Oberkörperfrei in der Stadt?: Oben ohne kann nur, wer nicht bewertet wird

Liebe Männer, bitte lasst einfach euer T-Shirt an.
imago images/Westend61Die nächste Hitzewelle rollt über den Kessel, und der Kessel rollt zuverlässig über den Hosenbund. Ja, wir sind uns einig: Stuttgart im Sommer ist keine Jahreszeit, sondern ein Zustand. Zu viel Beton, zu wenig Schatten, Luft, die nicht mehr weht, sondern steht. Alles flirrt, alles klebt, selbst die Laune hängt schlaff in der Hitze.
Während die einen sich mit kühlen Drinks, Fächer und letzter Würde durch die Innenstadt retten, kommen andere auf eine sehr eigene Form der Temperaturregulierung: T-Shirt aus. Genauer gesagt: manche (ja, wir wissen, wie wichtig die Betonung ist) Männer. Ab 30 Grad wird der Oberkörper freigegeben – mit jener beneidenswerten Selbstverständlichkeit, die nur Menschen haben, deren Körper in der Öffentlichkeit selten zur Verhandlung steht.
Plötzlich legt sich unfreiwillige Freibad-Ästhetik über die Stadt, Sommer für Sommer etwas deutlicher: Oben ohne auf der Königstraße, shirtless am E-Scooter, nackter Oberkörper vor dem Bäcker oder zwischen Kühlregal und Kasse. Als hätte jemand zwischen Marienplatz und Schlossplatz still und leise die textile Ordnung aufgehoben. Die Botschaft lautet dann nicht bloß: Mir ist warm. Sondern auch: Mein Wohlbefinden darf hier ruhig ein bisschen mehr Raum einnehmen als eures.
Debatte um nackte Haut schafft es bis in den Bezirksrat
Aktuell zeigt das eine Debatte am Südheimer Platz, die es bis in den Bezirksrat geschafft hat. Es wurde darüber diskutiert, ob Männer weiterhin oben ohne trainieren dürfen. Und das ist aufschlussreicher, als es zunächst wirkt. Denn es geht nicht um nackte Haut. Es geht um Raum. Darum, wer ihn wie selbstverständlich beansprucht – und wer gelernt hat, sich darin eher vorsichtig zu bewegen, mitzudenken, Rücksicht zu nehmen.
Vielleicht ist das die alltagsnächste Form der Gleichberechtigung: die Frage, wer sich in der Öffentlichkeit wie frei machen darf, beziehungsweise wer um (welche) Konsequenzen fürchten muss. Männer können ihren Körper im Stadtraum oft als neutral behandeln. Frauen kennen diese Freiheit eher vom Hörensagen. Was sie tragen, wie viel Haut zu sehen ist, ob etwas noch luftig oder schon „zu viel“ wirkt, wird gelesen, bewertet, kommentiert, missbraucht. Männer ziehen ihr Shirt aus und nennen es Hitzebewältigung.
Ungleich verteilte Selbstverständlichkeiten kombiniert mit Shorts und Adiletten
Aber Hitze setzt die Regeln des Zusammenlebens nicht außer Kraft. Die Stadt ist kein Freibad und kein privater Balkon für männliche Bequemlichkeit. Liebe Männer, ihr denkt euch vielleicht (leider nicht selten) wenn es für mich angenehmer ist, wird es schon okay für alle sein. Aber - und ja, es sollte eigentlich mittlerweile allen klar sein - so funktioniert Zusammenleben nicht.
Wer oben ohne durch die Stadt läuft, reklamiert damit stillschweigend eine Freiheit, die nicht allen gleichermaßen zugestanden wird. Genau deshalb ist das eben nicht bloß ein lässiger Sommertrend, sondern auch ein textiles Symbol über ungleich verteilte Selbstverständlichkeiten, kombiniert mit Shorts und Adiletten.
Ein T-Shirt ist keine Zumutung. Es ist die kleinste Form von Rücksicht. Wer oberkörperfrei sein will, hat dafür in Stuttgart genug Orte: Freibad, Park, Balkon. Aber zwischen dm, Brezel und U-Bahn muss wirklich niemand so tun, als sei oben ohne für alle Geschlechter nur nackte Haut.