Stuttgarter Kirche entwidmet
: Aus nach 54 Jahren: Letzter Gottesdienst in der Christus-Erlöser-Kirche

Die katholische Christus-Erlöser-Kirche in Botnang wurde aus Spargründen entwidmet. Beim letzten Gottesdienst war Wehmut zu spüren.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Letzter Gottesdienst in der Christus-Erlöser-Kirche in Botnang. Das Gotteshaus wurde am Samstag profanisiert, entwidmet.

Jan Sellner

Am Ende war es nur noch ein formaler Akt, vorgetragen vom Kirchengemeinderatsvorsitzenden Rainer Noebel, der das Dekret des Bischofs der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Klaus Krämer, vor der Gemeinde verlas : „ . . . erteile ich die Erlaubnis zur Profanierung und bitte Sie, diese am Samstag, den 22. November vorzunehmen“. Momente später, löschte Pfarrer Werner Laub die Kerzen am Altar, während ein Mitarbeiter die Madonna von der Kirchenwand abnahm, der Altar abgedeckt und das Allerheiligste in einer Prozession aus der Kirche getragen wurde. In diesem Augenblick hörte die katholische Christus-Erlöser-Kirche in Botnang 54 Jahre nach ihrer Einweihung auf, Kirche zu sein; sie war jetzt ein ganz gewöhnlicher Raum, in dem die letzten Töne der Orgel verklangen.

„Wo bleibt Gott? Ist er jetzt wohnsitzlos?“

Anders als das bischöfliche Dekret zum Schluss war der von Werner Laub und Pater Gregor gestaltete und von Chormusik umrahmte Gottesdienst alles andere als nüchtern. „Wehmütig, aber dankbar“, beschrieb Laub seine Gefühle in der voll besetzten Kirche und gab damit vermutlich den Gemütszustand vieler wieder, die feierlich Abschied von ihrem Gotteshaus inmitten der Hochhaussiedlung Laihle nahmen.

In der weihrauchgeschwängerten Luft lag keine Schwere, aber doch eine tiefe Nachdenklichkeit. Ungezählte Erinnerungen an Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Momente der Begegnung und auch der Trauer verbinden die Gemeindeglieder mit der Kirche in schlichter Betonbauweise, zu der auch ein Gemeindesaal, ein Pfarrhaus und eine Kindertagesstätte gehörten. Sie war fester Bestandteil und ein Zentrum der Hochhaussiedlung „Laihle“, die in den 1970er Jahren angesichts der der rasch wachsenden Bevölkerung im Norden Botnangs entstand. „Was bleibt dann, wenn die Kirche nicht mehr da ist?“, fragte Laub. „Wo bleibt Gott? Ist er jetzt wohnsitzlos?“ Die Antwort gibt er selbst, indem er Gott nicht in einem Gebäude verortet: „Vielmehr ist er dort, wo wir uns auf den Weg machen, Menschen zu begegnen.“

Die Christus-Erlöser-Kirche in Botnang, ein von Architekt Fred Hummel entworfener Betonbau, wurde 1971 eingeweiht.

Foto: Jan Sellner

Ein Gedanke, der manche über den Verlust der Kirche hinwegtröstet. „Wir wissen um die Notwendigkeiten und Dringlichkeiten“, sagte Laub, der auch stellvertretender katholischer Stadtdekan ist. Sinkende Mitgliederzahlen und Kirchensteuern zwingen die Kirche zu sparen. „Wir haben nicht mehr die finanziellen Mittel und die Menschen, um zwei Kirchen in Botnang zu erhalten, hatte er Tage zuvor erklärt. In Botnang gehören aktuell noch 2560 Menschen der katholischen Kirche an; 2019 waren es noch 3110.

Das Kirchen-Aus steht schon seit 14 Jahren fest

Das Aus für die Kirche kam nicht plötzlich. Tatsächlich war es ein langer Entwöhnungs- und Gewöhnungsprozess. Bereits 2011 hatte der Stuttgarter Stadtdekanatsrat beschlossen, dass kirchliche Zweitstandorte aus Kostengründen aufgegeben werden müssen. Dazu zählte auch die Kirche im Laihle, die der St. Clemens-Kirche immer schon als sogenannte Filialkirche angeschlossen war. Der Auszug vollzog sich schrittweise; erst wurden die Sonntagsgottesdienste nach St. Clemens verlegt, dann die Gemeinderäume geschlossen, weil die Bausicherheit nicht mehr gewährleistet war. Am Ende stand der Beschluss zur Profanisierung, der Entwidmung der Kirche. Der Kirchengemeinderatsvorsitzende Noebel sprach von „fünf Phasen der Trennung: „Ablehnung, Zorn, Verhandeln, Depression, Annehmen.“ „Wir feiern dennoch, dass Gott mit uns geht“, sagte Laub und appellierte an die Gemeinde, „den Kopf nicht hängen zu lassen, den Glauben nicht zu verlieren und aufrecht zu gehen“.

Auch die Bezirksvorsitzende von Botnang Mina Smakaj versuchte, Mut zu machen. Die Kirche sei das Zentrum der Hochhaussiedlung im Laihle gewesen. „Der Kirchturm war für jedermann sichtbar.“ Sie versprach, sich bei der Stadt weiter dafür einzusetzen, dass eine „gute Lösung“ für die künftige Nutzung diese zentralen Ortes gefunden werde: „Das Grundstück darf nicht sich selbst überlassen bleiben“, sagte sie.

Wie es weitergeht, ist noch offen. Nach dem Abriss der Kirche stellt sich das katholische Stadtdekanat auf dem 3800 Quadratmeter großen Grundstück eine Mischung aus Wohnungsbau und sozialer Nutzung vor samt Kita, einer Einrichtung für ambulante Behindertenhilfe und einem „Community Space“ vor. Von der Stadt Stuttgarter gibt es bisher kein grünes Licht. Um dort auch Wohnungen zu bauen, müsste der Bebauungsplan geändert werden. Aus Sicht der Kirche eine unbefriedigende Situation: „Die Stadt sollte den Weg freimachen“, fordert Stadtdekan Christian Hermes: „Es kann ja wohl nicht sein, dass mitten in Botnang eine Brache zurückbleibt.“

Profanisierte Kirchen in Stuttgart

Katholische Kirche
Aufgrund des Sanierungsstaus und sinkender Mitgliederzahlen hat das katholische Stadtdekanat ihren Immobilienbestand auf den Prüfstand gestellt und bereits 2014 eine Rangliste der Gebäude erstellt. Bestandteil des Konzepts ist die Entwidmung und der Abriss von St. Peter in Bad Cannstatt, der Vinzenz-Palotti-Kirche in Birkach, von St. Johannes Maria Vianney in Mönchfeld und der Christus-Erlöser-Kirche in Botnang. Dazu kommt St. Ulrich im Fasanenhof; die Kirche dort wurde 2024 entwidmet. Aktuell werden dort Kita, Pfarrbüro und Gemeinderäume in die Kirche integriert. Bis auf Birkach erfolgte an den Standorten ein – kleinerer – Kirchenneubau oder, wie in Botnang, die Integration in die Hauptkirche St. Clemens. In der ebenfalls entwidmeten Filialkirche St. Stefan im Stuttgarter Westen war bis vor kurzem eine Buchhandlung untergebracht. St. Bonifatius in Steinhaldenfeld wurde der bulgarisch-orthodoxen Gemeinde überlassen, St. Paulus in Rohracker der Chaldäische Gemeinde; die Diözese kommt dort weiter für die Kosten auf.

Evangelische Kirche
Anfang dieses Jahres wurde die Dachswaldkirche der Thomaskirchengemeinde profanisiert. Evangelisch-Methodistische Kirche
2013 wurde die zuvor schon nicht mehr genutzte Auferstehungskirche der Evangelisch-Methodistischen Kirche an der Sophienstraße abgerissen. red

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