: In Wahrheit handelt es sich um ein Königsschloss
Die Stuttgarter Villa Berg ist im Jahr 1951 nur in einfachem Stil erneuert worden – die Nordflügel fehlen, die Pracht des Inneren ist ganz verschwunden. Dennoch zweifelt niemand an ihrer großen Bedeutung als Kulturdenkmal. Sie sucht ihresgleichen in Deutschland.
Das ganze Gebäude in seiner historischen Pracht sehen Sie in der Fotostrecke über die Historie der Villa Berg.
Achim Zweygarth
So sahen die Villa Berg und der Park kurz nach ihrer Vollendung im Jahr 1853 aus.
Eberhard Emminger, 1808-1885
Etwa im Jahr 1910 ist diese Postkarte entstanden. Das Anwesen gehörte noch der königlichen Familie – erst 1912 ging es in den Besitz der Stadt Stuttgart über.
NN
Auf dieser Zeichnung sind die nördlichen Anbauten (links im Bild) gut zu erkennen. Sie wurden nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nicht mehr aufgebaut.
Johann Poppel, 1807-1882
Die Villa Berg etwa im Jahr 1876. Eine große Terrasse lag auf dieser Westseite vor dem Gebäude.
Friedrich Brandseph, 1826-1915
Dieses Bild zeigt den streng geometrisch geformten westlichen Park mit einem See etwa im Jahr 1920.
NN
Der Halbmondsee (im vorherigen Bild ganz links unten) war von einem Laubengang umgeben.
NN
Die Pracht der Villa Berg war im Innern überwältigend: Diese Zeichnung zeigt den großen Ballsaal.
Franz Heinrich, 1803–1890
Dieses Foto ist im Jahr 1925 aufgenommen worden und zeigt ebenfalls den Festsaal.
NN
In diesem Raum speiste das Königspaar.
NN
Nach dem Krieg ist die Villa Berg nur in vereinfachtem Stil wieder aufgebaut worden. Die Nordflügel fehlen, ebenso die kleinen Türme an der Südfassade. Von der Pracht im Inneren ist gar nichts mehr geblieben – die heutige Einrichtung geht auf die 1950er Jahre zurück.
Achim Zweygarth
Seit acht Jahren steht die Villa leer. Die Zeichen des Verfalls mehren sich.
Achim Zweygarth
Zum Schutz vor Vandalismus sind alle Türen und Fenster im Erdgeschoss mit Spanplatten verbarrikadiert worden.
Achim Zweygarth
Die Westseite der Villa: Im Vergleich zur ursprünglichen Villa stimmen hier fast alle Details noch.
Achim Zweygarth
In den 1960er Jahren ist südlich der Villa eine betonierte Fläche mit Brunnen und Sitzbänken entstanden. Sie passt überhaupt nicht in die Parklandschaft – allein ihre Beseitigung dürfte aber bis zu 1,5 Millionen Euro kosten.
Achim Zweygarth
Der Zahn der Zeit nagt kräftig an den Kacheln südlich der Villa.
Achim Zweygarth
Dieser Blick bietet sich, wenn man von der südlichen Fassade der Villa nach unten schaut: Die hässliche Fläche verunstaltet den Park.
Achim Zweygarth
Der Sendesaal in der Villa hat glanzvolle Zeiten gesehen: Der SDR berichtete oft live aus dem Saal und veranstaltete dort große Konzerte. Der Saal steht ebenso wie die Villa selbst unter Denkmalschutz.
Achim Zweygarth
Im Jahr 1965 hatte der SDR nördlich der Villa Berg große Fernsehstudios in den Park hinein gebaut. Um diese Studios geht es nun: Der Investor PDI will sie komplett umbauen und 150 Wohnungen erstellen – die Stadt will die Gebäude abreißen und die Fläche wieder als Park nutzen.
Achim Zweygarth
Auch die Zukunft des alten Parkhauses ist ungewiss.
Achim Zweygarth
Das Gutbrod-Gebäude stammt aus dem Jahr 1959 und steht zwischen der Villa und den Fernsehstudios. Dieses Gebäude wird vom SWR weiter genutzt und wird deshalb auf jeden Fall mitten im Park stehen bleiben.
Achim Zweygarth
Im unteren Teil, zum Neckar hin, hat der Park der Villa Berg seine alte Schönheit bewahren können.
Achim Zweygarth
1 / 22
Stuttgart - Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Hänge oberhalb des Neckars, zwischen Berg und Gaisburg, noch völlig unbebaut – als Kronprinz Karl im Jahr 1844 begeistert von einer Italienreise zurückkam und die Idee eines Stadtschlosses mitbrachte, entschied er sich für eine Anhöhe namens „Höllschen Bühl“ als Bauplatz, der damals noch mitten in den Weinbergen lag. Was der Architekt Christian Friedrich Leins dann zwischen 1845 und 1853 im Stil der italienischen Renaissance verwirklichte, suchte seinesgleichen in Deutschland: Die Villa Berg war kein klassisches Schloss wie das Rosenstein, aber auch kein adliges Stadthaus wie das Wilhelmspalais.
Doch auch „Villa“ ist nicht der geeignete Begriff. Vor allem wurden die Pläne noch einmal stark überarbeitet, nachdem Karl seine spätere Gattin, die Zarentochter Olga, kennengelernt hatte. Sie war reich, und ihr Wohnsitz musste in jeder Beziehung exquisit sein. „Eine solche Frau durfte man nicht mit Maulbronner Sandstein abspeisen“, sagt Ulrich Gohl, der als zweiter Vorsitzender des Gablenberger Geschichtsvereins Museo ein Buch über die Villa Berg geschrieben hat (das aber vergriffen ist): „Da darf es schon Carrara-Marmor sein.“
So entstand auf dem 24 Hektar großen Areal doch ein schlossartiges Anwesen mit Orangerie und Rehgehege, mit Seen und Wasserfällen, mit Nymphenbrunnen und Grotten. Zwölf Ballsäle hat es gegeben, dazu eine herrliche Bibliothek und prächtige Treppenhäuser mit Glasdach. Erst 1912 bekamen die Bürger Zutritt: Das Königshaus verkaufte das Anwesen an die Stadt Stuttgart, die dort Konzerte zuließ und eine Ausflugsgaststätte einrichtete – so, wie viele Menschen es sich heute wieder wünschen. Im Jahr 1925 eröffnete die Stadt dann in der Villa eine Gemäldegalerie. Im Bombenhagel 1944 versank die Villa Berg in Schutt und Asche.
Das Gebäude verfällt zusehends – innen wie außen
Nach dem Krieg baute der SWR das Gebäude nur vereinfacht wieder auf; so fehlen zum Beispiel heute die nördlichen Flügelbauten. Das Innere hat der SWR, als er das Gebäude 1951 übernahm, vollständig erneuert – von der früheren Pracht des Interieurs ist nichts geblieben. Auch die Parkanlage ist stark verändert; so wurde in den 60er-Jahren auf der Fläche vor der Villa hässliche Betonplatten verlegt.
Heute steht nicht nur die Villa selbst, sondern auch der Sendesaal unter Denkmalschutz. Dennoch verfällt das Gebäude zusehends. Außen bröckeln die Friese und Verzierungen von den Fassaden, innen soll tröpfelndes Wasser stark den Böden und Wänden zusetzen.