Wettervorhersage: Warum kommt kein Gewitter?

Die Natur in Stuttgart leidet unter der Trockenheit.
Andreas Rosar FotoagenturWer an heißen Sommertagen durch Orte wie die Stuttgarter Innenstadt läuft, kennt das Gefühl: Die Luft steht wie eine Wand in den Straßenschluchten, das T-Shirt klebt schon nach wenigen Schritten am Rücken, und das Atmen fühlt sich an wie in einem Tropenhaus. Auch bei sinkenden Temperaturen kann es noch sehr schwül und gefühlt etwas drückend bleiben – gerade wegen der hohen Luftfeuchtigkeit. Bei jedem Blick zum Himmel hofft man jetzt auf erlösende Abkühlung: Ein kleines Sommergewitter wäre nicht schlecht, um die Luft reinzuwaschen. Doch trotz ständiger Hagel- und Gewitterprognosen passiert in diesem Sommer oft stunden- oder gar tagelang nichts. Ein paar harmlose Quellwolken verziehen sich wieder, und die Waschküche bleibt erhalten.
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Warum entlädt sich das Wetter nicht, obwohl gefühlt alle Zutaten für ein Unwetter da sind? Ein Blick auf die Meteorologie und die topografischen Eigenheiten des Stuttgarter Talkessels liefert die Erklärung.
Gewitter-Rezept: Energie ist nicht alles
Damit am Himmel eine Gewitterwolke (Cumulonimbus) entsteht, braucht die Natur im Wesentlichen drei Zutaten:
- Feuchtigkeit und Wärme (Energie): Hohe Temperaturen und feuchte Luft – gemessen an einem hohen Taupunkt, meist ab 16 bis 17 Grad – liefern das Rohmaterial.
- Labilität: Die Temperatur muss mit der Höhe rasch abnehmen, damit warme, aufsteigende Luftpakete immer wärmer und leichter bleiben als ihre Umgebung und ungehindert nach oben schießen können.
- Ein Auslöser (Hebungsantrieb): Ein Impuls, der die Luftmasse überhaupt erst dazu zwingt, in große Höhen aufzusteigen, wie eine heranziehende Kaltfront, Windkonvergenzen oder Berge.
An schwülen Tagen in Stuttgart ist Zutat 1 im Überfluss vorhanden. Das Problem liegt fast immer an Zutat 2 oder 3: Es fehlt der Zündfunke oder die atmosphärische Schichtung blockiert den Aufstieg.

Großstadt zwischen Wald und Dürre.
Andreas Rosar FotoagenturInversion als „Gewitter“-Deckel
Der häufigste Grund für ausbleibende Gewitter trotz extremer Schwüle ist unterdessen der sogenannte meteorologische „Deckel“ (Inversionsschicht). Normalerweise kühlt Luft ab, je höher man kommt. Bei sommerlichen Hochdruckwetterlagen sinkt jedoch Luft aus großer Höhe großräumig ab, erwärmt sich und trocknet ab. In etwa 1.500 bis 3.000 Metern Höhe bildet sich dadurch eine warme Sperrschicht.
Steigt nun am Boden die feuchtwarme Luft nach oben, trifft sie auf diese wärmere Schicht und verliert schlagartig ihren Auftrieb. Sie stößt sich bildlich gesprochen den Kopf an der Decke. Die Quellwolken flachen ab, zerfasern und können nicht in die eisigen Höhen von 10 bis 12 Kilometern vordringen, die für Blitz und Donner nötig wären. Für ein ordentliches Gewitter bräuchte man eine bessere Durchmischung der Luftmassen.
Schwarzwald und Schwäbische Alb als Gewitter-Magnete
In Stuttgart kommt zur allgemeinen Großwetterlage noch die Topografie hinzu, die das Phänomen spürbar verstärken kann. Denn durch die Kessellage und dichte Bebauung heizt sich die Stadt enorm auf (städtische Wärmeinsel). Straßen und Betonwände geben nachts kaum Wärme ab. Der Kessel wirkt wie eine feuchtwarme Wanne, in der sich die Luft fängt und kaum zirkuliert.
Während Stuttgart womöglich noch schwitzt, kochen die Gewitter rundherum wesentlich leichter hoch. Mittelgebirge zwingen Luftmassen mechanisch zum Aufsteigen (orografische Hebung). Schwarzwald und Alb lösen daher viel früher Gewitter aus. Manchmal ziehen Gewitterfronten entlang der Höhenzüge an der Region Stuttgart vorbei, oder das über dem Neckarbecken liegende Luftpolster bremst herannahende Systeme ab. Damit kann auch einmal ein unangenehmer Hagelsturm mit großen Körnern auf der Strecke bleiben.
Gefährliche Superzellen oder anhaltende Trockenheit?
Das Ausbleiben von Gewittern ist für das persönliche Wohlbefinden etwas nervig – und kann mit einem bösen Erwachen enden. Denn wenn die Atmosphäre extrem schwül ist und der Deckel schließlich doch durchbrochen wird – etwa durch eine herannahende markante Kaltfront oder extreme Überhitzung – entlädt sich die aufgestaute Energie oft explosiv. Aus einer harmlosen Wetterlage werden dann in kürzester Zeit unwetterartige Starkregenfälle, Sturmböen oder Superzellen mit Hagel, die in der reliefreichen Region Stuttgart schnell zu überfluteten Straßen und Unterführungen führen können.
Bleibt das Gewitter aus, heißt es: Durchhalten und den Körper entlasten, weiterhin viel trinken und höhere Lagen wie die Fildern aufsuchen oder einen Ausflug Richtung Alb unternehmen. Spätestens ab Dienstag soll es im Stadtgebiet Stuttgart dann regnerisch und nochmals etwas kühler werden. Wahrscheinlich reichen die Niederschlagsmengen aber nicht aus, um die wochenlange Trockenheit zu kompensieren.
