Stuttgarter Gedenkstätte: Bürger, die unermüdlich Zeichen der Erinnerung setzen

Monika Renninger übernimmt von Andreas Keller den Vorsitz des Vereins "Zeichen der Erinnerung“.
Jan SellnerEs ist ein Vormittag, der einen starken Eindruck hinterlässt und Zeichen setzt. Dazu gehören Rosenköpfe und kleine Steine – Ausdruck jüdischer Trauerkultur –, die Besucher der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ unter den Namen der auf einer Betonwand verewigten von hier aus deportieren Juden und Sinti und Roma platzieren. Vor allem aber sind es die zuvor gehörten Worte in der unweit von der Gedenkstätte gelegenen evangelischen Martinskirche, von denen eine große Wirkung ausgeht.
Exakt 20 Jahre nach der Einweihung der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ fand dort am Sonntag eine Festveranstaltung mit Gottesdienst statt, bei der das von geschichtsbewussten Bürgerinnen und Bürgern initiierte und getragene, mustergültige Beispiel lokaler Erinnerungsarbeit gewürdigt wurde. Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl wählt in der voll besetzten Kirche ein Bild des Historikers Karl Schlögel: „Im Raume lesen wir die Zeit“. Um einen solchen Raum, „den es auf seine Zeit zu befragen gilt“, handelt es sich beim Inneren Nordbahnhof. Er steht nach den Worten Gohls für eine „Abgründigkeit, die in der Weltgeschichte ohne Beispiel ist“ - die Ausgrenzung, Deportation und Ermordung von Jüdinnen und Juden und den von den Nationalsozialisten ebenfalls verfolgten Sinti und Roma.
Zwischen 1. Dezember 1941 und 12. Februar 1945 wurden von hier aus mehr als 2700 Juden und Sinti und Roma aus Württemberg, Hohenzollern und Baden mit Deportationszügen in den Tod geschickt. Der Weg vom Killesberg, wo die Juden interniert waren, zu den Gleisen des Inneren Nordbahnhofes führt an der St. Georgskirche und der Martinskirche vorbei. Das konnte damals nicht unbemerkt geblieben sein. Seit 1991 erinnert an der Martinskirche eine Tafel, daran, dass die Menschen „unter den Augen der Martinskirche deportiert wurden“. Ein ähnliches Schuldbekenntnis hängt seit 2013 an der St. Georgskirche.

Rosen als Zeichen der Erinnerung an die Menschen, die vom Inneren Nordbahnhof deportiert wurden.
Foto: Jan Sellner„Warum wurde nicht protestiert?“, fragt Gohl in seiner Predigt. 1941 habe es genügend Anzeichen für den menschenverachtenden Charakter des Nazi-Regimes gegeben. „Wer es sehen wollte, der sah es!“ Der Landesbischof erinnert an den 1920 verstorbenen, früheren Pfarrer der Martinskirche, Otto Umfried, nach dem die Straße benannt ist, die an der Gedenkstätte vorbeiführt. Umfried habe sich gegen jede Form von Unterdrückung und Entmenschlichung eingesetzt, sei drei Mal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden, in der württembergischen Landeskirche aber isoliert gewesen. Er stehe für das andere, das nicht wegschauende Deutschland. „Hätte er 1941 noch gelebt, hätte er dem Todeszug nicht tatenlos zugesehen.“ Für Gohl ist er ein „beeindruckendes Vorbild“ – wie auch all jene, die sich für die Gedenkstättenarbeit einsetzen.
Der Landesbischof mahnt, die richtigen Schlüsse aus der Geschichte zu ziehen, und er wird deutlich: „Wenn sich die Kirchen heute gegen eine bestimmte Partei stellen, dann aus der Überzeugung des Versagens in zwei Weltkriegen.“ Es gelte, eindeutig Position zu beziehen. Gohl zitiert den Rabbiner Jonathan Sacks: „Der Hass, der beiden Juden beginnt, endet nicht bei den Juden.“ Das gelte genauso für Asylbewerber. Es dürften keine Bevölkerungsgruppen ins Abseits gestellt werden. Mit klaren Worten wendet der Bischof sich auch gegen die „Kriegsglorifizierung“ und „unsägliche Menschenverachtung“, die ihm in der Person des US-Kriegsminister Pete Hegseth begegnet: „Wer Gott für seine menschlichen Interessen missbraucht, der lästert Gott!“. Die Menschenrechte sind auch Thema der Ausstellung „Mein Name ist Mensch“ von Peter Grohmann, die bis Sonntag im Martinscafé der Kirche zu sehen war.
Ein „Seelenstück“ der Stadt
Muhterem Aras, Vize-LandtagspräsidentinAuch Landtagsvizepräsidentin Muhterem Aras stellt einen Bezug zur Gegenwart her. „Die Frage, was hätte ich damals getan, muss lauten: Was tue ich deshalb heute?“ Für sie sind Gedenkstätten „keine toten Orte, sondern lebendige Wirkungsstätten“. Die Erinnerungsarbeit, die dort geleistet werde, führe vor Augen, warum das Grundgesetz ein hohes Gut sei und die Demokratie verteidigt werden müsse. Der Arbeit von Andreas Keller an der Spitze des Vereins „Zeichen der Erinnerung“ und das Engagement seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter zollt Aras größtes Lob. Sie hätten die Erinnerungskultur zu einem „Seelenstück“ der Stadt gemacht. Der großartige Einsatz, auch gegen Widerstände, zeige, was die Zivilgesellschaft und was jeder einzelne beitragen könne. Dabei erinnert sie auch an den verstorbenen Architekten Roland Ostertag, der auch ein Architekt der Erinnerungskultur war: „Ohne ihn wäre die Erinnerungslandschaft in Stuttgart eine andere.“ Auch ohne die Stiftung Geißstraße, von der die ersten Impulse für eine Gedenkstätte ausgingen.

Der Gottesdienst in der vollbesetzten evangelischen Martinskirche wurde von Pfarrer Florian Link und Pauline Stickel von der Kesselkirche geleitet.
Foto: Jan SellnerIsabel Fezer, Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, bekräftigt das Lob für die ehrenamtlichen Erinnerer um Andreas Keller: „,Zeichen der Erinnerung‘ ist ein Stück Stuttgart geworden!“ Dadurch sei auch ein Stück Identität geschaffen worden. Michael Kashi, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), betont, Erinnerung lebe von Engagierten, die sich mit Geschichte auseinandersetzen und Verantwortung dafür übernehmen würden, dass sie im öffentlichen Bewusstsein fortbestehe. Die Menschen, die damals deportiert worden seien, hätte es verdient, „dass sie nicht vergessen werden“. Wie wichtig das ist, unterstreicht auch IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub mit ihrer Anwesenheit.
Für Isabelle Weichselgartner, die für die Stuttgarter Jugendhaus gGmbH und den dort angesiedelten Lernort Geschichte spricht, zeigt sich der Wert von Erinnerungsarbeit darin, „dass die Schicksale der Opfer sichtbar gemacht werden“. Dazu tragen auch Jugendguides des Lernorts Geschichte bei. Rund 64.000 Kinder und Jugendliche sind nach ihren Worten damit bisher erreicht worden.
Die Gedenkstätte muss saniert werden und soll sichtbarer werden
Die Erinnerungsarbeit geht auch im 21. Jahr der Gedenkstätte mit vollem Elan weiter –allerdings unter neuer Führung. Der für seine Arbeit allseits geschätzte, langjährige Vorsitzende Andreas Keller, gibt den Stab an Sonntag an Monika Renninger weiter, die Leiterin des evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof. Vor ihr liegen große Aufgaben. Dazu gehört die Sanierung der Gedenkstätte, bei der sich nach 20 Jahren Verschleißerscheinungen zeigen. Sie soll in der Stadt außerdem noch sichtbarer werden.
Andreas Keller betont zum Abschied, er gehe „mit großer Dankbarkeit“, allerdings auch in dem Wissen, dass Erinnerungskultur nicht von alleine entsteht, wie das Beispiel der erst 61 Jahre nach Kriegsende eingeweihten Gedenkstätte zeigt: „Wie lange wir in Stuttgart brauchen, um uns zu erinnern, ist eine Schande.“
