Stuttgart im Herbst: Lauter als die Laubbläser


Laubbläser in Aktion
Marcus Brandt/dpaHören Sie das auch? Das an- und abschwellende Dröhnen in der Stadt? Es nervt. Einmal der Lärm an sich. Außerdem ist das Aufheulen, das von Gehsteigen und Garageneinfahrten her dringt, ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Jahr welkt. Die Zeit der Laubbläser hat begonnen.
Man kann sie praktisch finden. Wegblasen statt kehren, das erleichtert das Kehrwöchner-Dasein. Noch praktischer wäre es, die Geräte würden auch das Trübsal vertreiben, das uns aktuell vielerorts begegnet. Besonders in der Politik. Nach dem Motto: Sorgenbläser an und weg ist die schlechte Stimmung! Weg sind der Frust und der Verdruss an der Demokratie! Dafür nähme man gerne auch ein starkes Knattern in Kauf.
Leider gibt es dafür keine technische Lösung. Und es wird sie auch im KI-Zeitalter nicht geben. Der Unzufriedenheit mit der Politik und den Zweifeln an der Demokratie gilt es, auf andere, analoge Weise entgegenzutreten: durch das persönliche Gespräch. Auch da kann es laut werden. Kein Problem, solange man zu einem Meinungsaustausch bereit ist. Das setzt voraus, dass man sich überhaupt erst mal begegnet.
Für beides, Begegnung und Austausch, wollen die Landeszentrale für politische Bildung, der Volkshochschulverband und andere Akteure mit ihrer landesweiten Langen Nacht der Demokratie am 2. Oktober nachdrücklich werben. Angesichts der jüngsten Entwicklungen ist das wichtiger denn je. Bei der Premiere vor zwei Jahren bestand diese Dringlichkeit noch nicht. Man musste noch nicht fürchten, dass die Demokratie an Sprachlosigkeit und Frust tatsächlich zugrunde gehen könnte.
Der Umstand, dass sich in diesem Jahr deutlich mehr Kommunen, Einrichtungen und Initiativen mit insgesamt fast 200 Veranstaltungen an der Langen Nacht beteiligen – davon allein 19 in Stuttgart –, ist Hoffnungs- und Alarmzeichen zugleich. Es hat sich herumgesprochen, dass die Demokratie als diejenige Regierungsform, die sich von allen am stärksten an der Würde des Menschen orientiert, nicht selbstverständlich ist, und gegen autoritäre Bestrebungen aktiv verteidigt werden muss.
Dazu braucht es neue Ideen. Und Demokraten, die sich bemerkbar machen. „Alle Stimmen für die Demokratie“, lautet ein Mitsingangebot in Stuttgart, dem man in der Langen Nacht viel Zuspruch wünscht. Die Botschaft lautet: Stuttgart trommelt für die Demokratie! Die Lautstärke sollte mindestens die der Laubbläser erreichen.
