht fehlt unserem Gegenüber gar nicht der Mut für die nächste Fernreise, sondern schlicht das Geld.