Weihnachtsumfrage in Stuttgart: Wo ist Ihnen in diesem Jahr ein Engel begegnet?


Die Bischöfe Klaus Krämer (links) und Ernst-Wilhelm Gohl
dpa/ Lichtgut/Christoph Schmidt
Ernst-Wilhelm Gohl, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche Württemberg: Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin erzählte mir Folgendes: Junge Männer einer Einrichtung für Straffällige übernehmen Gartenarbeiten im Gemeindezentrum. Für die Pause hat diese Mitarbeiterin nicht nur reichlich Essen vorbereitet, sondern auch den Tisch festlich gedeckt mit weißer Tischdecke und Blumen. Einer der jungen Straffälligen fragt: „Warum machen Sie sich die Mühe? Wir sind doch nichts wert!“ „Doch!“, sagte die Mitarbeiterin und stellt eine Vase mit frischen Blumen auf den Tisch. Das ist für mich die Botschaft eines Engels. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Klaus Krämer, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart: Wenn ich an Engel in Stuttgart denke, kommt mir als erstes der Stuttgarter Katholikentag vor zwei Jahren in Erinnerung. Auf dem Schlossplatz waren zwei große goldene Engelsflügel zu sehen, vor denen sich unzählige Menschen fotografieren ließen, um damit die „Aktion Schutzengel“ des katholischen Hilfswerks missio zu unterstützen. Die Aktion richtet sich gegen moderne Formen der Sklaverei. Rund 50 Millionen Menschen leiden laut der Vereinten Nationen unter wirtschaftlicher Ausbeutung und Unfreiheit. Mit der Aktion werden viele konkrete Projekte möglich gemacht, die Betroffene aus der Ausbeutung befreien und ihnen den Weg in ein menschenwürdigeres Leben öffnen. Durch die Unterstützung der Aktion kann jeder zu einem Schutzengel für diese Menschen werden. Während des Katholikentags sind mir viele solche Schutzengel in der Stuttgarter Innenstadt begegnet. Ein ermutigendes Hoffnungszeichen für eine gerechtere Welt!
Foto: dpa/Christoph Schmidt
Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart: „Was wir bei der Telefonseelsorge hören, ist oft schwer. Depressionen, Ängste und Einsamkeit belasten die Menschen und stehlen ihnen die Lebensfreude. Doch so oft ist es, als würde eine unsichtbare Kraft die Gespräche begleiten. Diese Kraft, die ich als unseren Hoffnungsengel empfinde, hilft uns, die Schwere des Gesprächs zu durchbrechen. Wir finden gemeinsam Wege, um die Dunkelheit ein Stück zu vertreiben. Erinnerungen an Momente des Lachens und der Leichtigkeit bedeuten Hoffnung und damit Zuversicht.“

Eric Gauthier, Gründer von Gauthier Dance, Choreograph, Tänzer, Sänger: Mir hat dieses Jahr ein Engel namens Jens Mut gemacht – mein enger Freund und Band-Kollege Jens-Peter Abele, der vor zwei Jahren ganz plötzlich starb. Seitdem hatte ich meine Gitarre nicht mehr angerührt. Aber irgendwann war da dieses Gefühl, als ob Jens mir sagen wollte: Jetzt ist gut, schau nach vorn und mach wieder Musik. Und dann ging alles ganz schnell. Mit dem neuen Gitarristen Vitek Spacek und meinen alten Kollegen feiern wir nun unser Comeback mit einem Konzert im Theaterhaus Ende November – und als Show-Band für die Nacht der Lieder 2024.

Irene Armbruster, Geschäftsführerin der Stuttgarter Bürgerstiftung: Am wohlsten fühlen sich Engel in Scharen. Das ist meine Erfahrung. Dann verbreiten sie Glanz und Gloria. Es ist gut einen Schutzengel zu haben. Aber es leuchtet und tönt, wenn eine Engelsgruppe gemeinsam wirkt und Kaffee auf dem Friedhof ausschenkt, mit Kindern ins Theater geht oder mit Menschen in prekären Lebenssituationen kocht und isst. Engel lieben die Gemeinschaft und das Gute ist, sie nehmen immer wieder gerne neue Engel auf.
Foto: Caroline Holowiecki
Patrick Bopp, ehemals Die Füenf, Sänger, Leiter von diversen Chören, darunter dem Chor der Vesperkirche „Rahmenlos & Frei. Bopp ist auch Mitinitiator und musikalischer Moderator des Stuttgarter Weihnachtssingens am vierten Advent im Gazi-Stadion: Meine spontane Reaktion wäre: Nein, mir ist in diesem Jahr kein Engel begegnet. Aber wenn ich in mich hineinhorche, wird mir klar, dass ich diese Begegnung(en) nur nicht bewusst wahrgenommen habe. Ich durfte in diesem Jahr immer wieder Augenblicke der Dankbarkeit und des Glücks erleben und diese Momente der Bewusstwerdung sind für mich Nahtstellen für ,Engelsbegegnungen‘. Konkret ist mir in den letzten Wochen vor dem Abschiedskonzert der Füenf aufgefallen, dass wir in den 29 Jahren so unfassbar viele Kilometer quer durch Deutschland gefahren sind, ohne einen Unfall zu haben. Also wenn da kein Schutzengel am Werk war. Das lässt sich natürlich auch auf viele scheinbar selbstverständliche Zustände im Leben wie beispielsweise Familie oder Beruf übertragen.
Fotot: Caroline Holowiecki
Simone Fischer, Behindertenbeauftragte des Landes Baden-Württemberg: Engel begegnen mir oft in den kleinen Momenten des Alltags – besonders, wenn ich mit dem Fahrrad und der Bahn unterwegs bin. Da sind fremde Menschen, die aufmerksam sind und unaufgeregt helfen: zum Beispiel, wenn sie spontan beim Einladen des Fahrrads in den Zug oder beim Tragen des Gepäcks zur Hand gehen. Diese kleinen Gesten, die für viele Leute selbstverständlich sind, zeigen mir immer wieder, wie viel Aufmerksamkeit und Menschlichkeit uns jeden Tag umgeben.

Stephan Schorn , Leiter der Abteilung gesellschaftliches Engagement bei der LBBW und Geschäftsführer der LBBW-Stiftung: „Mitte September ist mir nachts ein Krankenpfleger als Engel begegnet: Mein Vater und ich waren im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz am Bett meiner sterbenden Mutter. Der Pfleger schaute einmal in der Stunde vorbei, und als er merkte, dass mein Vater müde wurde, schob er kurzerhand ein weiteres Bett ins Zimmer, so dass er sich immer wieder kurz hinlegen konnte. Obwohl für zwei Stationen alleine zuständig, organisierte er noch einen kleinen Schwamm und den Lieblingstee meiner Mutter, damit wir ihre Lippen feucht halten konnten. Als sie schließlich in den Morgenstunden starb, tat sich das ruhig und ohne erkennbare Schmerzen. – Am gleichen Abend feierten wir den 40. Geburtstag der LBBW-Stiftung. Das konnte ich auch dank dieses irdischen Engels im Krankenhaus und in der Gewissheit tun, dass meine Mutter in der Geborgenheit Gottes gut angekommen war.“
Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Dagmar Mikasch-Köthner , Direktorin der Stuttgarter Volkshochschule: Die Begegnung, von der ich erzählen möchte, liegt ein paar Jahre zurück. Aber sie ist mir so eindrücklich im Gedächtnis geblieben, dass ich sie hier gerne teilen möchte. Es war am 1. Weihnachtsfeiertag. Ich war morgens zu einer Joggingrunde aufgebrochen. Außer mir war an diesem kalten Weihnachtsmorgen noch niemand unterwegs, als auf einem Waldweg vor mir, im Nebel nur schemenhaft zu erkennen, ein kleiner Junge auftauchte. Er trug eine bei der Kälte viel zu dünne Jacke und einen Rucksack auf dem Rücken, aus dem ein Teddy herausschaute. „Bist Du ganz allein unterwegs?“ Kopfnicken. „Und wo kommst Du her?“ Sein Arm zeigte in Richtung Straßenbahnhaltestelle. „Ich begleite Dich ein Stück.“ Verlegen willigte der Junge ein. „Ich besuche meinen Papa, der wohnt da vorne am Sportplatz.“ Aha, daher der Rucksack. Wir gehen schweigend nebeneinander her.
Foto: Wilhelm Mierendorf
Markus Eisenbraun , Stuttgarter Polizeipräsident: Engel schützen, bringen Licht in die Dunkelheit und Hilfe, wo sie benötigt wird. Unsere Beamtinnen und Beamten bringen Tag für Tag Ruhe in chaotische Momente, helfen und schützen, wo sie können, und geben so den Menschen vielleicht etwas Hoffnung zurück. Sie zögern nicht, in Notsituationen entschlossen einzuschreiten und dabei auch ihr Leben zu riskieren. Wir sind manchmal unsichtbar, manchmal sichtbar, aber „sicher“ immer da.
Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Markus Korselt, Geschäftsführender Intendant der Stuttgarter Kammerorchester: Engel können sicher heiter sein, aber so einen habe ich nicht gesehen. Dafür sah ich einen anderen, obwohl ich wegschauen wollte: zart, verletzlich, ganz bei sich, wie einer dieser von Paul Klee in schnellen Strichen gezeichneten Engel. Der in dreckstarrende Lumpen gehüllte etwa sechsjährige Junge lag mitten auf einer Straße. Schlief er? Diesen Engel bekomme ich nicht aus dem Kopf, ich hab’s versucht. Noch besser als Verdrängung: Lasst uns etwas tun, eine kleine Spende ist ein Anfang. Dann kommt beim nächsten Mal vielleicht ein heiterer Engel.
Foto: Wolfgang Schmidt Ammerbuch
Irene Kolb-Specht, Vorstandsvorsitzende des bhz Stuttgart: Mir begegnen Engel immer dann, wenn ich allein nicht weiterkomme und unverhofft Hilfe von wohlmeinenden Mitmenschen erhalte. In den Einrichtungen des bhz Stuttgart sind es die Mitarbeitenden, die Menschen mit Behinderungen nicht nur bei der Alltagsbewältigung begleiten, sondern darüber hinaus deren Leben mit besonderen Angeboten und Aktivitäten bereichern. Es sind die Menschen, die das bhz Stuttgart bei der Erfüllung seines diakonischen Auftrags großzügig materiell und immateriell unterstützen. Diese Menschen stimmen mich zuversichtlich in dieser Welt voller Krisen.

Nils Runge, Nachtmanager Stadt & Region Stuttgart beim Pop-Büro Region Stuttgart: 2024 – ein Jahr, das uns vieles abverlangt hat. Die Welt brennt an vielen Ecken: Kriege, Krisen, wachsender Druck, Rechtsruck. Doch auch in der Dunkelheit gibt es viele Momente, die leuchten. Eine unerwartete Umarmung, ein fremdes Lächeln, ein Wort, das zur rechten Zeit kommt, ein Blick, der Mut macht. Engel? Sind für mich keine Wesen mit Flügeln, sondern Gesten der Menschlichkeit. Sie zeigen sich leise, durch andere Menschen, mitten im Alltag. Und manchmal sind es auch wir, wenn wir für andere da sind.

Monika Renninger, Pfarrerin und Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof: Mit Engeln habe ich oft zu tun. Ich sehe einen ziemlich regelmäßig hier bei uns um die Ecke, der einem Mann, der auf der Straße lebt und auf keinen Fall in eine Unterkunft will, regelmäßig einen Kaffee vorbeibringt und etwas zu essen. Ich habe vor kurzem mit einem gesprochen, der neulich nachts stundenlang mit einem Freund in der Ukraine telefoniert hat, dessen Kind sehr krank ist. Zufällig bin ich kürzlich einem auf dem Wochenmarkt begegnet, der mich daran erinnert hat, dass ich noch einen Wunsch guthabe, weil ich vor Jahren einmal einer alleinerziehenden Familie geholfen habe, eine Wohnung zu finden. Da habe ich nicht gezögert und gesagt, nun bräuchte ich auch einen neuen Arbeitsplatz für diese Frau. Und gerade jetzt erst habe ich einen mir bereits bekannten Engel gesehen, wie er ein weinendes Kind getröstet und zum Lachen gebracht hat. Mich auch.

Werner Schmidt, Koordinator der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen: Engel beschützen und helfen uns, sie verbreiten Zuversicht und Hoffnung. Engel sind für mich in erster Linie unzählige Bürger:innen, die durch ihr ehrenamtliches Engagement unser Gemeinwesen trotz aller Widrigkeiten zusammenhalten. Nachbarschaftshelfer:innen, Fußballtrainer:innen und Menschen, die sich um Geflüchtete kümmern oder mit den Stolpersteinen eine lebendige Erinnerungskultur pflegen. Doch auch sie brauchen ihre Engel. Gerade wenn sie dauerhaft für andere da sein sollen/wollen, sind sie angewiesen auf die Unterstützung der Mitarbeitenden in karitativen Verbänden, Sportvereinen und anderen Organisationen. Ohne die Leiterin der Stadtteilbibliothek, die der örtlichen Stolperstein-Initiative offene Sprechstunden und Filmveranstaltungen in ihren Räumlichkeiten ermöglicht, oder die immer mit großer Umsicht und ganzem Herzen über das übliche Maß hinaus Arbeitenden im Lern- und Gedenkort Hotel Silber wären die vielfältigen Impulse für eine offene und tolerante Stadtgesellschaft nicht machbar. Damit auch in Zukunft viele Engel ihr gutes Werk verrichten können, müssen die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Miteinander von Ehren- und Hauptamt erhalten und – wo notwendig – sogar ausgebaut werden

Petra Mack, Leitung Werkhaus des bhz Stuttgart: Engel begegnen uns wahrscheinlich sehr oft im Alltag, wenn wir dafür offen sind und aufmerksam hinschauen. Wir sind umgeben von ihnen, es sind Engel mit unsichtbaren Flügeln, Menschen die uns nahestehen, die uns in schwierigen Situationen auffangen oder uns Freude bereiten und uns zum Lachen bringen. Da ist mein bester Freund, der einfach ohne zu fragen eine Tag Urlaub nimmt, um mich zur Beerdigung eines für mich wichtigen Menschen zu fahren. Der nicht sagt, ich habe keine Zeit, sondern da ist, wenn ich ihn brauche. Da sind unsere Menschen mit Behinderung, die mich nach drei Wochen Urlaub freudestrahlend empfangen und sagen: Unser Sonnenschein ist endlich wieder da! Wir haben dich so vermisst! Irdisch und ganz menschlich öffnen diese Engel das Herz und schenken Licht und Leichtigkeit in den oft nicht ganz einfachen Zeiten. Ich wünsche uns allen den offenen Blick für Engel im Alltag und den Schutz der himmlischen Engel im neuen Jahr 2025.

Matthias Vosseler, Pfarrer der Stuttgarter Stiftskirche: Er begegnet mir jede Woche, ja fast jeden Tag: der Engel an der Kanzelsäule der Stiftskirche. Er hält eine Posaune in seiner Hand. Wenn einmal die Posaune ertönt, soll diese Welt gerichtet werden. Aber dieser Engel bläst die Posaune noch nicht. Seine Augen sind auf Jesus am Kreuz gerichtet. Mir will das im Jahr 2024 sagen: Gib den Menschen Liebe und Zuneigung im Sinne Jesu. Setz dich ganz für ein gutes Miteinander in unserer Stadt ein. Mach auch mal Pause. Engel machen das auch.

Michael Gaedt, Comedian: Die Frage nach dem Treffen mit einem Schutzengel im Jahr 2024 kann ich sehr präzise beantworten. Am 23. Oktober fuhr ich mit meinem kleinen roten Lkw zur Probe nach Berlin. Kurz nach Ludwigsburg, gegen 12.30 Uhr, fuhr ich auf einen stehenden Lkw auf. Als ich ausstieg, sah ich die Bescherung. Das Bild, das sich mir zeigte, kann man am ehesten mit folgendem weihnachtlichen Missgeschick illustrieren. Setzen Sie sich einfach auf die Tüte mit dem Christbaumschmuck! Dass ich unverletzt aussteigen konnte, dass niemand verletzt wurde, dass ich das Krankenhaus in Bietigheim nach 6 Stunden verlassen konnte . . . ist alles ein Wunder. Und für Wunder ist bei mir mein Schutzengel zuständig und nicht Parship oder Tinder! Dieses eine Mal hätte ich ihn fast gesehen, all die anderen Male im Jahr hat er sich sicher ganz unauffällig „eingemischt“. Im Namen aller Schutzengel, der Polizei Ludwigsburg und den Rettungssanitätern wünsche ich eine frohe Weihnachten und entschuldige mich nochmals für 5 Stunden Stau auf 15 Kilometern auf der A 81.

Menja Stevenson, Leiterin der Jugendkunstschule, Stuttgart. Sie hat zusammen mit Schülern das Open Piano in der Unterführung am Charlottenplatz künstlerisch gestaltet: Der ganze „Charly“ (Charlottenplatz) ist von wunderschöner Klaviermusik erfüllt: Eine Virtuosin spielt mit geschlossenen Augen am Open Piano, das wir dort aufgestellt haben. Dazu quietscht eine einfahrende U-Bahn. Da höre ich einen lauten Schlag: Ein älterer Herr ist gegen die ankommende Bahn gefallen: Aber noch während er auf die Gleise hinunter taumelt, greifen in Sekundenschnelle acht Hände nach ihm und ziehen ihn zurück. Wie im Film spielt während all dem die Zaubermusik weiter.

Christoph Sonntag, Comedian: In den furchtbaren Zeiten, als unsere gemeinnützige „Stiphtung“ und ich mit falschen Vorwürfen in den Schmutz gezogen wurden, war ich schwer getroffen und habe mich daheim vergraben. Irgendwann musste ich raus und habe mich in Fellbach in ein Restaurant gesetzt mit dem Rücken zur Türe. Eine alte Frau kam auf mich zu, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte: „Herr Sonntag, halten Sie einfach durch. Wir wissen, dass nichts dran ist, das geht alles gut aus!“ Als ich mich verwundert umdrehte, war sie weg; ich habe diese Frau als Engel wahrgenommen. Mittlerweile blüht unsere „Stiphtung“ auf und wir dürfen selbst oft Engel spielen, sei’s bei den benachteiligten Kindern, bei unseren Obdachlosen und Wohnungslosen oder bei anderen Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Es ist ein wunderschönes Gefühl. So mag Weihnachten kommen!
Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
Gabriele Ehrmann, Diakoniepfarrerin und Leiterin der Vesperkirche St. Leonhard: Ja, Engel gehören zu Weihnachten. Aber sie sind nicht immer an ihren Flügeln zu erkennen. Mal sind sie großartig. Manchmal sind sie völlig unscheinbar. Als ich angefragt wurde, eine Engelgeschichte aufzuschreiben, ist mir erst einmal gar keine eingefallen. So unscheinbar können Engel oft sein. Aber auf den zweiten Blick, da sind sie plötzlich da, die Engel und nicht nur an Weihnachten. Neulich stand ich in der Schlange im Supermarkt ohne Wagen so auf die Schnelle und war sehr in Eile. Die Dame vor mir schaute mich an und sagte: „Gehen Sie doch vor, ich habe Zeit.“ „Danke schön“, sagte ich erleichtert: „Sie sind ein Engel!“

Gerhard Raff, Historiker, Schriftsteller, Mundartautor und selbsternannter „Benefiz-Schwätzer“: Agnetha, Anni Frid, Benny und Björn, die vier Mitglieder einer weltberühmten skandinavischen Gesangstruppe, tönen seit bald einem halben Jahrhundert: ,I (We) believe in angels“. Dies tu auch ich, und seit ein paar Jährle auch meine goldigen Freundchen Samu, Konsti und Emi, drei bildschöne und blitzgescheite Büble und begnadete Quer- und Blockflöten- und Fußballspieler. Wissen wir doch dank deren Taufspruch: Onser Herrgott ,hat seinen Engeln befohlen, dass sie Dich behüten auf allen Deinen Wegen. (Psalm 91,11).‘ Und immer wenn wir nach unserem montäglichen Treffen vom Vorlesen, Singen und Spielen auseinandergehen, zeichnen wir uns gegenseitig mit dem Daumen ein Kreuzle auf die Stirn: ,Dies Kind soll unverletzet sein!‘ Oder zünden unterwegs eine Kerze an, so wie neulich in der Wieskirche. Da hat uns dann bei der Heimfahrt auf der Autobahn ein rasender Reutlinger Rowdy um ein Haar auf die Leitplanke gedrückt. Und wenn je unser Schutzengel ausnahmsweise mal nicht eingreifen sollte, dann singen wir mit dem Johann Sebastian Bach: ,Ach Herr, laß Dein lieb Engelein / am letzten End die Seele mein / in Abrahams Schoß tragen!“

Bettina Strohm, Sprecherin des Bosch-Chors: Ein Engel ist für mich meine Buchhändlerin in einem Viertel am Stuttgarter Stadtrand. Viele Kunden kommen nicht, um Bücher zu kaufen. Doch hier gibt es Unterstützung für viele Anliegen. Schulartikel, die den Großmärkten keinen Gewinn versprechen, geduldige Beratung beim Kauf von Cent-Artikeln, Passfotos für alle Anforderungen, ein offenes Ohr, ein Gespräch. Hund Maxi bekommt immer ein Leckerli. Der Buchladen ist eine Wärmestube in einem Viertel, in dem nun leider auch der Metzger und Bäcker aufgegeben haben. Hoffen wir, dass dieser Engel dem Viertel erhalten bleibt.
Engel in der Stadt? Bei diesem Gedanken mussten viele Teilnehmer unserer Weihnachtsumfrage zweimal nachdenken. Konkret lautete die Frage: „Wo ist Ihnen in diesem Jahr ein Engel begegnet?“ Das Ergebnis dieses Nachdenkens ist lesenswert, denn die Antworten fallen höchst individuell aus und haben auch mit dem beruflichen Umfeld der Befragten zu tun. Der Polizeipräsident sieht andere Engel als der Bischof und die Pfarrerin oder der Nachtmanager oder der Comedian.
In unserer Bildergalerie haben wir 23 dieser Antworten gesammelt, ergänzt um eine Beobachtung des 2016 verstorbenen Rottweiler Dichters Egon Rieble, der über Engel schrieb: „Geheimnisumwoben / du von droben. /Ungeteilter Begleiter / auf der Lebensreise / bedächtig und leise.“ Frohe Weihnachten!