Stille Helden: der Chirurg Jacob Yangyuoru: Heilsbringer

Am Karl-Olga-Krankenhaus und bei humanitären Auslandseinsätzen bilden Jacob Yangyuoru (vorne) und Nguyen Phu
Martin StollbergStuttgart - Nommu bedeutet „Liebe“, Nuoyo „Nur Freude“ und Aviella „Gott ist mein Vater“. Die Kinder, die diese poetischen Namen tragen, leben zurzeit in Stuttgart und sollen in ein paar Jahren in einen der ärmsten Winkel Ghanas umziehen. An einen Ort, wo die Menschen in strohgedeckten Lehmhütten wohnen. Wo es immer brütend heiß und meistens sehr trocken ist. Wo der Wind den Staub über die Savanne fegt und man schon als reich gilt, wenn man einen Esel besitzt. Der Papa von Nommu, Nuoyo und Aviella will dort arbeiten, wo sein Heil bringendes Handwerk am dringendsten benötigt wird.
Jacob Yangyuoru, 36, erscheint verspätet im Kaffeehaus an der Hackstraße. Bis vor wenigen Minuten stand der Assistenzarzt in einem Operationssaal des Karl-Olga-Krankenhauses. Dringender Notfall, Darmdurchbruch. Er hat sich fix umgezogen, jetzt trägt er ein grünes Poloshirt zu einer weißen Hose und Gesundheitsschuhen. Eigentlich wollte auch sein Chef an dem Gespräch teilnehmen, aber der leitende Oberarzt Nguyen Phu wird das Hospital im Stuttgarter Osten erst bei Einbruch der Nacht verlassen können. Chirurgie ist kein Metier mit geregelten Arbeitszeiten. Dienstschluss ist, wenn der letzte Patient des Tages versorgt ist. Während Phu im gegenüberliegenden Gebäude noch mit dem Skalpell hantiert, erzählt Yangyuoru von ihrem Auslandseinsatz.
Am 6. April dieses Jahres checken Yangyuoru, Phu und sechs Kollegen am Amsterdamer Flughafen in Richtung Ghana ein. Das ehrenamtliche Ärzteteam ist im Auftrag von Interplast unterwegs, einem deutschen Verein, der in Entwicklungsländern mittellose Patienten operiert. Interplast ist auf Spenden angewiesen und auf Mediziner, die bereit sind, ihren Urlaub in den ärmsten Ländern der Welt unentgeltlich am Operationstisch zu verbringen.
Die Wohltäter hoppeln über löchrige Sandpisten
Als das Ärzteteam aus Deutschland am Abend in Accra landet, wird sein überdimensioniertes Gepäck – Medikamente, Verbandsmaterial, Operationsbestecke, Narkosegeräte – in einen Inlandsflieger umgeladen. Weiter geht’s nach Tamale, der Hauptstadt der Northern Region of Ghana. Wieder wird das Transportmittel gewechselt, in einem Geländewagen und einem Kleinbus hoppeln die acht Wohltäter über löchrige Sandpisten. Nach einer zweieinhalbtägigen Anreise sind sie endlich am Ziel ihrer Hilfsmission.
Nandom ist eine Kleinstadt im Grenzgebiet zu Burkina Faso. Die Einwohner der sogenannten Upper West Region sind weit von den 1410 Dollar entfernt, die laut Weltbank der Durchschnittsghanaer pro Jahr verdient. Die meisten Menschen in dieser Gegend leben von dem, was auf dem kargen Boden wächst. Fließend Wasser gibt es nur in größeren Orten und selbst dort nicht für jeden.
Im Nandom Hospital werden normalerweise nur jene behandelt, die es sich leisten können oder als Notfälle gelten. Die Definition des Begriffs „Notfall“ ist im ghanaischen Hinterland schon allein deshalb weit gefasst, weil es chronisch an Ärzten mangelt. Auf einer Fläche von der Größe Baden-Württembergs gibt es einen einzigen Chirurgen. Dafür besitzt jedes Dorf mindestens einen Medizinmann oder Wunderheiler – sie haben allerdings an keiner Hochschule gelernt, besitzen keine Approbation und beziehen ihre Salben nicht von der pharmazeutischen Industrie.
In dieser rückständigen Region wird Jacob Yangyuoru am 30. Juni 1977 als Sohn eines Landwirts geboren. In seinem Heimatdorf Ketuo gibt es nicht einmal elektrisches Licht, doch der Bauernbub Jacob ist ein so helles Köpfchen, dass er es auf das Gymnasium und anschließend mit einem Stipendium auf die Universität schafft. Während des Studiums verliebt sich Yangyuoru in eine angehende Kinderärztin aus Bad Cannstatt, die in Accra ihre Famulatur macht. Zunächst führt das Paar eine Fernbeziehung: Er praktiziert nach dem Examen mitten im ghanaischen Nirgendwo, sie im Vereinigten Königreich.
2007 wagen sie gemeinsam den Sprung nach Deutschland. Jacob Yangyuoru belegt Sprachkurse, lernt „Guten Tag“, „Auf Wiedersehen“ oder „Wie geht es Ihnen?“ zu sagen. Bei seinem ersten Vorstellungsgespräch als Assistenzarzt im Klinikum Hannover fällt er durch, weil er das Wort „röntgen“ nicht versteht. Er paukt weiter und landet schließlich vor zweieinhalb Jahren im Stuttgarter Karl-Olga-Krankenhaus unter den Fittichen des Vietnamesen Nguyen Phu.
Der leitende Oberarzt und sein Assistent verbringen ihre langen Arbeitstage in der Allgemein- und Viszeralchirurgie. Yangyuoru erzählt seinem Chef von den medizinischen Zuständen in der Heimat. Von Menschen mit monströs großen Schilddrüsen, entstellenden Lippen-Kiefer-Gaumenspalten oder Wasserbrüchen in groteskem Ausmaß. Krankheitsbilder, die es in Europa kaum noch gibt. Doktor Phu, der seit 15 Jahren seine Urlaube als Interplast-Ehrenamtlicher verbringt, sagt: „Lass uns deinen Landsleuten helfen!“
Fliegen im Operationssaal
Die Ankunft des Interplast-Teams wurde über Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen angekündigt. Am Montagmorgen, 8. April 2013, warten vor der Ambulanz des Nandom Hospitals bereits die Patienten. Viele haben ihre Angehörigen mitgebracht, unter Akazien sitzen die Familien dicht beieinander, ringsum suchen dürre Kühe im Staub nach einzelnen Grashalmen. Die schwersten und dringendsten Fälle werden bei einer kurzen Voruntersuchung herausgefiltert, weniger kranke müssen abgewiesen werden. Den Auserwählten schenken die Mediziner aus Deutschland ihre volle Konzentration.
Es gibt nur einen Operationssaal, in dem an zwei Tischen gleichzeitig gearbeitet wird. Eng geht es zu, auch die Beleuchtung ist nicht ideal, überall schwirren Fliegen umher. Um das Entzündungsrisiko in diesem mit Keimen verseuchten Raum einzudämmen, muss jeder Patient prophylaktisch mit Antibiotika behandelt werden.
Ein Eingriff folgt dem nächsten. Fistel zwischen Speiseröhre und Halsaußenseite: der Patient konnte kaum noch Nahrung schlucken. Hodenbruch bis fast zum Knie: der Mann litt jahrelang unter quälenden Schmerzen. Elefantenschilddrüse: der Betroffene muss während der Narkose durch einen Luftröhrenschnitt beatmet werden. Und zwischendrin nimmt Jacob Yangyuoru noch den ein oder anderen Kaiserschnitt vor, schließlich muss auch während des Sondereinsatzes der normale Klinikalltag weiterlaufen.
Von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung geht das so, lediglich unterbrochen von einer kurzen Mittagspause, in der die Mediziner Reis und Maisklöße speisen. Abends schaut Yangyuoru kurz bei seiner Mutter in Ketuo vorbei, anschließend trinkt er noch ein Gute-Nacht-Bier mit den Kollegen. Dann schlafen die Helfer aus Deutschland zum Zirpen westafrikanischer Grillen ein, um am nächsten Morgen wieder fit für weitere Heldentaten zu sein. Am Ende des zweiwöchigen Einsatzes hat das Interplast-Team 81 Ghanaer von ihrem Leid befreit, das Maximum des in der kurzen Zeit Machbaren. Global betrachtet, ist das ein Tropfen auf den heißen Stein, im Einzelfall ein Wasserfall, der den Bedürftigen in ein besseres Leben spült.
Stuttgart ist eine andere Welt. Vor dem Kaffeehaus an der Hackstraße stehen BMW-Mercedes-Audi-Kolonnen, hetzen Schüler – das Smartphone am Ohr – zur Stadtbahn. Drüben im Karl-Olga-Krankenhaus steht Jacob Yangyuoru alles zur Verfügung, was das Chirurgenherz begehrt. Hochmoderne Geräte für minimal-invasive Eingriffe. Operationsmaterial im Überfluss. Als er hier anfing, erzählt der Assistenzarzt, sei von mancher Packung ein Drittel gebraucht worden. Der Rest – selbst teure Implantate – landete im Mülleimer, eine Nebenwirkung der hohen hygienischen Standards, die in Deutschland gelten. Inzwischen wird Wiederverwertbares gesammelt, nach Ghana geschickt und dort frisch sterilisiert.
Es zieht ihn zurück. „Ich habe immer Heimweh“, sagt Yangyuoru, „mir fehlt das einfache Leben.“ In ein paar Monaten legt er seine Facharztprüfung ab, anschließend will er noch drei, vier Jahre zusätzliche Erfahrung sammeln. „Aber dann ist es an der Zeit, dorthin zu gehen, wo ich am meisten bewirken kann.“
Das Land seiner Sehnsüchte
Jacob Yangyuoru peilt nicht die Metropolen Accra und Kumasi an, wo sich genügend Ärzte tummeln, weil es dort am meisten zu verdienen gibt. Er will zu den armen Bauern aufs Land. Will Frauen beim Entbinden helfen, gebrochene Knochen reparieren oder Krebstumore entfernen. Will sein breites Wissen praktisch nutzen, anstatt die Hälfte seiner Arbeitszeit mit Schreibkram zu vertun, wie es das bürokratische deutsche Gesundheitswesen von ihm verlangt. Und abends, nach getanen Taten, wird der Katholik Jacob Yangyuoru seine christlichen und muslimischen Freunde besuchen. „In Ghana steht jede Tür offen, und jeder redet mit jedem“, erzählt er vom Land seiner Sehnsüchte.
Doch was wird aus den drei Kindern? Nommu ist jetzt fünf Jahre, Nuoyo zwei Jahre und Aviella vier Monate alt, sie werden zweisprachig erzogen. Haben sie im unterentwickelten Norden Ghanas dieselben Chancen wie im wohlhabenden Stuttgart? „Klar habe ich Bedenken, vor allem wegen der Schule“, antwortet Yangyuoru, „aber dafür gibt es in meiner Heimat weniger Stress.“
Für November 2014 ist die Generalprobe angesetzt. Dann will Jacob Yangyuoru mit seinem Chef Nguyen Phu und den anderen Interplast-Kollegen erneut nach Nandom reisen. Diesmal soll ihn seine Stuttgarter Familie begleiten.