Stuttgarter Friseure über Gender Pricing
: Warum Haarschnitte für Frauen teurer sind als für Männer

Frauen zahlen beim Friseur öfters mehr als Männer. Aber warum gibt es dieses Gender Pricing? Und werden die Preise bei Frauen mit Kurzhaar- und Männer mit Langhaarfrisuren wenigstens angepasst? Stuttgarter Friseure berichten.
Von
Lea Jansky
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Gender Pricing beim Friseur: Frauenhaarschnitte sind bei den meisten Friseuren teurer als Männerhaarschnitte. (Symbolbild)

IMAGO/Sven Simon/IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON

Frauen haben lange Haare, Männer haben kurze Haare. Frauen lassen sich ihre Haare oft färben, machen eine Dauerwelle oder wollen aufwendige Stufenschnitte, Männer hingegen nicht. Diese Ansicht ist längst veraltet. Immer mehr Männer tragen ihre Haare lang. Auch sie wollen eine neue Haarfarbe oder eine Dauerwelle. Andersrum gibt es genug Frauen, die einen Kurzhaarschnitt tragen. Und trotzdem zahlen Frauen unabhängig vom Haarschnitt bei ihrem Friseurbesuch immer noch mehr als Männer. Dieses Gender Pricing ist weit verbreitet.

Gender Pricing, auch „Woman-Tax“ genannt, beschreibt die geschlechtsspezifischen Preisunterschiede bei Dienstleistungen oder Produkten. Besonders auffällig ist das Gender Pricing im Alltag bei Friseuren. Die Antidiskriminierungsstelle hat 2017 in einer Studie zum Gender Pricing festgehalten, dass 89 Prozent aller untersuchten Friseure und Friseurinnen bei einem Kurzhaarschnitt unterschiedliche Preise je nach Geschlecht anbieten – Frauen zahlen demnach im Schnitt 12,50 Euro mehr für den Haarschnitt. Aber wie entstand dieses Gender Pricing und mit wie rechtfertigen Friseure die geschlechtsspezifischen Preise?

Gründe für Preisunterschiede in der Vergangenheit

Warum Frauen- meist teurer als Männerhaarschnitte sind, dazu haben die Friseure aus Stuttgart und Region unterschiedliche Meinungen. Meisterfriseur Oliver Gerbert hat einen eigenen gleichnamigen Salon in Stuttgart, er sieht den Ursprung der Preisunterschiede vor langer Zeit: „Wenn man weit zurück geht in die Zeit um 1900, da waren die Frisuren von Frauen noch viel aufwendiger. Damals hat ein Männerhaarschnitt vielleicht 50 Pfennig gekostet und ein Frauenhaarschnitt sechs Deutsche Mark. Und dieser Unterschied, begründet im höheren Aufwand bei einer Frauenfrisur, wurde nie ausgeglichen.“

Meisterfriseur Uwe Volz aus Ludwigsburg, Inhaber vom Salon „wings hair & beauty“, hat eine andere Theorie: „Früher kamen Männer häufig alle zwei Wochen um nur kleine Ausbesserungen vornehmen zu lassen. Dafür kann man nicht jedes Mal 57 Euro verlangen, daher waren Männerpreise oft billiger. Als die Männer plötzlich mit längeren Haaren kamen und auch andere Leistungen wollten, also der Aufwand gestiegen ist, da hat es der Friseur versäumt, die Preise anzupassen. “

Mehr Aufwand bei längeren Haaren

Masterstylist Müslüm Başaran von Salon „Die Scala“ sieht den Grund für die Preisunterschiede vielmehr in der Haarlänge und dem damit verbundenen Aufwand, denn lange Haare „müssen geföhnt werden, man benötigt mehr Material, also mehr Shampoo, Conditioner, Wasser.“

Dem Argument mit dem Mehraufwand schließt sich auch Meisterfriseur Ulvi vom Salon „twocut“ an: „Bei dem Mann geht es oft mit der Maschine – bei Frauen muss man oft mit der Hand mit der Schere arbeiten, deswegen braucht man da auch mehr Zeit in der Regel. Dann ist es eben der Zeitfaktor bei der Frau, der einfach den Preisunterschied macht.“

Preisanpassung je nach Haarlänge unabhängig vom Geschlecht?

Doch wie sieht es dann bei Männern mit langen Haaren aus? Spiegeln sich der höhere Zeitaufwand und die Mehrkosten für Shampoo und Pflegeprodukte beim Preis wider so wie bei der weiblichen Kundschaft? Und im Umkehrschluss, zahlen Frauen mit Kurzhaarschnitt dann weniger? Passen die Friseure also ihre Preise je nach Haarlänge unabhängig vom Geschlecht an oder haben Männer einfach Glück und zahlen pauschal weniger?

Bei Oliver Gerbert im Salon trifft das tatsächlich zu. Er gesteht ein: „Es ist einfach so, die Männer kommen besser weg“. Er erklärt jedoch, er plane sowohl für Männer als auch für Frauen eine Stunde für einen Haarschnitt ein – der Stundenlohn für den Friseur bei einem Männerhaarschnitt sei somit bei ihm um 20 Euro schlechter. Doch warum nimmt er diesen schlechteren Stundenlohn in Kauf und passt seine Preise nicht an? Gerbert vermutet, „dann fliegen circa 75 Prozent aller Männer raus“ – die männlichen Kunden wären nicht bereit, den höheren Preis zu zahlen.

Müslüm Başaran und Ulvi hingegen passen ihre Preise an. Ulvi berichtet: „Wir passen den Preis je nach Haarschnitt an – Frauen mit Kurzhaarschnitt zahlen auch den Männerpreis. Sie nehmen weniger Zeit in Anspruch. Es geht immer nach Zeit und verbrauchtem Material – auch bei Strähnen und Coloration.“ Außerdem weißt der Meisterfriseur vom Salon twocut darauf hin, dass der vermeintliche geschlechtsspezifische Preisunterschied bei vielen Friseuren oft ohnehin nicht existiere, denn „ein Männerhaarschnitt dauert im Schnitt 45 Minuten und kostet 44 Euro bei uns, während ein Frauenhaarschnitt für 61 Euro mit 60 Minuten veranschlagt ist. Sie sehen, wenn man das umrechnet, sind das beide Male ein Euro pro Minute.“

Einheitliche Abrechnung nach Aufwand

Uwe Volz vom Salon „wings hair & beauty“ aus Ludwigsburg passt seine Preise für einen Haarschnitt nicht nur im Einzelfall an. Auf seiner Preisliste gibt es keine Unterscheidung nach Männer- und Frauenhaarschnitt. „Wir berechnen unsere Preise grundsätzlich nach Arbeitsaufwand“, erzählt Volz. Somit kostet ein „typgerechter Haarschnitt“ bei kurzen Haaren ab 48 Euro und bei langen Haaren ab 73 Euro. Alle weiteren Specials wie Styling, Haarglättung oder Haarverlängerung werden ebenfalls nach Haarlängen unterschieden.

Seit zwei Jahren verfolgt er nun schon dieses Konzept eines Einheitspreises. Der Anlass dafür war ein junger Mitarbeiter in seinem Team, der die Diskussion veranlasst hat. Da sie oft auch Kunden und Kundinnen mit unterschiedlichen Haartypen hätten, sei ihnen die unfaire geschlechterspezifische Preisunterscheidung aufgefallen. Eine Frau mit feinen Haaren sei trotz langen Haaren schneller bedient als ein Mann mit halblangem sehr dichtem Haar, was nach alter Preiskategorisierung trotzdem nur aufgrund des Geschlechts günstiger gewesen wäre.

Mit der Preisumstellung seien die Männerpreise dann nicht unbedingt gestiegen, nur eben der Preis für aufwendigere Schnitte und Leistungen wie Farbe, Grauhaarkaschierung, Männer mit langen Haaren – gleichermaßen wären aber Kurzhaarschnitte für Frauen billiger geworden. Kunden seien ihm damals nicht abgesprungen. Einige hätten nachgefragt und die Erklärung verstanden.

Unisexpreislisten als Lösung?

Sind diese Unisexpreislisten wie sie Uwe Volz führt, dann nicht die Zukunft im Friseurhandwerk? Vor allem in Hinblick auf die Genderdebatte und der freien Wahl des eigenen Geschlechts oder dem Wunsch einiger Menschen, sich beim Geschlecht nicht festlegen zu wollen, sieht Müslüm Başaran vom Salon „Die Scala“ früher oder später keinen Weg daran vorbei: „Ich denke auf kurz oder lang wird es diese Unisexpreislisten geben.“

Ulvi vom Salon twocut hat jedoch Bedenken was die Unsexpreislisten betrifft: „Wenn die Innung die Unisexpreislisten festlegen würde, würde immer der teurere Preis gewinnen. Ich denke, dann würden viele Männer abspringen, die gehen dann einfach zum Barbershop um die Ecke. Die Innungsfriseure würden also dann nur noch teurer werden und die Barber ohne Ausbildung gewännen noch mehr Kunden.“ Das sich immer weiter ausbreitende Geschäft der Barbier-Salons sorge laut Ulvi allgemein für Groll unter den Innungsfriseuren, da diese meist Quereinsteiger seien, für wenig Geld Haarschnitte anböten und so den lang ausgebildeten Friseuren die Kunden wegnähmen.

Viele Kunden bevorzugen Qualität

Müslüm Başaran hat keine Angst vor höheren Männerhaarschnitt-Preisen durch Unisexpreislisten: „Ich denke nicht, dass uns Kunden abspringen würden. Die Männer, die zu uns kommen, die setzen viel auf Qualität und Service und das bekommt man bei einem Barbier meistens nicht. Ich denke, sie wären bereit, den höheren Preis zu zahlen.“

Auch Uwe Volz, der ohnehin schon seine Einheitspreisliste führt, lässt sich durch die Dumping-Preise der Barbiere nicht einschüchtern, denn diese seien auch nur vermeintlich billiger. Für einen schnellen Haarschnitt innerhalb von 10-15 Minuten zahle man bei den Barbieren zwar oft nur 15-20 Euro – hochgerechnet auf die Zeit, die ein Friseur mit 45 Minuten für einen Schnitt beanspruche, sei dies häufig jedoch der gleiche Preis. Hier komme es darauf an, welchen Wert der Kunde auf seine Zeit beim Friseur oder für seinen Haarschnitt lege.

Keine offizielle Vorgabe für Einheitspreislisten

Auch beim Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks wird das Thema Gender Pricing schon seit langer Zeit diskutiert. Laut dem Verband gebe es jedoch in den nächsten Jahren keine einheitliche Vorgabe für Unisexpreislisten. Die Kalkulation der Preise bleibe weiterhin jedem Friseursalon selbst überlassen, da der Verband laut Pressesprecherin Bele Graniger „aus kartell- und wettbewerbsrechtlichen Gründen keinerlei Preisempfehlungen“ gebe. Trotzdem beobachtet Graniger bei vielen Friseuren: „Durch gesellschaftlichen Druck gibt es mittlerweile in Deutschland immer mehr Friseurunternehmen, deren Preisbildung nicht nach Damen- und Herrengeschäft getrennt wird.“ Einheitspreislisten wie bei Friseur Uwe Volz wird es demnach die nächsten Jahre also vermehrt geben und dem Gender Pricing wird somit zunehmend der Rücken gekehrt.

StZ Kompakt - Der Morgen
Montag - Sonntag um 6.00 Uhr
Starten Sie mit den wichtigsten Themen aus Stuttgarter Sicht in den Tag und erhalten Sie sonntags die besten Geschichten der Woche.