Stuttgarter Papa in Elternzeit: „Ich frage mich oft: Kommen eigentlich noch andere Väter?“

Unser Autor Florian Gann hätte es sich leichter vorgestellt, in der Elternzeit andere Papas kennenzulernen.
privatAls Vater in Elternzeit erlebt man etwa solche Dinge: In eine Whatsapp-Gruppe konnte ich nicht aufgenommen werden, weil dort gerade die Rückkehr der Menstruation besprochen wurde. Bei einem offenen Kinder-Singtreff bin ich unter zehn Elternteilen der einzige Papa. Als mir bei der Kinderärztin nicht einfällt, welche Impfung mein Kind zuletzt bekommen hat, rät man mir, meine Partnerin zu fragen. Viele Ratgeberbücher für Kinder sprechen nur Mütter an. Die Väter: Unsichtbar, abwesend, höchstens mitgemeint.
Ich gehöre als Mann jetzt zu einer Minderheit. Während in der Arbeitswelt Führungsposten klar mehrheitlich von Männern besetzt sind, tritt man in der Elternzeit in eine Sphäre ein, die weitgehend frei von Männern ist. Babytreffs, Spielrunden, Musikstunde: Bei allem vor Feierabendzeit frage ich mich: Kommt da noch ein anderer Vater? Oft bleibe ich der einzige, der Quotenmann.
Bloß nicht das Klischee des planlosen Papas erfüllen
Und wenn ich doch mal einen anderen Vater treffe, ist seine Elternzeit auch schon fast wieder rum: Laut einer Bertelsmann-Studie nehmen Väter durchschnittlich 2,8 Monate Elternzeit. Diese Zahl ändert sich seit Jahren auch kaum, mit meinen neun Monaten – gleich viel wie meine Partnerin - bin ich immer noch eine Ausnahme. Das Ergebnis: Ich weiß jetzt wahrscheinlich mehr über schmerzende Brustwarzen und Geburtsverletzungen als über die Herausforderungen anderer Väter in Elternzeit.
Anfangs betrete ich diese Baby-Räume sehr vorsichtig: Nett lächeln, aber nicht zu viel, um nicht aufdringlich oder irre zu wirken. Wenig reden, mehr darauf achten, dass mein Kind das Treffen ohne Heulanfälle übersteht, bei denen ich verkrampft nach dem richtigen Beruhigungsmittel suche. Denn, wie peinlich wäre das denn: Der Vater, der nicht kapiert, was sein Kind braucht, alle Klischees sofort erfüllt. Ist mir zumindest am Anfang der Elternzeit auch alles passiert.

Unser Autor ist fest entschlossen, vor Ende seiner Elternzeit einen Vätertreff zu finden, bei dem auch die Kinder dabei sind.
Foto: privatDoch schnell stellt sich heraus: Die Mütter bei diesen Treffen sind wirklich nett zu mir. Sie lassen mich in der Regel nicht spüren, dass ich die Minderheit bin, interessieren sich für meine Elternzeit-Erlebnisse, fragen nach, hören zu. Viele Themen teilen wir ohnehin: Babyschlaf, der schwer durchschaubar ist; Essen, das oft in Chaos ausartet.
Aber es bleibt ein Unterschied: Ich habe die irren Gefühle und großen Schmerzen der Geburt und des Stillens nicht erlebt. Und Mütter wissen wahrscheinlich nicht, wie es ist, um einen Tagesrhythmus zu kämpfen, wenn das Stillen wegfällt. Oder wie es sich anfühlt, wenn dein Kind abends unbedingt zur Mama will, obwohl du dich den ganzen Tag für erstklassiges Unterhaltungsprogramm ins Zeug gelegt hast. Man kann zuhören, aber was man nicht erlebt hat, kann man nur zum Teil verstehen.
Deswegen gibt es eigentlich Vätertreffs. Einmal wollte ich zu einem hingehen. Der Termin, den ich mir notiert hatte, sollte immer am selben Wochentag nachmittags in einem Stuttgarter Familienzentrum stattfinden. Als ich vor Ort nach den Vätern frage, erklärt mir eine Angestellte, die würden sich jetzt um 20 Uhr treffen. Sie sagt: „Die wollen lieber unter sich sein“, also ohne Kinder. Das klang für mich nach Stammtisch.
Väter führen auch in Fachbüchern ein Schattendasein
Auch anderswo sind Männer oft auf merkwürdige Weise abwesend. In vielen Artikeln und Büchern zu Bonding und Babyschlaf, zu Erkältungen und Abstillen stehen Sätze wie: „Bei Mama fühlt sich der Kleine gleich viel wohler.“ Dass Väter enge Bezugspersonen sein können, kommt offenbar nicht infrage. Ein weiteres Beispiel: In der Infobroschüre einer Kita ist nur von Pädagoginnen die Rede, obwohl dort auch männliche Erzieher arbeiten.
Natürlich ist jede Aufteilung der Fürsorgearbeit okay, wenn sich beide Partner einig sind. Aber dass Väter in diesen Beiträgen häufig unsichtbar sind, trägt nicht unbedingt dazu bei, dass sie sich für den Alltag mit Kindern verantwortlich sehen. Und wer doch Zeit mit seinem Kind verbringt, fühlt sich übersehen.
Zur Wahrheit gehört natürlich auch: Es gibt sie, die anderen Väter, die mehr als zwei Monate Elternzeit machen. Wenn ich einen treffe, werden oft Nummern ausgetauscht. Zwei befreundete Papas versuche ich zudem gerade zu überreden, zu einem Vätertreff mit Kindern zu gehen, die langsam mehr werden. Vielleicht wird so aus einer Ausnahme doch irgendwann etwas Selbstverständliches.
Der Autor
Florian Gann
(42) ist Reporter im Team Familie, Zusammenleben und Bildung unserer Redaktion und wurde im Februar 2025 Vater. Seit Ende November ist er in Elternzeit. Er wird in mehreren Artikeln erzählen, wie viele seiner Erwartungen der Realität standhalten. Er lebt mit Freundin und Sohn in Stuttgart