Stuttgarts Tagblatt-Turm: Monument der freien Presse

Heute noch ein markanter Blickfang im Stadtbild: der Stuttgarter Tagblatt-Turm.
Lichtgut/Leif PiechowskiAls der Zweite Weltkrieg endet, ist Stuttgart eine Ruinenlandschaft. Bei 53 Luftangriffen britischer und amerikanischer Bomber werden mehr als die Hälfte der Gebäude in der Stadt zerstört oder beschädigt. Auch die Presselandschaft liegt in Scherben. Die Nazi-Herrschaft und der Krieg hätten „einen Zeitungsfriedhof hinterlassen“, berichtet der Journalist Helmut Cron in seiner „Stuttgarter Zeitungs-Chronik 1945“. Er dient den alliierten Besatzungsmächten als Vertrauensmann in Pressefragen und hat die Wiedergeburt unabhängiger Medien mit eingefädelt.
Aus dem „Zeitungsfriedhof“, von dem Cron schreibt, ragt ein Bauwerk hervor, das einst als Monument einer Blütezeit der freien Presse entstanden war: der Tagblatt-Turm, bis heute ein Wahrzeichen Stuttgarts. Seinen Namen hat er vom „Stuttgarter Neuen Tagblatt“, das dort seinen Sitz hatte. 1843 gegründet, war es zur Weimarer Zeit mit einer Auflage von 70 000 Exemplaren eine der größten Zeitungen Süddeutschlands – wurde 1933 jedoch gleichgeschaltet, 1943 dem Stuttgarter „NS-Kurier“ unterstellt.
Dessen Verleger, Alfred Gutbrod, muss im Frühjahr 1945 fliehen, als französische und amerikanische Truppen anrücken. Bevor er das Weite sucht, lässt er ein Zahnrad aus der im Turmhaus stehenden Rotationsmaschine ausbauen und nimmt es mit. Damit will er verhindern, dass dort anderes als Hetzparolen und Propagandaphrasen gedruckt werden. Doch die hinterhältige Sabotage misslingt. Nach sechs Wochen ist die Druckmaschine repariert. Ein halbes Jahr müssen die Stuttgarter allerdings ohne Zeitung auskommen.
Während der Weimarer Republik war Stuttgart eine florierende Zeitungsstadt. Elf selbstständige Blätter erscheinen hier, weitere zehn in den Vororten. Das „Stuttgarter Neue Tagblatt“ wird sogar zweimal täglich ausgeliefert: eine Morgen- und eine Abendausgabe. Das Blatt steht der liberalen Deutschen Demokratischen Partei nahe, der auch der spätere Bundespräsident Theodor Heuss angehört. In den 1920er Jahren wird es von dem Unternehmer Robert Bosch aufgekauft, „um es vor dem Zugriff des rechtsorientierten Industriellen Hugo Stinnes zu retten“, wie der „Spiegel“ später mit Bezug auf den Bosch-Biografen Heuss schreibt.
Nörgelei, Neid und politische Missgunst
In dieser Zeit entstehen Pläne für einen markanten Redaktionsneubau mitten in der Stadt. Mit dem Projekt wird Ernst Otto Osswald beauftragt, der Sohn eines Bauarbeiters aus dem Stuttgarter Westen, gelernter Steinmetz, später Architekt im Büro von Theodor Fischer und auch am Entstehen des Kunstgebäudes neben dem Neuen Schloss beteiligt. Ideenskizzen für das Zeitungsdomizil gibt es auch von Paul Bonatz, dem Planer des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Sie sind weit rustikaler als Osswalds Entwurf, der sich über das strenge Regelwerk der Ortsbausatzung hinwegsetzt, die nur Häuser von allenfalls 20 Metern Höhe und fünf Stockwerken erlaubt.
Im März 1926 reicht Osswald das erste Baugesuch ein. Am 5. November 1928 wird der Tagblatt-Turm eröffnet: 15 Geschosse, 61 Meter hoch. Es ist das erste in Sichtbeton ausgeführte Hochhaus der Welt. Doch an dem Pionierbau scheiden sich die Geister. Die „Schwäbische Tagwacht“, ein sozialdemokratisches Blatt, sieht „das Stuttgarter Stadtbild verhunzt“. Andere rügen den „Hochhausgeist“, der „zum Amerikanismus und schließlich zum Babylonismus“ führe. Dem Projekt sei „viel Kleingeist, Nörgelei und Eifersucht, Neid und politische Missgunst“ entgegengeschlagen, erinnert sich später Carl Esser, Verleger des „Tagblatts“.
„Modern, aber nicht modisch“
Andere würdigen den Bau als „konstruktivistische Meisterleistung“. Er sei „modern, aber nicht modisch“, so der zeitgenössische Architekturkritiker Heinrich de Fries: „Was am Tagblatt-Turm vor allem bestrickt, das sind die Tugenden der Anständigkeit seiner Haltung, der Schlichtheit der künstlerischen Mittel und einer fast idealen Unaufdringlichkeit.“ Für den Architekten Ernst Otto Osswald kommt in dem Turmbau auch „die Bedeutung der Presse im heutigen Staats- und Wirtschaftsleben“ zum Ausdruck. Er hält ihn für eine „kühne Bereicherung des Stadt- und Straßenbildes“. Osswald versteht sein Werk als „angemessenes Sinnbild sowohl für das Emporstreben der Großstadt Stuttgart als auch für den Aufstieg“ der Zeitung, die dort ihr Domizil bezieht.
Modern ist nicht nur die grazile Silhouette des Turmbaus. Zur Haustechnik gehört von Anfang an eine Rundfunkantenne, mit der die Redaktion aktuelle Meldungen aus der Welt der 1920er Jahre empfangen kann. Briefe werden durch einen Postschacht befördert. Ein zweiter Schacht ist Abfällen vorbehalten. Ein Expressaufzug führt zu den Konferenzsälen in die oberen Etagen.
„Das Gefühl von Weiträumigkeit, Freiheit und Luft“
Wie durch ein Wunder bleibt der Turm im Krieg unzerstört. Eine der letzten Bomben, die auf die Stadt niedergehen, landet im Aufzugsschacht, richtet aber keinen Schaden an: Es ist ein Blindgänger. Als Stuttgart besetzt wird, requirieren die Amerikaner den Tagblatt-Turm. „In einem Hinterstübchen“, so der Zeitzeuge Helmut Cron, richtet John H. Boxer, Presseoffizier der US-Truppen, sein Quartier ein. Ihm und dem Bemühen Crons ist es auch zu verdanken, dass dort rasch wieder Journalisten einziehen können.
Boxer erfindet auch einen Namen für das Blatt, das vom 17. September 1945 an aus der württembergischen Hauptstadt über die in jenen Monaten höchst unruhigen Zeiten berichten darf: „Stuttgarter Zeitung“ soll es heißen – und heißt so bis heute.
1946 wird auch wieder ein Weihnachtsbaum auf den Tagblatt-Turm gehievt, „ein Riese von 16 Metern Länge aus dem Rotwildpark“, wie in der StZ zu lesen war. Die Redakteure fahren bis zum Umzug ins neue Pressehaus auf den Fildern 1976 mit dem Paternoster in ihre Büros. Aus deren Fenstern haben sie einen Blick über die Stadt, von dem der Architekt Osswald sich erhofft hatte, „dass das Gefühl von Weiträumigkeit, Freiheit und Luft überall Platz greift“.
