Stuttgarter Musikszene
: In der Altstadt eröffnet eine neue Bühne für Live-Bands

Hinter der Fassade einer Shisha-Bar versteckt sich Stuttgarts neue Live-Bühne: Eine neue Attraktion für die Altstadt startet am Samstag mit den SoapGirls. Wer steckt dahinter?
Von
Uwe Bogen
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Am Samstag findet das Aufwärm-Konzert in dieser neuen Live-Location an der Esslinger Straße statt: Die SoapGirls spielen rebellischen Glamrock.

Marcus Gwiasda

Es ist eine dieser typischen Stuttgarter Geschichten: Einer läuft jahrelang an einer Tür vorbei, hinter der sich viel mehr verbirgt, als man denkt. Thorsten Schulz, Veranstalter, umtriebiger Möglichmacher, ging unzählige Male an der Shisha-Bar an der Esslinger Straße unweit des Züblin-Parkhauses vorbei – und wunderte sich nie groß. Bis er eines Tages doch einmal hineinschaute. Und plötzlich ging alles ganz schnell.

Hinter der schwarz gehaltenen Fassade, die eher an lange Nächte als an laute Gitarren erinnert, tat sich ein Raum auf, der sofort Bühnenfantasie weckte: Platz für etwa 100 Menschen, eine Atmosphäre wie gemacht für Livemusik. „Ich hab den Raum gesehen und wusste sofort, das ist es“, sagt Schulz, der als Inhaber von Rockhaus-Creative-Industries in Remseck (Kreis Ludwigsburg) seit vielen Jahren Bands betreut und ihnen Proberäume vermittelt.

Bevor die neue Bühne – sie heißt so wie die Adresse: Esslinger Straße 2 – offiziell am 31. Oktober startet, gibt es an diesem Samstag (Einlass 20 Uhr, Beginn 21 Uhr) einen explosiven Vorgeschmack: The SoapGirls dürfen als erste Band überhaupt die neue Live-Location in der Altstadt unweit des Züblin-Parkhauses testen – ein Einstand, der es in sich hat. Karten gibt es im Netz.

The SoapGirls erobern Stuttgart mit rebellischem Glamrock

Die aus Südafrika stammenden Schwestern Mille und Mie Debray alias The SoapGirls sind dafür bekannt, jede Bühne im Sturm zu erobern. Mit einer Mischung aus punkangehauchtem Glamrock, provokantem Charme und kompromissloser Energie reißen sie das Publikum mit. Auf ihrer „Wild at Heart“-Tour machen sie nun Halt im Kessel. Die Band steht für eine moderne Form des Feminismus: rebellisch, selbstbestimmt und mit frechem Girl-Riot-Geist.

Im Climax oder in Gabys Gruft haben die SoapGirls bereits gespielt, diesmal steuern sie also ein sehr zentrales Viertel der Stadt an, „in dem man sich um jede Stunde mehr oder weniger Party streitet, in dem Axl Rose sich nach seinem Zahnarztbesuch in Stuttgart einen hinters Stirnband kippt und das so unfertig und gewachsen ist, dass selbst die IBA 27 zwischenzeitlich die Finger davonlässt“, wie Thorsten Schulz sagt.

Lärmschutz soll Zukunft der neuen Live-Bühne sichern

Fehlende Live-Bühnen sind in Stuttgart ein Dauerproblem, vor allem in der Innenstadt. Die Uhu-Bar etwa hat sich wegen Lärmklagen von Nachbarn von Live-Konzerten verabschiedet. Wie sieht es mit dem Lärm bei der neuen Bühne aus? „Wir haben umfangreiche Tests gemacht und den Raum so stark gedämmt, dass niemand gestört wird“, sagt Schulz.

Hier geht es künftig zur Live-Bühne Esslinger Straße 2 hinein.

Foto: ubo

Betrieben wird der Live-Bereich vom Rockhaus-Team, während der Gastro-Teil beim bisherigen Betreiber Samo, einem Rapper, bleibt. Die Macher suchen bereits nach Bands, die in der neuen Location spielen wollen – egal ob Rock, Pop, HipHop, Metal, Folk oder Klassik. Auch DJs für Aftershowpartys werden gesucht. Die Rahmenbedingungen klingen nach fairer Szene-Kooperation: gerechte Gage, Technik, Verpflegung, Werbung, auf Wunsch sogar Übernachtung. Proben können die Künstlerinnen und Künstler im nahe gelegenen Übehaus, in dem mobilen Proberaum. Newcomer sind ausdrücklich willkommen.

Junges Team belebt Stuttgarts Musikszene mit frischem Wind

Hinter der „Esslinger Straße 2“ steht ein engagiertes Team, das frischen Wind in die Stuttgarter Livemusikszene bringen will. Neben Schulz wirken unter anderem DNAS alias Dennis Schulz mit – der 20-jährige HipHop-Künstler und Eventmanager zeichnete sich 2021 verantwortlich für das Übehaus-music-vibes- Festival auf dem Wilhelmsplatz, das er spontan übernahm, nachdem der Hauptorganisator an Corona erkrankt war.

Dazu kommt Marcus Gwiasda, bisher vor allem als Fotograf und bildender Künstler bekannt, der aber auch tief in der europäischen Undergroundmusikszene verwurzelt und als Caster und Koordinator bei Events sowie im Bereich Künstlervermittlung tätig ist.

„Wir umzingeln das Züblin-Parkhaus“

„Wir umzingeln das Züblin-Parkhaus“, sagt Schulz augenzwinkernd. Ganz in der Nähe liegt auch das Übehaus, für das er veranwortlich ist. Für ihn ist das Ganze Teil einer größeren Vision: Das Viertel rund um die Esslinger Straße, das Bohnen- und Leonhardsviertel, soll an das historische Vorbild anknüpfen und sich zur „Esslinger Vorstadt“ entwickeln – einem lebendigen Musik- und Kulturquartier mitten in der Stadt.

Die Akteure wollen mit ihrer offenen Bühne dem Clubsterben in Stuttgart etwas entgegensetzen. „Wir möchten Vielfalt, Demokratie und Toleranz fördern – und gleichzeitig rassistischen, sexistischen und homophoben Tendenzen keinen Platz bieten“, sagt Schulz.

StZ Kompakt - Der Morgen
Montag - Sonntag um 6.00 Uhr
Starten Sie mit den wichtigsten Themen aus Stuttgarter Sicht in den Tag und erhalten Sie sonntags die besten Geschichten der Woche.