Stellwerk im Stuttgarter Westen
: Kulturdenkmal lockt bei schönem Wetter mit einem Pop-up-Café

Das Stellwerk West, das der Grafikdesigner Kurt Weidemann bis zu seinem Tod im Jahr 2011 als Atelier nutzte, ist nun auch ein Pop-up-Café – bei schönem Wetter freitags und samstags im Freien.
Von
Uwe Bogen
Stuttgart
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Am Stellwerk West rauscht die Gäubahn vorbei.

Lichtgut

Die Bierzapfanlage, für die der Gestalter Kurt Weidemann in seinem Atelier im Stellwerkhäuschen im Stuttgarter Westen bekannt war, ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Alkohol gibt es auch nicht bei Kerstin Kübler, die als neue Pächterin des historischen Kleinods zur Pop-up-Bewirtung einlädt. In dem idyllischen Garten, in dem etwa 20 Gäste Platz finden, werden Kaffee und Kuchen serviert. Bei schönem Wetter ist das Café, direkt an den Gleisen der Gäubahn, freitags und samstags jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet. In diesem ungewöhnlichen Ambiente atmet man die Vergangenheit.

Kurt Weidemann hat im Jahr 2000 das Häuchen gekauft

Einst wurden an diesem Ort, dem die neue Betreiberin den neuen Namen „Stellwerkerei“ gab, die Drahtseile mit Muskelkraft gezogen, um die Weichen zu stellen. Der 1922 in Ostpreußen geborene Kurt Weidemann, der die Logos von Daimler, Porsche, der Deutschen Bahn und vieler anderer entworfen hat, ersetzte nach dem Kauf des Häuschens im Jahr 2000 die Seile durch Bücher, ließ eine neue Ebene einbauen. Zeitlebens hat er voller Leidenschaft bewiesen, dass Intellekt und Ironie keine Gegner sind. Der Mann mit dem Hut zählte zu den eigenwilligsten Köpfen der Stadt. Aus seiner Zapfanlage im Stellwerk strömte unermüdlich Bier wie aus einer Zauberquelle.

So sieht es heute im Innern des alten Stellwerks aus.

Foto: Lichtgut

Das gekühlte Fass befand sich im Erdgeschoss, das Bier gelangte über eine Leitung nach oben in die Denkerstube, in der Weidemann seine Gäste an einem langen Tisch empfing. Wer kam, durfte zum Bier gleich noch einen Schnaps runterkippen. Das Herrengedeck war Pflicht.

1927 ist das Stellwerk, heute ein eindrucksvolles Dokument der Eisenbahngeschichte, gebaut worden. Als 1985 der Westbahnhof für den Personenverkehr stillgelegt und 1993 abgerissen wurde, blieb nur das denkmalgeschützte Häuschen erhalten. Was einst als schmaler Solitär (dreieinhalb Meter breit, elf Meter lang) zwischen den Gleisen emporragte, fällt heute erst auf den zweiten Blick auf – die Neubebauung ist näher herangerückt.

Kerstin Kübler ist die neue Pächterin des Stellwerks.

Foto: Lichtgut

Gäste des Pop-up-Cafés sitzen draußen an den Tischen, dürfen aber auch ins Innere blicken. Denkmalschutz und Hightech erzeugen hier drinnen eine besondere Spannung. Die Holzdielen sind fast 100 Jahre alt, abgeschliffen und wirken wie neu. Das Licht flutet von allen Seiten. Im Dach gibt’s einen Ausguck. Selbst das Zwischendeck ist transparent, man läuft auf einer Glasfläche.

Kerstin Kübler vermietet ihre Stellwerkerei für Firmenfeiern, Events, Geburtstage oder Hochzeiten. Maximal 50 Personen passen auf die drei Ebenen. Nicht nur die Idylle soll das Pop-up-Café vorführen, sondern auch werben für die Buchung dieser gewiss nicht alltäglichen Location.

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