Thomas D. über den Tsunami 2004: „Das Wasser nimmt dich einfach mit“

35 Jahre macht Thomas D. HipHop. Jetzt gibt es einen ausführlichen Doku-Podcast über die Geschichte der Fantastischen Vier.
IMAGO/Eibner/IMAGO/Eibner-Pressefoto/Thomas HessWofür stehen die Fantastischen Vier? HipHop-Pioniere aus Stuttgart, zusammen seit 35 Jahren, machen Rap, der die Laune heben soll. Dass es in der Bandgeschichte aber auch Krisen gab, darüber sprechen Thomas D., Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon im vierten Teil des Podcasts „Fanta Vier Forever, Baby!?!“.
Sehr persönlich erzählen die vier Fantas Nils Dampz und Felix Leibelt, die für den sechsteiligen Doku-Podcast des SWR ausführliche Interviews mit allen vier Bandmitgliedern und dem Manager Andreas „Bär“ Läsker geführt haben, von den Momenten, die schwierig waren, in denen die Chemie in der HipHop-Kombo nicht mehr stimmte.
Das Jahr 2004, so sehen die Fantas es rückblickend, war eine schwierige Zeit für sie alle. Zwischen den Vieren gab es Spannungen. „Die Band hat Höhen und Tiefen gemeinsam durchschritten“, resümiert Thomas D. „Und es gab Momente – und die waren nicht knapp – wo wir uns überlegt haben, ob das alles noch Sinn macht und wie es weitergeht.“
Und doch: Die Fantas, da sind sie sich alle einig, sind mehr als Bandkollegen. Wie in einer „alten Ehe“ sei es bei ihnen, sagt And.Ypsilon. Und dann kommt der 57-Jährige auf den Moment zu sprechen, als er sich Thomas D. besonders verbunden gefühlt hat: 2004, als der heute 55-jährige Thomas Dürr im Urlaub in Thailand den verheerenden Tsunami überlebte, der insgesamt fast 250.000 Menschen das Leben kostete. Erst hätten sie nichts gehört von ihrem Bandkollegen, aber er, sagt And.Ypsilon, habe die „innere Gewissheit“ gehabt, „dass er lebt und dass es ihm gut geht“.
Thomas D., seine Frau und seine Tochter überlebten den Tsunami
Thomas D. spricht selten über diesen Tag. In dieser Podcast-Folge schildert er den 26. Dezember 2004 aber mit großer Eindringlichkeit. Damals ist er mit seiner Frau Tina und der anderthalbjährigen Tochter Lya im Urlaub. Eine Bungalowanlage in Khao Lak an der Andamanensee, direkt am Strand, die pure Erholung soll es sein. An diesem Morgen des Zweiten Weihnachtsfeiertags seien sie gerade vom Frühstück zurück gewesen. „Du hörst Wind, ein Rauschen, Wasser, Möwen“, erinnert er sich. Doch dann habe er realisiert, dass das gar keine Möwen sind, sondern Schreie. Als er aus dem Fenster schaut, sieht er „rennende Menschen und die rennen um ihr Leben“. Als er die Tür öffnet, sei da „eine Mauer aus Wasser“ gewesen, „eine Wand stand da im Bild“. Er schnappt sich seine Tochter, ruft seiner Frau nur ein Wort zu – „Raus!“ – und rennt auch. Zusammen mit vielen anderen Menschen drängt er sich mit Frau und Tochter rund um einen Springbrunnen, der etwas erhöht liegt. „Wir stehen da und wissen nicht, was los ist.“

In Khao Lak hinterließ der Tsunami von 2004 eine Spur der Verwüstung.
Foto: Imago//ANDERSSON ROBBANIm Nachhinein, sagt Thomas D. in dem Podcast, habe er verstanden, dass dieser erhöhte Punkt dafür sorgt, dass sie von der ersten Wucht der Welle nicht getroffen werden. Er sei dann mit seiner Familie weg von der Küste gerannt. Schnell ist „überall Wasser“, erst bis zu den Waden, dann bis über die Oberschenkel. „Ab da hast du keine Chance (...), das Wasser nimmt dich einfach mit.“ Das einzige, was ihm dann noch übrig geblieben sei, sei „aufzupassen, dass du nicht von einem Auto, von einem Laternenmast erschlagen oder erdrückt oder runtergezogen wirst“. Seine Frau wird von einer Kabeltrommel erfasst, er kann ihr nicht helfen. „Das war der Moment, wo ich dachte, meine Frau ist dort gestorben.“
Viereinhalb Kilometer weit, so hat er es später rekonstruiert, wird Thomas D. mit Lya im Arm ins Landesinnere gespült. „Ich dachte schon, das kann’s jetzt gewesen sein.“ Er beginnt, so schildert er es, mit dem Schicksal zu verhandeln: Es sei noch nicht an der Zeit abzutreten. „Ich bin Schwabe, ich zahl doch nicht dafür, in meinem eigenen Urlaub...“ Und dann kommt ihm dieser Gedanke: „Wenn meine Zeit noch nicht gekommen ist, dann tauche ich jetzt auf.“ Er taucht tatsächlich auf, in diesem Moment treibt eine Luftmatratze vorbei, Thomas D. wirft Lya darauf. Es ist die Rettung. Um seiner anderthalbjährigen Tochter zu erklären, was gerade mit ihnen passiert ist, sagt er: „Das war ein großer Bumm.“ Am Ende findet er seine Frau wieder – von der er glaubte, sie sei tot. Sie überlebt, indem sie – mit gebrochenen Rippen – auf eine Palme klettert. „Das, meine Damen und Herren“, sagt Thomas D., „ist Wunder Nummer zwei.“
Insgesamt kamen an diesem Tag in 14 Ländern fast eine Viertelmillion Menschen um, darunter 539 Deutsche, die vor allem in den Feriendestinationen Thailand und Sri Lanka Urlaub machten. Dass er lange nicht öffentlich über das Erlebte sprach, sagt Thomas D. am Ende, habe auch mit einem ganz bestimmten Gefühl zu tun: „Du hältst jetzt mal schön den Mund“, habe er sich selbst gesagt. „Dein Schicksal ist nicht so besonders, dass du jetzt rauskehren müsstest, dass du überlebt hast.“
