Stuttgarts Busfahrer des Jahres
: „Ich habe Hilfeschreie gehört“ – Busfahrer rettet gestürzten Rollstuhlfahrer

Süleyman Mutlu ist als „Busfahrer des Jahres 2025“ ausgezeichnet worden. Der 42-Jährige hat im Februar einem Rollstuhlfahrer, der in Echterdingen umgekippt war, ohne zu zögern geholfen.
Von
Sebastian Steegmüller
Stuttgart

Süleyman Mutlu

Sebastian Steegmüller

Mitten in der Nacht, bei leichtem Schneefall und Temperaturen um den Gefrierpunkt steuert Süleyman Mutlu in seinem Linienbus auf eine Kreuzung zu. Als er einen Mann entdeckt, der mit seinem elektrischen Rollstuhl umgekippt ist, zögert er keine Sekunde. Warnblinklicht an, Tür auf und ab zu dem Hilfsbedürftigen, der auf einem Zebrastreifen liegt. Er zieht den Mann von der Straße, wenig später setzt er ihn mit drei jungen Fahrgästen zurück in den bereits aufgerichteten Rollstuhl. Anschließend stoppt der 42-Jährige noch eine Polizeistreife, die sich um den Leichtverletzten kümmert. Die Beamten bringen den Rollstuhlfahrer in sein Pflegeheim, Mutlu setzt seine Fahrt fort.

Mit Muffensausen zum Chef ins Büro

Der Vorfall hat sich bereits Mitte Februar in Echterdingen ereignet, am Montagnachmittag ist Mutlu wegen seines couragierten Einsatzes vom Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) zum „Busfahrer des Jahres 2025“ der Landeshauptstadt ernannt worden. Für den 42-Jährigen, der auf den Linien 65, 70, 72, 74, 76, 77, X4 und X7 unterwegs ist, kam die Auszeichnung überraschend. Schließlich sei es selbstverständlich gewesen, dem Mann zu helfen. „Ich habe Hilfeschreie gehört und bin zu ihm hin.“ Sein Vorgehensweise sei so „normal“ gewesen, dass er im Anschluss auch seinen Vorgesetzten am Betriebshof in Sielmingen nicht davon in Kenntnis gesetzt habe. „Ich hatte mit dem Thema eigentlich abgeschlossen“, so Mutlu. Als er zwei bis drei Wochen später ins Büro seines Chefs gerufen worden sei, habe er sogar kurz Muffensausen gehabt. „Ich dachte, was kommt jetzt.“ Der lange Brief, der auf dem Tisch lag, habe sich jedoch nicht als Beschwerde entpuppt, sondern als Dankschreiben.

Stolz zeigt Süleyman Mutlu seinen Wimpel.

Foto: Sebastian Steegmüller

Der Titel „Busfahrer des Jahres“ wird seit 2004 verliehen. Online können persönliche Nominierungen eingereicht werden. Eine Jury, bestehend aus Vertretern der VVS, der fünf Verbundslandkreise und der regionalen Busunternehmen, wählt dann die Gewinner aus. Dass Süleyman Mutlu die Auszeichnung verdient hat, daran hatte bei der Preisvergabe niemand Zweifel. „Er bringt nicht nur Fahrgäste sicher ans Ziel, sondern hat auch in einer schwierigen Situation Zivilcourage gezeigt“, sagte VVS-Geschäftsführer Jan Neidhardt. „Diese Haltung verdient nicht nur Anerkennung, sondern auch tiefen Respekt.“

Auch Thomas Moser, technischer Vorstand der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB), war voll des Lobes für seinen Angestellten. „Er hat vorbildlich und geistesgegenwärtig gehandelt. Ich habe großen Respekt vor ihm und seinen knapp 800 Kolleginnen und Kollegen, die täglich die Verantwortung für Fahrgäste, Fahrzeuge und Verkehrsteilnehmer übernehmen. Sie arbeiten alleine in den Bussen im anspruchsvollen Verkehrsgeschehen der Landeshauptstadt und zeigen dabei große Professionalität.“ Natürlich gibt es auch negative Ereignisse, aber die Zahl der Beschwerden ist gering. Thomas Moser betont: „Die Mehrzahl macht ihren Job sehr gut. Busfahrer fallen nicht auf, wenn sie ihr Geschäft richtig machen.“

Nachwuchssorgen bei SSB und VVS

Neidhardt fügte an, dass die Busfahrer das Aushängeschild des Verkehrs- und Tarifverbunds seien. „Sie vertreten den ÖPNV in der Region Stuttgart und sind unser Kontakt zum Fahrgast.“ Gemeinsam mit der SSB-Personalvorständin Annette Schwarz betrieb er zudem Werbung für den Beruf des Busfahrers. Dabei machten sie keinen Hehl aus den Nachwuchsproblemen. Der VVS-Geschäftsführer betont, dass sie den Betrieb aufrecht erhalten können, aber froh um jeden Neuzugang sind. „Wir haben bei der SSB und im regionalen Bereich gute Angebote für Leute, die den Job aufnehmen wollen, und bieten eine faire Bezahlung und gute Zukunftsperspektive.“

Mutlu wechselte 2019 vom Flughafen Stuttgart zur SSB und ist seither als Busfahrer im Einsatz. Probleme mit unhöflichen Fahrgästen habe er selten. „Ich weiß nicht, ob es am Fahrer liegt, aber bei mir ist die Atmosphäre im Bus recht entspannt. Gott sei dank hatte ich bislang keine Probleme.“ Generell sei es bei ihm meist ruhig und leise. Und das, obwohl sein Fahrzeug oftmals sehr voll sei. „Der 74er von und nach Nürtingen zum Beispiel. Auch am Bahnhof Bernhausen ist oft viel los. Mit ein bisschen Fingerspitzengefühl klappt das aber.“ Einmal habe er in seinem Bus einen Zettel gefunden. „Darauf hat sich jemand für meine freundliche und fürsorgliche Art bedankt. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen und versuche, einen guten Draht zu meinen Fahrgästen aufzubauen, von jung bis alt.“ Den einen oder anderen Pendler kenne er von seinen täglichen Touren. „Es sind mittlerweile einige bekannte Gesichter dabei.“

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