Ukraine-Ausstellung in Stuttgart: Was der Krieg mit Kindern macht
„Woran glaubt Ihr? Was gibt Euch Halt? Mit welchen Orten identifiziert Ihr Euch?“ Zu diesen Fragen haben sich Schülerinnen und Schüler der westukrainischen Stadt Chmelnyzkyi Gedanken gemacht, mit der Stuttgart seit 2023 eine „Solidaritätspartnerschaft“ unterhält. Entstanden sind Texte und Fotos, in denen sich Angst, Hoffnung und Patriotismus widerspiegeln und denen zugleich jede jugendliche Leichtigkeit fehlt. Warum, das erklärt sich aus dem Ort ihrer Entstehung.
Auch wenn die Front weit entfernt im Osten liegt, ist der Krieg für die Kinder und Jugendlichen des Serjii-Yefremov-Gymnasiums in Chmelnyzkyi, wo aktuell rund 600 Schülerinnen und Schüler Deutsch lernen, stets präsent. Häufig gibt es Luftalarm. Bis zu sechs Mal am Tag müssen sie die Schutzräume aufsuchen. Das prägt die Gedanken und die Gesichter. Ernst blicken viele der Heranwachsenden auf den Fotos drein.
„Ich träume davon, dass in meiner Stadt kein Alarm ertönt“
30 dieser Aufnahmen sind von Freitagabend an in einer Ausstellung im Stuttgarter Rathaus zu sehen. Sie trägt den Titel „Woran wir glauben“ und handelt von den Gefühlswelten der befragten 14- bis 15-jährigen Jungen und Mädchen. So knapp die persönlichen Texte zu den Fotos auch gehalten sind – sie sprechen Bände. „Ich träume davon, dass in meiner Stadt kein Alarm ertönt, dass sich die Schüler unserer Schule nicht verstecken müssen und dass sich meine Eltern keine Sorgen um mich machen“, schreibt die 14-jährige Victoria Gudz zu einem Foto, auf dem zu sehen ist, wie Schüler einen Schutzraum aufsuchen. Viktoriia Mereka (16) erinnert sich „mit Wehmut an unsere festlichen Schulversammlungen, an den friedlichen Himmel über unseren Köpfen. Damals schien es so, als würde es immer so sein.“ Auf ihrem Foto ist die versammelte Schulgemeinschaft zu sehen – wie es einmal war.

Ariana Leivi, 12 Jahre, schreibt zu diesem Bild: „Meine Freundin und ich spielen Schach. Es hilft uns, ruhig zu bleiben.
Foto: redWas der anhaltende Krieg mit den Kindern macht, wird auch am Beispiel der 14-jährigen Amelia Hutsal deutlich: „Der Krieg verändert alles – das Vertraute, das Dauerhafte, sogar die Natur. Aber das Leben bleibt nicht stehen. Wir werden anders. Und vielleicht ist diese Fähigkeit, uns anzupassen unsere wahre Stärke.“ Ihr Foto zeigt einen weißen Reiher im Zentrum der Stadt: „Er ist gezwungen, hier zu leben, weil er durch die Explosionen des Krieges aus seiner Heimat vertrieben wurde“, schreibt Amelia.
Vom Krieg beherrscht sind auch die Zeilen von Oleksandra Yakivchuk (12): „Im Zentrum unserer Stadt ist der Schewtschenko-Park. Dort war es immer lustig und interessant, Zeit zu verbringen. Diese Kindheitserinnerungen wollen wir bewahren, da die Kindheit nur einmal im Leben ist. Kinder dürfen keinen Krieg sehen. Erwachsene, haltet ein.“ Dahinter hat das Mädchen drei Ausrufezeichen gesetzt.
Die 15-jährige Anastasiia trauert um ihren Vater
Die Fotos und Texte, die bis 4. April im Rathaus zu sehen sind, vermitteln einen beklemmenden Eindruck der Stadt, in der rund 270 000 Menschen leben, darunter auch Binnenflüchtlinge: „Die Hauptstraße ist die Proskuriwska-Straße“, schreibt der elfjährige Yaroslav Lyshchuk. „Früher war sie voller Lachen, Freude und festlicher Stimmung an Feiertagen, aber nach Kriegsbeginn war sie von Trauer und Schmerz erfüllt – heute hängen dort die Fotos der besten Söhne von Chmelnyzkyj, die für unsere Unabhängigkeit gefallen sind.“ Das gleiche Fotomotiv hat Anastasiia Horbulko gewählt: „Jedes Mal, wenn ich durch die Hauptstraße gehe, sehe ich Fotos von Soldaten, die im Krieg gefallen sind. Und ich möchte weinen.“ Kurze Zeit nachdem die 15-jährige das schrieb, fiel ihr Vater. Eigentlich wollte Anastasiia dabei sein, wenn Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann am Freitag um 18 Uhr die Ausstellung im Rathaus eröffnet. Nach dem Tod ihres Vaters war das nicht mehr möglich; der Schmerz ist zu groß.
Begegnungen mit zwei Stuttgarter Schulen
Doch einige andere Schülerinnen und Schüler aus Chmelnyzkyj sind da: Andriana Mazii, Yaroslava Volianyk, Dmytro Henzera, Tymur Melnyk und Yaroslav Kubov. Am Mittwoch trafen die 14- bis 15-Jährigen mit Schuldirektor Andrii Yakivchuk und Deutschlehrerin Liubov Kukhar in Stuttgart ein. Am Donnerstag waren sie am Königin-Olga-Stift und besuchten eine Ethikstunde. Schulleiter René Wollnitz sprach hinterher von einem eindrucksvollen Treffen voll gegenseitigen Respekts. An diesem Freitag ist die Gruppe zu Gast in der Jörg-Ratgeb-Schule, ehe sie am Abend die Ausstellungseröffnung im Rathaus begleiten. Am Sonntag geht’s zurück in das rund 1500 Kilometer entfernte Chmelnyzkyj. Ihr Besuch dient auch dazu, die Möglichkeit von Schulpartnerschaften auszuloten.
Die Stadt würde dies unterstützen, erklärt OB-Sprecherin Susanne Kaufmann, die das Ausstellungsprojekt mit Schuldirektor Yakivchuk auf den Weg gebracht hat. Seine Botschaft ist: „Selbst angesichts von Widrigkeiten bleibt Schule ein Symbol der Hoffnung.“












