Stuttgarter Gedenkstätte: Gleise hinter Gedenkstätte müssen für Eidechsen weichen – Verein ist empört

Hier lagen bis vor kurzem insgesamt fünf Bahngleise, die der Verein „Zeichen der Erinnerung“ zur Gedenkstätte zählt. Drei Gleise hat die Bahn jetzt abgebaut.
Lichtgut/Max KovalenkoDie Empörung spricht aus jeder Zeile seines an Oberbürgermeister Frank Nopper adressierten offenen Briefes: Andreas Keller, Vorsitzender des Vereins „Zeichen der Erinnerung“, der die gleichnamige Gedenkstätte am Inneren Nordbahnhof pflegt, ist hochgradig verärgert über einen aus seiner Sicht brachialen Eingriff im Umfeld der Gedenkstätte. In einer „Blitzaktion“ (Keller) wurden dort Anfang vergangener Woche drei von fünf Bahngleisen entfernt – Gleise, über die zwischen 1941 und 1945 Deportationszüge mit mehr als 2600 Menschen jüdischer Herkunft und mehr als 240 Sinti und Roma nach Riga, Izbica, Auschwitz und Theresienstadt rollten und die der Verein deshalb als integralen Bestandteil der Gedenkstätte betrachtet. „Spuren sollten nicht verwischt werden, sondern als Erinnerungsort an das grausame Geschehen bewahrt werden“, hatte der Verein stets argumentiert.
Doch dieses Spurenverwischen ist aus Sicht Kellers und der vielen Mitunterzeichner von Michael Kashi über Veronika Kienzle bis Monika Renninger nun erfolgt: „Hiergegen protestiere ich mit größtem Nachdruck“, schreibt Keller in seinem Brief, der auch von der Stiftung Geißstraße 7, der Initiative Hotel Silber, den Stolpersteininitiativen, der Anstifter, dem Verein Weissenburg und dem Zentrum LSBTIQA+ Stuttgart mit getragen wird. Seit Jahren habe der Verein sich in Absprache mit Verwaltung und Gemeinderat bemüht, Verständnis zu wecken für einen sensiblen Umgang mit diesem hoch bedeutsamen Ort. „Er zählt zu den ganz wenigen historischen Zeugnissen in Stuttgart, die unmittelbar über die Gräuel der Nazi-Zeit Auskunft geben.“

Die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Inneren Nordbahnhof.
Foto: LICHTGUTEs sei „ein Skandal“, dass der Gleisabbau ohne Rücksprache mit dem Verein, der seit 19 Jahren die Gedenkstätte betreut, erfolgt sei, heißt es in dem offenen Brief. Verfasser Andreas Keller, der zu den profiliertesten Köpfen der Stuttgarter Erinnerungskultur-Community zählt, war von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg für sein „vorbildliches Erinnern an die Deportationen jüdischer Menschen aus Stuttgart und Württemberg“ im Juli dieses Jahres mit der Otto-Hirsch-Medaille ausgezeichnet worden.
Gleise wichtig für den Charakter der Gedenkstätte
In seiner Dankesrede im Rathaus hatte er auf die Bedeutung der 2006 durch bürgerschaftliches Engagement realisierten Gedenkstätte hingewiesen und dies in Briefen an die Rathausspitze bekräftigt. „Lasst uns die Gleise!“ hatte Keller wiederholt gebeten – nicht nur die Abschnitte, die unmittelbar an der Gedenkstätte liegen, sondern auch die dahinterliegenden im Bereich der Otto-Umfried-Straße. Das sei für den Charakter der Gedenkstätte „entscheidend wichtig“. Seinen Offenen Brief schließt Keller mit dem Satz: „Da ich im Sommer bereits angekündigt habe, den Vorsitz niederzulegen, erübrigt sich jetzt ein ,Rücktritt unter Protest‘. Aber die tiefe Verletzung und der Zorn bleiben.“

Der unmittelbare Bereich der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ (blau) ist nicht betroffen. Der Gleisabbau fand im gelben Bereich statt, der hier ausschnittsweise abgebildet ist.
Foto: Stadt StuttgartDie Stadt sieht sich zu Unrecht in der Kritik. Auf Anfrage erklärt sie in einer ausführlichen Stellungnahme, man bekenne sich klar zum „Zeichen der Erinnerung“ und sei sich dessen historischer Bedeutung für die Stadt Stuttgart bewusst. Der teilweise Rückbau der Gleisanlagen durch die Deutsche Bahn, für den ein Planfeststellungsbeschluss bestehe, beschneide die Gedenkstätte und die darin liegenden Gleise nicht. Die Maßnahme betreffe vorgelagerte Gleise außerhalb der Gedenkstätte. Man wisse, dass der Trägerverein auch diese Gleise erhalten wolle. Zur Bewältigung artenschutzrechtlicher Vorgaben“ sei dort jedoch ein Artenschutzhabitat vorgesehen. Diese Artenschutzfläche sei auch schon im Rahmenplan Stuttgart Rosenstein von 2023 enthalten. Konkret geht es um Mauereidechsen.
Die Stadt betonte, man habe in zahlreichen Abstimmungen mit der Deutschen Bahn erreicht, dass zwei der bisher fünf Gleise beginnend ab dem Mahnmal auf einer Länge von rund 200 Metern erhalten bleiben könnten, um so die Sichtachse in Richtung Gäubahnbrücke zu verlängern. Insgesamt sei durch den Einsatz der Stadtverwaltung eine wesentliche Verbesserung gegenüber der bisherigen Planung gelungen, „die nicht nur die Interessen in Bezug auf das Mahnmal, sondern auch die der geplanten städtebaulichen Entwicklung und der naturschutzrechtlichen Belange berücksichtigt“. Demnach wollte die Bahn ursprünglich alle fünf Gleise im Anschluss an das Mahnmal abbauen. Sie waren zuletzt als Logistikgleise für den Erdaushub der Stuttgart 21-Baustelle genutzt worden.
Bahn: Mangel an Umsiedlungsflächen für Eidechsen
Auch die Bahn äußert sich. Ein Sprecher verweist seinerseits auf den Artenschutz: „Um die heutigen Gleisflächen des alten Kopfbahnhofs für den Städtebau nutzbar zu machen, müssen aufgrund der sehr strengen Artenschutzregelungen zahlreiche Eidechsen umgesiedelt werden.“ Die Fläche mit den Gleisen hinter der Gedenkstätte gehöre seit 2001 der Landeshauptstadt Stuttgart. Das Eisenbahnbundesamt habe mit Planfeststellungsbeschluss vom 25. November 2024 genehmigt, dort ein Eidechsen-Habitat anzulegen. Vorausgegangen sei ein umfänglicher Erörterungsprozess, bei dem auch der besondere Schutz des Denkmals berücksichtigt worden sei. „Der Deutschen Bahn ist und war es ein großes Anliegen, diesen historischen Ort so weit wie möglich zu erhalten“, betont der Sprecher. Dank entsprechender Planungen sei es gelungen, dass dort zwei Gleise liegen bleiben könnten: „Der Erhalt weiterer Gleise ist infolge des Mangels an Umsiedlungsflächen innerhalb der für diese Eidechsenart behördlich vorgegebenen Gebietskulisse Stuttgart leider nicht möglich.“
