Trauer um George Turner
: Ein menschenfreundlicher Modernisierer

Der Name George Turner ist mit Stuttgart engstens verbunden. Er war der jüngste Präsident der Universität Hohenheim und galt als einer der prägenden Erneuerer des Hochschulwesens in Deutschland. Jetzt ist er in Berlin verstorben.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
George Turner (1935 - 2026)

George Turner (1935 - 2026)

David von Becker
  • George Turner starb in Berlin im Alter von 91 Jahren und fast sechs Monaten.
  • Er war jüngster Präsident der Uni Hohenheim und prägte Hochschulreformen in Deutschland.
  • Als Berliner Senator gründete er die Akademie der Wissenschaften und förderte Effizienz.
  • Flucht-Erfahrung prägte ihn – er engagierte sich lebenslang für Flüchtlinge.
  • Bis zuletzt schrieb er Kolumnen und blieb der Wissenschaft publizistisch verbunden.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

91 Jahre und fast sechs Monate – das ist ein langes Menschenleben. Das sind eine Fülle von biografischen Daten, von Stationen, Ereignissen und Anlässen. Bei George Turner sind es besonders viele. So viele, dass es die Buchform braucht, um diesem Leben in der Darstellung gebührend Platz zu geben. Und es sind ja nicht nur die Daten und beruflichen Stationen und Leistungen, die Veröffentlichungen und sonstigen Tätigkeiten, die berücksichtigt werden wollen und das Bild eines Menschen ausmachen. Es kommt noch so vieles andere hinzu: die Familie, die Eigenschaften und Eigenarten, die Stärken, die Schwächen und der in seinem Fall reichlich vorhandene Humor.

Kurzum: Es ist nicht möglich, auf wenigen Zeilen das Bild eines Menschen wie George Turner zu zeichnen oder besser nachzuzeichnen, denn der am 28. Mai 1935 in Insterburg in Ostpreußen geborene, langjährige frühere Präsident der Universität Hohenheim, Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, Berliner Senator für Wissenschaft und Bildung, Berater, Buchautor und Kolumnist ist am Montag in seiner Wohnung in Berlin hochbetagt verstorben. Sebastian Turner, einer seiner drei Söhne, gab die Nachricht am Dienstag bekannt.

Vor eineinhalb Jahren, anlässlich des 90. Geburtstags seines Vaters, hatte Sebastian Turner mit seinen Brüdern Nikolaus und Cornelius und ihren Kindern eine kleine Festschrift herausgegeben, die eine Würdigung der Lebensleistung des Familienoberhaupts enthielt. Darin beschrieb der namhafte Sozial- und Wirtschaftshistoriker Jürgen Kocka den Werdegang von George Turner, mit dem er die Erfahrung von Flucht und Vertreibung teilte.

Die Beschreibung war keine rückwärtsgewandte, sondern – kennzeichnend für George Turners –, eine, die in die Zukunft wies. „Sie haben – vom Bauernjungen aus dem hintersten Ostpreußen bis zum Chef einer Universität im bald global erfolgreichen Industrieland Baden-Württemberg und zum Berliner Senator – den Wandel von der Agrar- über die Industrie- zur Wissensgesellschaft gespiegelt und mitgestaltet“, schrieb Kocka. Turner habe gezeigt, wie Flucht und Vertreibung neben Leid und Not auch Chancen enthalten und Energien freisetzen könnten, „die zur Bereicherung und zum Wohl der aufnehmenden Gesellschaft ausschlagen“.

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Diese von der Flucht geprägte Kindheitserfahrung, die George Turner in dem Buch „Die Heimat nehmen wir mit“ verarbeitete, wirkte auch in anderer Hinsicht prägend. Sein Sohn Sebastian berichtet von einem „lebenslangen Engagement für Flüchtlinge (zuletzt für Flüchtlinge aus der Ukraine) und Menschen mit einfachem Hintergrund.“

Jüngster Hochschul-Präsident

Ihn selbst drängte es von Jugend an zur Universität. Nach dem Abitur am Herzog-Ernst-Gymnasium in Uelzen studierte Turner in Göttingen, München und Würzburg Rechtswissenschaften mit den Schwerpunkten Berg-, Agrar- und Umweltrecht. An die Promotion schloss sich ab 1963 eine Assistenten- und Dozententätigkeit an der TU Clausthal an, wo er sich 1966 habilitierte. Vier Jahre später wurde er im zarten Professorenalter von 34 Jahren zum ersten Präsidenten der Universität Hohenheim gewählt; er war der jüngste in Deutschland.

Tag der offenen Tür 2025 Universität Hohenheim

Die Universität Hohenheim - langjährige Wirkungsstätte von George Turner.

Florian Gerlach

Sein Antrittsbesuch dort muss einen starken Eindruck hinterlassen haben. Jürgen Kocka erinnerte bei Turners 90. Geburtstag an folgende Anekdote: „In Hohenheim war nicht unbekannt geblieben, dass Sie zuvor in Clausthal als rechte Hand des dortigen Rektors studentische Rebellen und akademische Regeln zu versöhnen verstanden hatten. In der Zeit nach 1969 war es nicht völlig unüblich, dass ein Professor von Studenten mit Tomaten beworfen wurde. So geschah es auch Ihnen, bei Ihrer Bewerbungsrede. Sie waren aber als Torwart gut trainiert. Ihr Reflex und Ihre Kaltblütigkeit reichten aus, um eine Tomate mitten im Vortrag sicher zu fangen und ungerührt auf dem Pult abzulegen. Das beeindruckte manche möglicherweise noch mehr als Ihre inhaltlichen Ausführungen.“

Sein Talent für Moderation und Mittelwege bei „gleichzeitiger Durchsetzung seiner Ziele“ (Kocka) zeigte sich auch im Umgang mit einem gewissen Winfried Kretschmann, der seinerzeit als Asta-Vorsitzender mit maoistischen Thesen durch Hohenheim irrlichterte. Damals galt der sogenannte Radikalenerlass; Kretschmann wäre die Lehrerlaufbahn verbaut gewesen. Als er später als Ministerpräsident seine Lehrerakte aufschlug, stellte er fest, dass Turner für ihn gebürgt hatte. Was wäre wohl sonst aus Kretschmann geworden? Turners Antwort: „Bundespräsident.“ Ein Beispiel für seinen trockenen Humor.

Turner unterzog der Uni eine Wirtschaftlichkeitsprüfung

Als Tuner 1970 nach Stuttgart kam, war Hohenheim – so beschrieb es seine sechs Jahre jüngere Frau Edda, die dort den legendären „Ernteball“ initiierte – „ein weitgehend verwahrlostes Schloss mit einem großen Misthaufen daneben“. Es war Zeit für Modernisierung. Und es war die Zeit für den Modernisierer George Turner. Die Erneuerung betraf nicht nur die Immobilie, sondern noch mehr die Hochschulverwaltung. Es folgten der Ausbau der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und der Kommunikationswissenschaften. Auf Turners Betreiben hin wurde Hohenheim als erste deutsche Universität einer Organisations- und Wirtschaftlichkeitsprüfung unterzogen.

Das Thema Erneuerung machte er zu seinem Lebensthema, bewies dabei jedoch immer Augenmaß und Realitätssinn. Bis heute gilt er als prägender Erneuerer des Hochschulwesens in Deutschland. Bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse erklärte Baden-Württembergs damaliger Wissenschaftsminister Klaus von Trotha: „George Turner erkannte viele Konfliktpotenziale in der Wissenschaftspolitik früh.“ Seine Thesen seien Grundlage wichtiger Hochschulreformen gewesen.

1986 folgte ein Wechsel in die Politik. Eberhard Diepgen, der Regierende Bürgermeister von Berlin, holte den parteilosen Hochschullehrer in seinen von CDU und FDP gebildeten Senat. Turner war dort für Wissenschaft und Forschung zuständig. In diese Zeit fallen die Gründung der West-Berliner Akademie der Wissenschaften und die Eröffnung des Sterling-Baus für das Wissenschaftszentrum  für Sozialforschung. Sein hartnäckiges Drängen auf größere Effizienz an den Hochschulen, gepaart mit seiner Kritik an deren Umgang mit Geld und Personal, war immer wieder auch Gegenstand von Kontroversen. Nach der Abwahl Diepgens 1989 kehrte er als Professor nach Hohenheim zurück, blieb Berlin jedoch durch eine Gastprofessur an der Ost-Berliner Humboldt-Universität verbunden.

Bis zuletzt war er geistig auf Höhe der Zeit

Im Jahr 2000 wurde Turner emeritiert, blieb jedoch vielfältig aktiv – vor allem publizistisch. Der Berliner „Tagesspiegel“ druckte seine langjährige Kolumne „Turners Thesen“, die um die Themen Bildung und Wissenschaft kreisten, Spitzenleistungen im Wissenschaftsbetrieb heraushoben und vor Nivellierungstendenzen warnten. Daneben war er ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Lennart-Bernadotte-Stiftung, der die Insel Mainau gehört. Enge Verbindungen, auch in beratender Hinsicht, unterhielt er mit der Familie von Holtzbrinck. Das Thema Wissenschaft beschäftigt auch zwei seiner Söhne: Nikolaus Turner ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Lindauer Nobelpreisträgertreffens; der Medienunternehmer und frühere Stuttgarter OB-Kandidat Sebastian Turner ist Gründer des Falling Walls Science Summit und der Berlin Science Week.

Der Abschied fällt der Familie schwer – seiner Frau Edda, den Söhnen und Enkeln. Auch wenn George Turner körperlich stark beeinträchtigt gewesen sei, so habe er das politische Geschehen von Berlin aus doch bis zuletzt verfolgt. „Die Lektüre seiner Stuttgarter Zeitung gehörte dazu“, sagt Sebastian Turner über seinen Vater. Einen Menschen, der Leben als Gestalten begriff.